Wissenschaftliche Meldungen
Warum manche junge Menschen zu Gangs neigen – und was wirklich hilft
1.2.26, 16:05
Soziologie, Psychologie, Gesellschaft

Jugendkriminalität zwischen Wahrnehmung und Realität
In vielen Ländern wird Jugendgewalt derzeit intensiv diskutiert. Medienberichte und politische Debatten vermitteln dabei oft den Eindruck, Jugendkriminalität nehme insgesamt zu. Sozialwissenschaftliche Daten zeichnen jedoch ein differenzierteres Bild. Zwar kann es regional oder zeitlich begrenzte Anstiege geben, insgesamt ist Jugendkriminalität in vielen westlichen Staaten seit Jahren rückläufig. Auffällig ist, dass öffentliche Wahrnehmung und statistische Realität häufig auseinanderklaffen. Einzelne spektakuläre Fälle oder politisch aufgeladene Begriffe wie „Jugendgangs“ verstärken Ängste, ohne die tatsächlichen Entwicklungen angemessen abzubilden.
Auch der Begriff „Gang“ selbst ist unscharf. In der Forschung bezeichnet er nicht einfach eine Clique oder Freundesgruppe, sondern eine relativ stabile, meist straßenorientierte Jugendgruppe, bei der illegale Aktivitäten Teil der gemeinsamen Identität sind. Diese begriffliche Präzisierung ist wichtig, weil sonst sehr unterschiedliche Phänomene vermischt werden – mit erheblichen Folgen für politische Entscheidungen.
Welche Faktoren das Risiko erhöhen
Die sozialwissenschaftliche Forschung zeigt seit Jahrzehnten, dass es keine einzelne Ursache gibt, die junge Menschen in Gangs führt. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel mehrerer Risikofaktoren. Dazu gehören problematische Peer-Beziehungen, etwa wenn Freunde bereits in kriminelle Aktivitäten involviert sind. Hinzu kommen belastete familiäre Situationen, geringe elterliche Unterstützung oder Kontrolle sowie schulische Schwierigkeiten wie häufiges Fehlen, schlechte Leistungen oder das Gefühl, nicht dazuzugehören.
Ein weiterer zentraler Faktor ist soziale und wirtschaftliche Benachteiligung. Aufwachsen in Vierteln mit hoher Arbeitslosigkeit, geringer sozialer Durchmischung und wenig Vertrauen zwischen den Bewohnern erhöht das Risiko, dass Jugendliche alternative Formen von Zugehörigkeit und Anerkennung suchen. Wichtig ist dabei: Kein einzelner Faktor „verursacht“ Gangzugehörigkeit. Erst die Häufung mehrerer Risiken erhöht die Wahrscheinlichkeit deutlich.
Schutzfaktoren werden oft unterschätzt
Genauso wichtig wie Risikofaktoren sind Schutzfaktoren. Positive Beziehungen zu Erwachsenen, stabile Freundschaften außerhalb delinquenten Milieus, schulischer Erfolg und realistische berufliche Perspektiven wirken nachweislich präventiv. Auch gut funktionierende Nachbarschaften, in denen soziale Kontrolle nicht repressiv, sondern unterstützend wirkt, senken die Wahrscheinlichkeit, dass Jugendliche in Gewalt oder organisierte Kriminalität abrutschen.
Diese Erkenntnisse sind gut belegt, werden in der öffentlichen Debatte aber häufig verdrängt, weil sie weniger spektakulär wirken als Forderungen nach härteren Strafen oder mehr Polizeipräsenz.
Warum harte Strafen wenig bewirken
Politische Maßnahmen, die vor allem auf Abschreckung setzen – etwa verschärfte Haftstrafen oder Kontaktverbote für mutmaßliche Gangmitglieder –, zeigen laut Forschung nur begrenzte oder kurzfristige Effekte. In einigen Fällen können sie die Situation sogar verschärfen, indem sie Jugendliche stigmatisieren, Bildungswege unterbrechen und den Kontakt zu bereits delinquenten Peers verstärken. Besonders problematisch ist, dass solche Maßnahmen oft sozial benachteiligte Gruppen überproportional treffen, ohne die strukturellen Ursachen zu adressieren.
Was evidenzbasierte Prävention leisten kann
Deutlich erfolgreicher sind Programme, die früh ansetzen und mehrere Lebensbereiche gleichzeitig berücksichtigen. Mentoring-Programme, in denen Jugendliche verlässliche erwachsene Bezugspersonen haben, zeigen positive Effekte auf schulische Leistungen und Sozialverhalten. Ebenso wirksam sind Maßnahmen, die Schule und Berufsausbildung stärken, etwa durch individuelle Förderung, Übergangsprogramme oder praxisnahe Bildungsangebote.
Auch familienorientierte Ansätze, die Eltern unterstützen und familiäre Beziehungen stabilisieren, gelten als zentraler Baustein. Viele dieser Programme existieren bereits und sind wissenschaftlich gut untersucht. Ein wiederkehrendes Problem ist jedoch ihre unzureichende Finanzierung und begrenzte Reichweite.
Ein nüchternes Fazit
Aus sozialwissenschaftlicher Sicht sind Jugendgangs kein Beweis für moralisches Versagen einzelner junger Menschen, sondern Ausdruck sozialer Ungleichheiten und fehlender Perspektiven. Repressive Maßnahmen mögen politisch attraktiv sein, lösen das Problem aber nicht nachhaltig. Langfristig wirksam sind Strategien, die Risiken reduzieren, Schutzfaktoren stärken und Jugendlichen reale Alternativen bieten. Diese Erkenntnisse sind gut belegt – ihre konsequente Umsetzung bleibt jedoch eine gesellschaftliche und politische Herausforderung.
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