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Wissenschaftliche Meldungen

Wie der Grönlandhai sein Sehvermögen bewahrt: Neue Daten aus Genom und Netzhaut

6.1.26, 11:42

Zoologie, Medizin, Biologie

Realistisches Titelbild eines Grönlandhais in dunklem, eisigem Tiefseewasser. Das Auge des Hais ist deutlich sichtbar und leicht milchig, während kaltes blaues Licht aus der Tiefe scheint. Auf dem Bild steht in großer, kontrastreicher Schrift: ‚Das Tier, das kaum altert!‘ und darunter ‚Geheimnis des ewigen Sehvermögens enthüllt!‘ – eine visuelle Darstellung eines extrem langlebigen Tieres mit erstaunlich intaktem Sehsinn.

Ein Tier, das dem Altern im Auge zu trotzen scheint


Der Grönlandhai lebt in einer Welt, die für Augen eigentlich ungünstig ist: eiskalt, extrem lichtarm, oft mehrere hundert Meter tief. Dazu kommt ein weiterer Nachteil, der Forschende lange zu einer naheliegenden Schlussfolgerung verleitete: An den Augen vieler Tiere sitzen parasitische Ruderfußkrebse, die die Hornhaut trüben können. Weil die Augen häufig milchig wirken, galt der Grönlandhai lange als Kandidat für funktionelle Blindheit. Eine neue Studie widerspricht nun dieser Vorstellung deutlich. Ein Forschungsteam berichtet, dass das visuelle System des Grönlandhais trotz sehr hohen Alters offenbar intakt bleibt und an das Sehen in der Dämmerwelt der Arktis angepasst ist.


Netzhaut ohne typische Alterszeichen


Die Arbeit kombiniert mehrere Ansätze: Genom- und Transkriptomanalysen, histologische Untersuchungen der Netzhaut sowie funktionelle Tests an Sehproteinen. Besonders auffällig ist der Befund, dass selbst bei sehr alten Tieren keine offensichtlichen Hinweise auf eine altersbedingte Netzhautdegeneration zu finden waren. Die Forschenden beschreiben, dass die für das Dämmersehen entscheidenden Stäbchen-Photorezeptoren strukturell erhalten sind und die wesentlichen Zelltypen der Netzhaut nachweisbar bleiben. Zudem zeigen die untersuchten Gewebe keinen klaren Hinweis auf verstärkten Zelltod, wie er bei alternden Wirbeltieren sonst häufig beobachtet wird.


Ein weiterer zentraler Befund betrifft die Genaktivität: In der Netzhaut des Grönlandhais sind zahlreiche Gene aktiv, die mit DNA-Reparaturprozessen in Verbindung stehen. Solche Mechanismen gelten als entscheidend, um die schädlichen Effekte langfristiger molekularer Abnutzung zu begrenzen. Die Studie formuliert diesen Zusammenhang bewusst vorsichtig. Sie zeigt Hinweise darauf, dass effiziente Reparaturmechanismen zur Stabilität des Sehsystems beitragen könnten, ohne zu behaupten, dass dieser Prozess allein das außergewöhnlich lange Funktionsniveau erklärt.


Sehen im Blau: Anpassung an extreme Dunkelheit


Dass der Grönlandhai überhaupt visuell orientiert ist, wird durch weitere Ergebnisse gestützt. Die Netzhaut ist stark auf das Sehen bei sehr schwachem Licht spezialisiert. Das Sehpigment Rhodopsin ist funktionell aktiv und spektral so angepasst, dass es besonders gut kurzwelliges, bläuliches Licht absorbiert. Solche Anpassungen sind typisch für Tiefseeorganismen, da in großen Tiefen vor allem blaues Licht verfügbar bleibt.


Gleichzeitig zeigen genetische Analysen, dass Gene für das Sehen bei hellem Licht und für Zapfen-Photorezeptoren teilweise funktionslos geworden sind oder kaum noch exprimiert werden. Das visuelle System des Grönlandhais ist damit klar auf lichtarme Bedingungen optimiert und nicht auf Farbsehen oder hohe Detailauflösung bei Tageslicht ausgelegt.


Herkunft der Daten und methodische Grenzen


Untersucht wurden Augen von Grönlandhaien, die in den vergangenen Jahren in arktischen Gewässern nahe Grönland gefangen wurden. Die Gewebe wurden konserviert und sowohl mikroskopisch als auch molekularbiologisch analysiert. Die Kombination aus realen Gewebedaten und genetischen Untersuchungen erhöht die Aussagekraft der Ergebnisse.


Gleichzeitig bleibt eine Einschränkung bestehen: Material von extrem langlebigen und schwer zugänglichen Tieren ist selten. Die Zahl der untersuchten Proben ist entsprechend begrenzt, sodass sich nicht mit letzter Sicherheit sagen lässt, wie repräsentativ die Ergebnisse für die gesamte Art sind.


Bedeutung für die Alternsforschung


Die Studie liefert keine direkte Grundlage für neue Therapien gegen altersbedingte Sehprobleme beim Menschen. Sie bietet jedoch ein wichtiges biologisches Vergleichsmodell. Wenn ein Wirbeltier über mehrere Jahrhunderte hinweg ein funktionsfähiges Sehsystem erhalten kann, muss es Mechanismen geben, die typische Alterungsprozesse bremsen oder kompensieren.


Das Verständnis solcher Strategien könnte langfristig dabei helfen, neue Ansätze gegen altersbedingten Sehverlust zu entwickeln, etwa bei Erkrankungen, die durch fortschreitende Degeneration der Netzhaut geprägt sind. Bis dahin bleibt der Grönlandhai vor allem eines: ein eindrucksvolles Beispiel dafür, dass Altern biologisch sehr unterschiedlich verlaufen kann.

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