Vom „Hund in der Pfanne“: Der Ursprung deutscher Redewendungen – skurrile Bilder, harte Belege und ein bisschen Streit
- Benjamin Metzig
- 7. Sept. 2025
- 6 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 23 Stunden

Die meisten Redewendungen klingen so, als hätte irgendwann jemand im Vollbesitz seiner Fantasie beschlossen, Sprache in eine Rumpelkammer voller Hunde, Leberwürste, grüner Zweige und Maschinengewehre zu verwandeln. Und in gewisser Weise stimmt das sogar. Nur eben nicht als spontaner Geistesblitz, sondern als langsame Ablagerung von Alltag, Handwerk, Literatur, Körperwissen und Missverständnissen.
Gerade deshalb ist die Frage nach dem Ursprung deutscher Redewendungen so reizvoll. Sie führt nicht nur zu hübschen Anekdoten. Sie zeigt, wie Sprache Erinnerung speichert. Aber sie zeigt auch etwas Ernüchterndes: Viele Ursprünge sind eben nicht messerscharf rekonstruierbar. Zwischen einem gut belegten Fall und einer bloß gern erzählten Herkunftsgeschichte liegt sprachhistorisch eine ganze Welt.
Der klügste Umgang mit Redewendungen beginnt also nicht bei der Frage „Was ist die verrückteste Erklärung?“, sondern bei einer anderen: Was ist wirklich belegt, was nur plausibel und was vermutlich nachträglich schön erzählt?
Warum Redewendungen so schwer zu sezieren sind
Redewendungen leben lange mündlich, bevor sie sauber lexikografisch erfasst werden. Sie wandern durch Regionen, Berufe, soziale Milieus und Epochen. Wörter verändern dabei ihre Bedeutung, Bilder werden undeutlich, und irgendwann merkt niemand mehr, warum ein Ausdruck überhaupt einmal einleuchtend war.
Dann passiert fast zwangsläufig dasselbe wie in der Archäologie des Alltags: Sobald ein Sinnloch entsteht, füllen Menschen es mit einer guten Geschichte. Genau daraus entstehen Volksetymologien. Sie sind nicht unbedingt erfunden im Sinne von absichtsvoller Fälschung. Sie sind eher narrative Reparaturen. Sprache duldet ungern Leerräume.
Das heißt nicht, dass alles unklar wäre. Manche Wendungen haben erstaunlich feste Anker. Andere wirken nur deshalb glaubwürdig, weil sie sich so wunderbar bebildern lassen. Und wieder andere sind gerade interessant, weil sie uns zwingen, mit Unsicherheit zu leben.
Der Hund in der Pfanne: ein Fall mit erstaunlich stabilem Stammbaum
Beginnen wir mit dem Publikumsliebling: „Da wird der Hund in der Pfanne verrückt!“
Wer diesen Satz hört, merkt sofort, warum er sich gehalten hat. Er ist zu absurd, um vergessen zu werden. Laut Duden führt seine Herkunft tatsächlich zu Till Eulenspiegel. Damit gehört diese Wendung zu den seltenen Fällen, in denen nicht nur eine hübsche Erklärung kursiert, sondern eine literarisch tradierte Ursprungsgeschichte mit bemerkenswerter Zähigkeit weiterlebt.
Das ist wichtig, weil hier ein Grundmissverständnis über Redewendungen sichtbar wird. Viele Menschen denken, Redensarten müssten ursprünglich einmal ganz nüchterne Beschreibungen gewesen sein, die später metaphorisch wurden. Der „Hund in der Pfanne“ zeigt das Gegenteil. Manche Wendungen bleiben gerade deshalb im Gedächtnis, weil sie von Anfang an übertrieben, grotesk und erzählerisch aufgeladen sind.
Kernidee: Gute Redewendungen sind oft keine sprachlichen Abkürzungen, sondern kleine Katastrophenbilder.
Je schräger das Bild, desto größer die Chance, dass es Jahrhunderte überlebt.
Die beleidigte Leberwurst: wenn alte Medizin auf Volkswitz trifft
Etwas komplizierter liegt der Fall bei der „beleidigten Leberwurst“. Duden erklärt die Wendung so, dass sie ursprünglich wohl an die ältere Vorstellung anknüpft, die Leber sei ein Zentrum der Gefühle, und später volksetymologisch mit der Erzählung verbunden wurde, die Leberwurst sei aus Wut geplatzt, als die Blutwurst vor ihr aus dem Kessel geholt wurde (Duden).
Genau daran lässt sich exemplarisch zeigen, wie Redewendungen funktionieren. Sie konservieren nicht bloß Wörter, sondern ganze Weltbilder. Heute wirkt die Leber als Sitz der Empfindung exotisch. In vormodernen Körpervorstellungen war sie viel näher an Emotion, Temperament und innerer Verfassung, als es uns aus heutiger physiologischer Sicht plausibel erscheint.
Die spätere Wurstgeschichte ist dann fast schon das perfekte zweite Leben der Wendung. Sie macht aus einer alten Symbolik eine merkfähige, komische Szene. Und genau so entstehen oft langlebige Sprachbilder: Ein älterer Bedeutungskern bleibt erhalten, aber das Gedächtnis des Publikums hängt sich irgendwann lieber an eine knallige Nachgeschichte.
„Blau machen“: genau dort beginnt der Streit
Bei „blau machen“ zeigt sich die nächste Schwierigkeit. Kaum eine Redewendung wird im Alltag so selbstverständlich benutzt, und kaum eine wird so oft mit einer allzu glatten Herkunftsgeschichte versehen. Duden führt „blaumachen“ auf die gekürzte Form von „einen blauen Montag machen“ zurück. Beim „blauen Montag“ heißt es wiederum, der Ausdruck gehe ursprünglich wohl auf den arbeitsfreien Montag vor Beginn der Fastenzeit und auf die dafür vorgeschriebene liturgische Farbe Blau zurück.
Das ist nicht so hübsch wie die gern weitererzählte Version vom Färberhandwerk, bei dem Stoffe angeblich beim Trocknen „von selbst“ blau wurden, während die Arbeiter Pause machten. Aber gerade deshalb ist der Fall so lehrreich. Populäre Sprachgeschichten lieben handfeste Werkstattbilder. Wörterbücher arbeiten vorsichtiger. Sie markieren Wahrscheinlichkeiten, konkurrierende Herleitungen und historische Reichweiten.
Das eigentliche Abenteuer liegt hier also nicht in einer endgültigen Lösung, sondern in der Differenz zwischen erzählerischem Komfort und philologischer Disziplin. Wer nach Ursprüngen fragt, bekommt nicht immer Kino. Manchmal bekommt man einen vorsichtigen „wohl“-Satz. Und genau das ist oft die seriösere Antwort.
Der grüne Zweig: nicht jede Herkunft braucht Spektakel
Ganz anders wirkt die Wendung „auf keinen grünen Zweig kommen“. Duden erklärt, der „grüne Zweig“ stehe hier bildlich für das Wachsen der Natur im Frühjahr (Duden). Das ist im Vergleich zum Hund in der Pfanne fast schon nüchtern.
Aber gerade dieser Kontrast ist aufschlussreich. Nicht jede Redewendung verdankt ihre Langlebigkeit einer wilden Anekdote. Manche leben von einem Bild, das tief genug in elementaren Erfahrungen sitzt: Wachstum, Gedeihen, Austrieb, Erfolg. Wer auf einen grünen Zweig kommt, schafft es gewissermaßen ins Sichtbare, Fruchtbare, Lebendige. Wer das nicht schafft, bleibt im Unfertigen oder Kargen stecken.
Solche Bilder sind sprachhistorisch oft robuster, weil sie nicht an eine einzige Szene gebunden sind. Sie müssen nicht erst mühsam erklärt werden. Man versteht intuitiv, warum Grün mit Aufstieg, Gelingen und Entwicklung verbunden ist. Die Bildlogik arbeitet fast geräuschlos weiter.
08/15: wenn das Militär ins Wohnzimmer der Sprache marschiert
Dann gibt es noch die überraschend modernen Fälle. „08/15“ gehört dazu. Laut Duden stammt die Wendung aus der Soldatensprache und wurde vom im Jahr 1908 eingeführten und 1915 veränderten Maschinengewehr auf das Einerlei des immer gleichen Unterrichts an dieser Waffe übertragen (Duden).
Das ist sprachgeschichtlich fast luxuriös präzise. Hier braucht es keine mittelalterliche Schattenzone und keine spätere Legendenbildung, um den Weg der Wendung zu verstehen. Das Bild ist kalt, technisch und bürokratisch. Gerade deshalb passt es so gut zur heutigen Bedeutung: standardisiert, fantasielos, unerquicklich gewöhnlich.
Und noch etwas wird hier sichtbar: Redewendungen sind keine romantischen Fossilien aus einer fernen Welt. Sie entstehen auch in modernen Apparaten. Militär, Verwaltung, Industrie und Medien haben ihren ganz eigenen Beitrag zur Bildsprache des Alltags geleistet. Das Deutsche ist nicht nur ein Wald aus Bauernregeln und Schwänken, sondern auch ein Archiv der Disziplinierung.
Was all diese Wendungen gemeinsam haben
So unterschiedlich diese Fälle sind, sie teilen eine entscheidende Eigenschaft: Sie verwandeln abstrakte Erfahrungen in körperliche oder szenische Kürzel.
Staunen wird zum verrückten Hund in der Pfanne.
Schmollen wird zur beleidigten Wurst.
Erfolg wird zum grünen Zweig.
Eintönigkeit wird zur Waffenbezeichnung.
Faulenzen wird an einen besonderen Montag gehängt.
Das ist mehr als sprachlicher Schmuck. Es ist eine Form kultureller Datenkompression. Redewendungen speichern soziale Erfahrung so, dass sie schnell abrufbar bleibt. Wer sie benutzt, aktiviert nicht nur Bedeutung, sondern oft unbemerkt auch alte Ordnungssysteme: religiöse Zeitrhythmen, Berufsalltag, Körpermodelle, literarische Figuren, militärische Routinen.
Warum wir falsche oder halbrichtige Herkünfte so lieben
Die unangenehme Wahrheit lautet: Eine gute Ursprungsgeschichte ist oft erfolgreicher als eine genaue. Sie ist pointierter, besser weitererzählbar und befriedigt unser Bedürfnis, Sprache auf klare Schlüsselmomente zurückzuführen.
Aber Sprachgeschichte verläuft selten wie ein sauber beschrifteter Stammbaum. Häufig haben wir es mit späteren Belegen, regionalen Verschiebungen und konkurrierenden Deutungen zu tun. Die eigentliche intellektuelle Leistung besteht dann nicht darin, die farbigste Erklärung auszuwählen, sondern Unsicherheit auszuhalten, ohne ins Beliebige abzugleiten.
Faktencheck: Bei Redewendungen ist „ungeklärt“ keine Kapitulation.
Es ist oft einfach die ehrlichste Beschreibung der Quellenlage.
Gerade deshalb lohnt sich der Blick auf Wörterbücher und Spracharchive. Sie sind weniger charmant als Küchenmythen über beleidigte Würste oder handwerkliche Pausen, aber sie zeigen etwas Wichtigeres: wie vorsichtige Erkenntnis arbeitet.
Redewendungen sind kleine Geschichtsspeicher
Am Ende liegt der Reiz deutscher Redewendungen nicht nur darin, dass sie seltsam klingen. Er liegt darin, dass sie die Vergangenheit im Alltag mitlaufen lassen, ohne sich jedes Mal als Vergangenheit auszuweisen.
Wenn wir sagen, jemand spiele die beleidigte Leberwurst, steckt darin ein Rest vormoderner Körperdeutung. Wenn wir von 08/15 sprechen, spricht ein Stück Militärgeschichte mit. Wenn niemand auf einen grünen Zweig kommt, bleibt eine alte Naturmetapher aktiv. Und wenn der Hund in der Pfanne verrückt wird, meldet sich eine literarische Groteske zurück, die älter ist als fast alles, was heute in Kommentarspalten kursiert.
Redewendungen sind also weder bloß Sprachschmuck noch bloß Unterrichtsmaterial. Sie sind Miniarchive. Nur sollte man sie nicht wie perfekt geordnete Museumsstücke behandeln. Manche Exponate sind hervorragend beschriftet. Andere tragen nur eine plausible Notiz. Und wieder andere haben ein Schild, auf dem sinngemäß steht: schöne Geschichte, Beweislage mäßig.
Das macht sie nicht weniger faszinierend.
Im Gegenteil.
Es macht sie menschlicher.
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