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Japanischer Supervulkan Kikai: Magma-Reservoir füllt sich nach Megaeruption wieder auf
28.3.26, 11:37
Geowissenschaften

Unter der Kikai-Caldera sammelt sich wieder Schmelze
Rund 7.300 Jahre nach der gewaltigen Kikai-Akahoya-Eruption gibt es neue Hinweise darauf, dass sich unter der Kikai-Caldera im Süden Japans erneut ein großes Magmareservoir gebildet hat. Ein Forschungsteam berichtet in Communications Earth & Environment, dass seismische Messungen direkt unter dem Vulkan einen ausgeprägten Bereich mit ungewöhnlich niedrigen Wellengeschwindigkeiten zeigen. Solche Zonen gelten in der Geophysik als starkes Indiz dafür, dass heißes, teilweise geschmolzenes Material im Untergrund gespeichert ist.
Besonders relevant ist das, weil die Kikai-Akahoya-Eruption zu den größten bekannten Ausbrüchen des Holozäns zählt. Nach Angaben der Studie wurden damals etwa 133 bis 183 Kubikkilometer Magma als „Dense Rock Equivalent“ mobilisiert, also als auf feste Gesteinsmenge umgerechnetes Volumen. Die neue Arbeit deutet darauf hin, dass das magmatische System unter der Caldera keineswegs dauerhaft entleert blieb, sondern inzwischen wieder Schmelze aufgenommen hat. Das ist für die Vulkanforschung wichtig, weil große Caldera-Systeme nach katastrophalen Eruptionen oft als schwer zu „lesen“ gelten.
Was die Forschenden tatsächlich gemessen haben
Die Grundlage der Studie ist keine spekulative Modellrechnung, sondern eine marine seismische Feldkampagne. Dafür setzten die Forschenden entlang einer 175 Kilometer langen Messlinie 39 Ozeanboden-Seismometer ein und erzeugten mit einem Airgun-System kontrollierte seismische Signale. Neun Messgeräte lagen in engem Abstand direkt über dem Caldera-Bereich, weitere 30 wurden außerhalb des Systems verteilt. Aus den Laufzeiten der Wellen rekonstruierten die Forschenden die P-Wellengeschwindigkeit im Untergrund.
Dabei zeigte sich unter der Kikai-Caldera eine markante Niedriggeschwindigkeitszone in etwa 2,5 bis 6 Kilometern Tiefe. In der 2D-Schnittansicht lässt sich diese Zone vereinfacht als trapezförmiger Körper beschreiben: mit einer oberen Basis von etwa 4 Kilometern, einer unteren Basis von etwa 13 Kilometern und einer Höhe von rund 3,5 Kilometern. Die maximale Geschwindigkeitsreduktion lag laut Studie bei bis zu 22 Prozent. Solche Abweichungen sind zu groß, um einfach als gewöhnliche Schwankung der Krustenstruktur abgetan zu werden.
Warum niedrige seismische Geschwindigkeiten auf Magma hindeuten
Seismische Wellen breiten sich in heißem oder teilweise geschmolzenem Gestein langsamer aus als in kalter, vollständig fester Kruste. Genau diesen Effekt nutzen Geophysikerinnen und Geophysiker, um verborgene Magmenkörper zu lokalisieren. Die Autoren nahmen an, dass ein Teil der Geschwindigkeitsabnahme zunächst durch erhöhte Temperatur erklärt werden kann. Oberhalb einer angenommenen Solidus-Temperatur von 750 Grad Celsius führten sie zusätzliche Verlangsamungen dann auf tatsächliche Schmelzanteile zurück. Der Solidus bezeichnet jene Temperatur, ab der ein Gestein zu schmelzen beginnt.
Aus diesem Modell leiten die Forschenden eine Schmelzfraktion von typischerweise 3 bis 6 Prozent ab; als Obergrenze nennen sie höchstens 10 Prozent. Das klingt zunächst wenig, ist für ein großes Krustenreservoir aber geologisch sehr bedeutend. Ein Magmareservoir muss nicht vollständig flüssig sein, um mobilisierbare Schmelze zu enthalten. Häufig handelt es sich um eine Art Kristallbrei, in dem ein Teil des Materials bereits geschmolzen ist und sich unter bestimmten Bedingungen weiter anreichern oder mobilisieren kann.
Der zentrale Punkt der Studie: neues Magma im alten System
Die eigentliche Schlussfolgerung der Arbeit lautet nicht, dass unmittelbar ein Ausbruch bevorsteht. Die Autoren argumentieren vielmehr, dass nach der Megaeruption erneut Schmelze in ein großes, flach gelegenes Reservoir unter der Caldera eingespeist wurde. Sie sprechen von „melt re-injection“, also einer Wiedereinspeisung von Schmelze in ein bereits bestehendes magmatisches Speichersystem. Entscheidend ist dabei, dass die heute gemessene Tiefe des Reservoirs gut zu früheren petrologischen Abschätzungen für das alte Kikai-Akahoya-System passt.
Zusätzliche Plausibilität erhält diese Deutung durch den gewaltigen zentralen Lavadom innerhalb der Caldera. Dieser post-calderische Dom hat laut Studie ein Volumen von mehr als 32 Kubikkilometern und entstand aus Magma anderer Zusammensetzung als bei der ursprünglichen Megaeruption. Daraus leiten die Autoren ab, dass in den vergangenen rund 3.900 Jahren mindestens diese Größenordnung an neuer Schmelze in das System gelangt sein muss. Im Mittel ergibt sich daraus eine geschätzte Einspeiserate von mehr als 8,2 Kubikkilometern pro Jahrtausend. Diese Rate ist eine vereinfachte Langzeitabschätzung und sagt nichts darüber aus, ob die Zufuhr kontinuierlich oder in einzelnen Schüben erfolgte.
Was daran neu ist
Neu an der Studie ist vor allem der quantitative Blick auf die Zeit nach einer sehr großen Caldera-Eruption. Solche Systeme sind schwer zugänglich, und im Fall der Kikai-Caldera kommt hinzu, dass ein Großteil des Vulkans unter Wasser liegt. Frühere Arbeiten an anderen Caldera-Systemen wie Yellowstone, Toba oder Santorini hatten bereits gezeigt, dass unter solchen Vulkanen auch lange nach großen Ausbrüchen noch magmatische Speicher existieren können. Die neue Untersuchung erweitert dieses Bild um ein konkretes Beispiel dafür, dass sich ein großes Reservoir nach einer Holocene-Megaeruption wieder mit Schmelze auffüllen kann.
Damit liefert die Arbeit nicht nur einen regionalen Befund für Japan, sondern auch ein allgemeineres Modell: Große Caldera-Vulkane könnten nach katastrophalen Eruptionen schneller und systematischer wieder Magma im flachen Untergrund sammeln, als man lange annahm. Diese Verallgemeinerung ist allerdings eine Interpretation der Autoren und noch kein gesichertes Gesetz. Dafür wären vergleichbare Datensätze aus weiteren Caldera-Systemen nötig.
Was die Studie nicht zeigt
Die Arbeit ist keine Vorhersage eines baldigen Ausbruchs. Sie belegt eine Untergrundstruktur, die mit einem teils aufgeschmolzenen Reservoir vereinbar ist, aber sie zeigt weder einen unmittelbaren Druckanstieg noch eine konkrete Eruptionswahrscheinlichkeit. Zwischen dem Nachweis eines Magmenkörpers und einer belastbaren Gefahrenprognose liegt methodisch ein großer Schritt. Dafür wären zusätzliche Daten nötig, etwa zu Mikroseismizität, Bodenhebung, Gasflüssen und zeitlichen Veränderungen des Systems.
Hinzu kommt eine wichtige methodische Einschränkung: Das Reservoir wurde entlang einer einzelnen 2D-Profillinie abgebildet. Die tatsächliche dreidimensionale Form kann also komplexer sein als die trapezförmige Darstellung im Querschnitt. Auch die Umrechnung von Geschwindigkeitsanomalien in Temperatur und Schmelzanteil beruht auf Annahmen, etwa zur Hintergrundtemperatur, zur Solidus-Temperatur und zur Geometrie der Schmelze im Gestein. Die Autoren benennen diese Modellannahmen ausdrücklich selbst.
Einordnung für die Vulkanologie
Für die Vulkanologie ist die Studie dennoch hochinteressant. Große Caldera-Eruptionen gehören zu den seltensten, aber folgenschwersten Ereignissen des Erdsystems. Umso wichtiger ist die Frage, wie sich solche Systeme in den Jahrtausenden danach entwickeln. Die Kikai-Caldera liefert nun ein Beispiel dafür, dass ein gigantischer Ausbruch offenbar nicht das Ende eines Magmasystems markiert, sondern eher eine Phase in einem sehr langen geologischen Zyklus.
Gerade weil der Vulkan unterseeisch liegt und sein Innenleben nur indirekt zugänglich ist, sind solche seismischen Rekonstruktionen ein zentrales Werkzeug. Sie ersetzen nicht die laufende Gefahrenüberwachung, verbessern aber das physikalische Verständnis des Systems. Das ist die eigentliche Stärke der Arbeit: weniger Alarmismus als vielmehr ein präziserer Blick darauf, wie langlebig und dynamisch große Magmareservoire unter Calderas sein können.
Methodische Einordnung
Es handelt sich um eine peer-reviewte Originalarbeit in Communications Earth & Environment, nicht um einen Preprint. Das Studiendesign basiert auf aktiver seismischer Refraktion mit 39 Ozeanboden-Seismometern und einem Airgun-Array entlang einer 175-Kilometer-Profillinie. Gemessen wurde also keine Lava oder Magma direkt, sondern die Ausbreitungsgeschwindigkeit künstlich erzeugter seismischer Wellen, aus denen auf Untergrundstrukturen geschlossen wurde. Die Datengrundlage der Abbildungen ist in Zenodo hinterlegt; die vollständigen seismischen Daten sind über die JAMSTEC-Datenbank auf Anfrage zugänglich.
Interessenkonflikte
Die Autoren geben an, dass keine konkurrierenden Interessen bestehen.
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