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Rätselhafte Schockwelle um toten Stern: Wie ein “ruhender” Weißer Zwerg seine Umgebung verändert
12.1.26, 20:25
Astronomie, Kosmologie

Wenn tote Sterne nicht still sind: Die Entdeckung
Astronom:innen sind auf eine überraschende kosmische Struktur gestoßen: Um den toten Stern RXJ0528+2838, einen sogenannten Weißen Zwerg, zeigt sich eine ausgedehnte, bogenförmige Schockwelle. Beobachtet wurde dieses Phänomen mit dem Very Large Telescope der Europäischen Südsternwarte in Chile. Solche Strukturen, sogenannte Bugstoßwellen oder „Bow Shocks“, entstehen normalerweise dann, wenn ein Objekt mit hoher Geschwindigkeit Material im interstellaren Raum verdrängt. Doch im vorliegenden Fall passt diese Erklärung nur unzureichend zu den bekannten Eigenschaften des Systems.
Was ist ein Weißer Zwerg – und warum ist das überraschend?
Weiße Zwerge sind die Endstadien sonnenähnlicher Sterne. Nachdem sie ihren nuklearen Brennstoff verbraucht haben, stoßen sie ihre äußeren Hüllen ab und hinterlassen einen extrem dichten, heißen Kern. In vielen Doppelsternsystemen ziehen Weiße Zwerge Materie von einem Begleitstern ab. Diese Materie sammelt sich meist in einer rotierenden Akkretionsscheibe, aus der energiereiche Ausflüsse entstehen können.
Bei RXJ0528+2838 fehlt jedoch jede Spur einer solchen Scheibe. Dennoch deutet die Größe und Form der beobachteten Schockfront darauf hin, dass über einen Zeitraum von mindestens tausend Jahren kontinuierlich Material in die Umgebung abgegeben wurde. Nach gängigen Modellen sollte ein solch langfristiger Ausfluss ohne Akkretionsscheibe eigentlich nicht möglich sein.
Wie die Schockfront sichtbar wurde
Erste Hinweise auf die ungewöhnliche Struktur lieferten Weitfeldaufnahmen, auf denen eine auffällige, farbige Nebelregion ins Auge fiel. Mithilfe hochauflösender Spektroskopie konnten die Forschenden anschließend nachweisen, dass diese Emissionen tatsächlich vom Sternsystem selbst stammen. Die leuchtenden Farben entstehen, weil interstellares Gas durch die Stoßwelle aufgeheizt wird und charakteristische Lichtsignaturen von Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff aussendet. Damit ließ sich ausschließen, dass es sich um eine zufällige Überlagerung mit einer fernen Gaswolke handelt.
Magnetfelder als mögliche Erklärung – aber nicht ausreichend
Da klassische Erklärungen versagen, rücken alternative Mechanismen in den Fokus. Eine Schlüsselrolle könnte das starke Magnetfeld des Weißen Zwergs spielen. Es ist denkbar, dass das Magnetfeld Materie direkt vom Begleitstern auf den Weißen Zwerg lenkt, ohne dass sich eine Scheibe bildet. Diese magnetisch gesteuerten Ströme könnten Energie freisetzen und Material ins All schleudern.
Allerdings zeigen Modellrechnungen, dass selbst ein sehr starkes Magnetfeld allein nicht ausreicht, um die beobachtete Größe und Stabilität der Schockfront über so lange Zeiträume zu erklären. Offenbar fehlt noch ein entscheidender physikalischer Baustein in den bestehenden Modellen.
Warum diese Beobachtung weitreichende Folgen hat
Die Entdeckung ist mehr als eine astronomische Kuriosität. Sie stellt grundlegende Annahmen darüber infrage, wie „tote“ Sterne mit ihrer Umgebung wechselwirken. Bislang galten Weiße Zwerge ohne Akkretionsscheibe als vergleichsweise passive Objekte. Der Fall RXJ0528+2838 zeigt jedoch, dass auch solche Systeme ihre Umgebung aktiv prägen können.
Das hat Konsequenzen für unser Verständnis der Materieverteilung im interstellaren Raum und für Modelle zur Entwicklung von Doppelsternsystemen. Wenn ähnliche Prozesse häufiger auftreten, könnten sie einen bislang unterschätzten Beitrag zur Dynamik und Chemie von Galaxien leisten.
Ausblick: Ein Einzelfall oder ein neues Kapitel der Sternphysik?
Um zu klären, ob es sich um eine seltene Ausnahme oder um ein weit verbreitetes Phänomen handelt, planen Astronom:innen gezielte Beobachtungen weiterer Weißer-Zwerg-Systeme. Künftige Großteleskope mit noch höherer Auflösung sollen helfen, vergleichbare Strukturen auch um lichtschwächere Objekte aufzuspüren. Erst dann wird sich zeigen, ob RXJ0528+2838 unser Bild vom „ruhigen“ Lebensabend von Sternen dauerhaft verändern muss.
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