Wissenschaftliche Meldungen
Mittelalterlicher Tsunami in der Karibik: Korallen belegen Mega-Erdbebenrisiko
2.1.26, 18:55
Klima & Umwelt

Unerwartete Zeugen einer Katastrophe in der Karibik
Auf der flachen Karibikinsel Anegada liegen an mehreren Stellen massive Korallenblöcke und Korallenskelette weit im Inselinneren. Einige dieser Brocken wiegen mehrere Tonnen und stammen eindeutig aus dem Küsten- oder Flachwasserbereich. Lange war unklar, ob extreme Hurrikans oder eine gewaltige Flutwelle für ihren Transport verantwortlich waren. Neue geologische und geochronologische Untersuchungen deuten nun klar auf einen Tsunami als Ursache hin.
Datierung ins späte 14. Jahrhundert
Die Forschenden konnten das Ereignis auf das späte 14. Jahrhundert eingrenzen, vermutlich auf einen Zeitraum zwischen etwa 1380 und 1390. Möglich wurde dies durch präzise Altersbestimmungen der Korallen. Da Korallen nur zu Lebzeiten wachsen, markiert ihr Absterben den Zeitpunkt, an dem sie aus dem Riff herausgerissen wurden. Zusätzlich lieferten Wachstumsstrukturen im Skelett Hinweise auf das letzte Lebensjahr der Organismen. Zusammen ergibt sich ein erstaunlich enges Zeitfenster für ein extrem seltenes Naturereignis, das in historischen Quellen der Region nicht überliefert ist.
Ein starkes Erdbeben als Auslöser
Als wahrscheinlichste Ursache gilt ein sehr starkes Seebeben an der Puerto Rico Trench, einer Tiefseerinne nördlich der Karibik. Modellrechnungen legen nahe, dass es sich um ein sogenanntes Megathrust-Erdbeben mit einer Magnitude von über 8 gehandelt haben könnte. Solche Beben sind in der Lage, große Wassermassen abrupt zu verdrängen und Tsunamis zu erzeugen, die selbst weit entfernte Küsten mit enormer Kraft treffen.
Warum Anegada besonders gefährdet ist
Anegada unterscheidet sich geologisch von vielen anderen Karibikinseln. Während benachbarte Inseln oft von einem breiten, flachen Schelf umgeben sind, fällt der Meeresboden rund um Anegada vergleichsweise steil ab. Dadurch verlieren Tsunamiwellen weniger Energie, bevor sie auf Land treffen. Die Korallenblöcke, die heute hunderte Meter von der Küste entfernt liegen, belegen, dass die Flutwelle weit ins Inselinnere vorgedrungen sein muss.
Bedeutung für heutige Risikobewertung
Der Fund hat weitreichende Konsequenzen für die Einschätzung von Naturgefahren in der Karibik. Historische Aufzeichnungen reichen in der Region nur wenige Jahrhunderte zurück und erfassen seltene Extremereignisse wie große Tsunamis kaum. Geologische Archive wie Korallenablagerungen erweitern diesen Zeithorizont erheblich. Sie zeigen, dass sehr starke Erdbeben und zerstörerische Flutwellen auch dort möglich sind, wo sie im kollektiven Gedächtnis keine Rolle mehr spielen.
Für die moderne Küstenplanung und den Katastrophenschutz bedeutet das: Risiken könnten bislang unterschätzt worden sein. Besonders für flache Inseln und niedrig gelegene Küstenbereiche ist das Wissen um solche prähistorischen oder mittelalterlichen Ereignisse entscheidend, um realistische Gefahrenmodelle zu entwickeln.
Offene Fragen und wissenschaftliche Unsicherheiten
Trotz der starken Indizien bleiben Details offen. Zwar können auch extreme Stürme große Objekte bewegen, doch deren Ablagerungsmuster unterscheiden sich meist deutlich von Tsunami-Depots. Die räumliche Verteilung, Größe und Zusammensetzung der Korallenblöcke sprechen klar für eine Flutwelle, doch genaue Angaben zu Wellenhöhe, Ablauf und Dauer lassen sich nur näherungsweise rekonstruieren. Die Forschenden betonen daher, dass es sich um die derzeit plausibelste, aber weiterhin überprüfbare Interpretation handelt.
Ein stilles Warnsignal aus der Vergangenheit
Die Korallenskelette von Anegada sind mehr als geologische Kuriositäten. Sie fungieren als langfristiges Gedächtnis der Erde und erinnern daran, dass extreme Naturereignisse auch dort möglich sind, wo sie seit Jahrhunderten nicht beobachtet wurden. Für die Karibik liefern sie einen eindringlichen Hinweis darauf, dass seltene, aber hochgefährliche Tsunamis Teil der regionalen Naturgeschichte sind – und auch in Zukunft nicht ausgeschlossen werden können.
Weitere aktuelle Meldungen findest du hier:
- 2Seite 2










