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WTF-Fragen
 

Können Wale einen Sonnenbrand bekommen?

 

Kategorie:

Biologie

Der kurze TEASER:

Oh ja! Wale und Delfine holen sich regelmäßig einen Sonnenbrand, der unter dem Mikroskop aussieht wie bei uns Menschen. Ihre cleveren Gegenmaßnahmen sind jedoch ein Meisterwerk der Evolution.

Die ausführliche Antwort:

Das Bild eines Wals, der majestätisch durch die unendlichen Weiten des Ozeans gleitet, erweckt den Eindruck von Unverwundbarkeit. Diese riesigen Säugetiere scheinen über den kleinen Unannehmlichkeiten des Lebens zu stehen. Doch die Realität ist verblüffend und komplexer, als wir annehmen. Wale, insbesondere jene mit hellerer Haut, teilen ein sehr menschliches Problem: Sie können einen akuten Sonnenbrand erleiden. Dieses Phänomen ist nicht nur eine kuriose Randnotiz der Biologie, sondern eröffnet ein faszinierendes Fenster in die Evolution, die Klimaveränderung und die erstaunlichen Anpassungsfähigkeiten des Lebens. Wissenschaftler bemerkten bei Beobachtungen, vor allem im sonnenintensiven Golf von Kalifornien, immer häufiger Hautveränderungen bei verschiedenen Walarten. Es handelte sich um Läsionen und Blasen, die verdächtig an schwere Sonnenbrände beim Menschen erinnerten. Um dieses Rätsel zu lösen, begannen Forscherteams, angeführt von Wissenschaftlern wie Karina Acevedo-Whitehouse und Laura Martinez-Levasseur, die Haut der Meeresgiganten genauer zu untersuchen. Sie nahmen winzige Biopsieproben von der Haut von Blau-, Finn- und Pottwalen. Was sie unter dem Mikroskop und bei genetischen Analysen entdeckten, war eine Geschichte von Strahlungsschäden und genialen Überlebenskämpfen. Die Analysen bestätigten den Verdacht: Die Hautzellen der Wale zeigten klare Anzeichen von Schäden durch UV-Strahlung. Konkret fanden die Forscher Schäden an der mitochondrialen DNA (mtDNA). Mitochondrien sind die Kraftwerke unserer Zellen, und ihre DNA ist besonders anfällig für Schäden durch UV-Licht. Eine Häufung solcher Schäden ist ein klares Indiz für Sonnenbrand auf zellulärer Ebene und kann, genau wie beim Menschen, langfristig das Risiko für Hautkrebs erhöhen. Doch die Studie offenbarte noch etwas viel Spannenderes: Nicht jeder Wal geht gleich mit der Bedrohung aus dem All um. Die Evolution hat hier unterschiedliche Lösungswege hervorgebracht, die perfekt auf die Lebensweise der jeweiligen Art zugeschnitten sind. Strategie 1: Der Sonnenanbeter mit Bräunungs-Effekt – Der Blauwal Der Blauwal, das größte Tier, das je auf der Erde gelebt hat, besitzt eine vergleichsweise helle, grau-blaue Haut. Seine Lebensweise beinhaltet lange Wanderungen, bei denen er sich oft in sonnenreichen, klaren Gewässern nahe der Oberfläche aufhält, um zu atmen. Die Forscher stellten fest, dass Blauwale eine Strategie verfolgen, die uns sehr bekannt vorkommt: Sie werden braun. Wenn die Wale in sonnenintensivere Gebiete ziehen, steigert ihre Haut die Produktion des Pigments Melanin. Dieses Pigment legt sich wie ein schützender Schirm über die Zellkerne und absorbiert die schädliche UV-Strahlung, bevor sie die empfindliche DNA schädigen kann. Die Haut der Blauwale wird im Laufe der Saison also messbar dunkler. Es ist eine aktive, flexible Anpassung an die jeweilige Strahlungsintensität – ein natürlicher Sonnenschutzfaktor, der bei Bedarf hochgefahren wird. Trotz dieses Schutzes fanden die Forscher bei Blauwalen die deutlichsten Anzeichen für akute Sonnenbrände in Form von Blasen, was darauf hindeutet, dass ihr Schutzmechanismus bei der intensiven Strahlung an seine Grenzen stößt. Strategie 2: Der Tiefseetaucher mit Gen-Reparatur-Team – Der Pottwal Pottwale haben von Natur aus eine dunklere, faltige Haut als Blauwale. Man könnte annehmen, dass sie dadurch besser geschützt sind. Doch ihre Lebensweise stellt sie vor eine andere Herausforderung. Pottwale sind Meister des Tiefseetauchens, verbringen aber zwischen ihren bis zu 90-minütigen Tauchgängen oft sehr lange Erholungsphasen an der Wasseroberfläche, wo sie dösen und sozialisieren. Diese langen Sonnenbäder summieren sich. Ihre Strategie ist weniger präventiv als die der Blauwale, sondern setzt auf Schadensbegrenzung. Anstatt ihre Pigmentierung stark zu verändern, aktivieren Pottwale bei UV-Stress bestimmte Gene, die für die Reparatur von DNA-Schäden zuständig sind. Man kann es sich wie ein molekulares Notfall-Team vorstellen, das ausgeschickt wird, um die durch die Sonne verursachten Brüche und Fehler im Erbgut zu flicken. Dieser Mechanismus, der als "genotoxic stress response" bekannt ist, deutet darauf hin, dass ihre Zellen quasi darauf vorbereitet sind, mit den unvermeidlichen Schäden umzugehen und diese schnell zu beheben, bevor sie zu dauerhaften Mutationen führen. Strategie 3: Der stoische Riese mit eingebautem Schutzschild – Der Finnwal Finnwale, die zweitgrößten Wale, sind die am besten geschützten der drei untersuchten Arten. Ihre Haut ist von Natur aus sehr dunkel und reich an Melanin. Sie besitzen quasi einen permanenten, hochwirksamen Sonnenschutz. Bei ihnen fanden die Wissenschaftler die wenigsten sonnenbedingten Hautschäden. Ihre Strategie ist eine passive, aber äußerst effektive. Durch die konstant hohe Pigmentierung ist ihre Haut von vornherein so gut wie undurchlässig für die schädlichsten Anteile der UV-Strahlung. Diese Entdeckungen sind vor allem im Kontext des Klimawandels und des Ozonlochs von großer Bedeutung. Die Ozonschicht, die uns vor einem Großteil der UV-B-Strahlung schützt, ist zwar auf dem Weg der Besserung, aber regionale Schwankungen und die generelle Zunahme der Strahlungsintensität stellen eine wachsende Bedrohung dar. Wale könnten hier als eine Art "biologischer UV-Messer" der Ozeane dienen. Eine Zunahme von Hautschäden bei diesen Tieren könnte ein alarmierendes Signal für Veränderungen in der Atmosphäre sein, die letztlich alle Lebewesen betreffen. Es ist ein eindringliches Beispiel dafür, wie eng die Gesundheit des Planeten mit der Gesundheit seiner Bewohner verknüpft ist – vom kleinsten Plankton bis zum größten Wal.
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