Wissenschaftliche Meldungen
Schalter im Hungerhirn: Wie frühe Gehirnentwicklung das Adipositas-Risiko prägen könnte
16.2.26, 22:50
Medizin, Psychologie, Neurowissenschaft

Ein früher Schaltmoment im Gehirn – mit Folgen fürs ganze Leben?
Warum nehmen manche Menschen bei reichlich Kalorienangebot leichter zu als andere? Klar, da spielen Ernährung, Bewegung, Schlaf, Stress, Medikamente und Gene zusammen. Aber in der Forschung wächst seit Jahren eine weitere Idee: Dass unser Gehirn schon sehr früh „Voreinstellungen“ dafür anlegt, wie stark Hunger und Sättigung später ins Verhalten eingreifen – eine Art biologischer Grundregler, der mit der Umwelt kollidieren kann.
Ein Team der UT Southwestern Medical Center in Dallas hat jetzt in Mausmodellen einen Mechanismus beschrieben, der genau so eine frühe Weichenstellung erklären könnte. Im Zentrum steht der Hypothalamus, eine tief im Gehirn gelegene Region, die unter anderem Energiehaushalt, Hormone und Körpertemperatur koordiniert. Dort sitzt auch ein besonders gut untersuchtes Netzwerk, das wie ein biologisches Gaspedal-und-Bremse-System funktioniert: das melanocortine System.
POMC gegen AgRP – Bremse und Gas im Hunger-Netzwerk
Im melanocortinen System gelten zwei Zelltypen als Gegenspieler. POMC-Neuronen fördern Sättigung, also das Signal „es reicht“. AgRP-Neuronen fördern Hunger und können Fressverhalten sehr effektiv anschieben. Viele Hormone und Nährstoffsignale wirken direkt oder indirekt auf diese Zellen – zum Beispiel Leptin aus dem Fettgewebe oder Insulin.
Erwachsene POMC- und AgRP-Neuronen sind seit Langem bekannt. Unklarer war jedoch, wie diese Zelltypen in der frühen Entwicklung entstehen – und ob dabei Entscheidungen fallen, die später das Risiko für Übergewicht beeinflussen.
Überraschung aus der Einzelzell-Analyse: Viele „POMC-Vorläufer“ werden später etwas anderes
Die Forschenden haben POMC-Abstammungslinien im erwachsenen Maus-Hypothalamus mit modernen Einzelzell-Ansätzen verfolgt, die Zelltypen sehr fein anhand ihrer molekularen Signaturen unterscheiden können. Dabei zeigte sich: Ein großer Teil der Zellen, die in der Entwicklung einmal POMC-typische Merkmale tragen, bleibt im Erwachsenenalter nicht zwingend „POMC-Neuron“. In einem begleitenden Abstract werden konkrete Anteile genannt: Nur rund 30 Prozent dieser Pomc-Linie behielten Pomc-Expression, und ein erheblicher Teil der AgRP-Neuronen soll aus Pomc-Vorläufern hervorgehen.
Das ist mehr als eine kuriose Stammbaum-Info. Denn wenn sich Hunger- und Sättigungsneuronen aus gemeinsamen Vorläufern heraus „aufteilen“, dann könnte genau dieser Aufteilungsprozess ein Hebel sein, der späteres Essverhalten und Gewicht mitprägt.
Otp als molekularer Schalter: Wenn aus Sättigungs-Kandidaten Hunger-Neuronen werden
Im Mittelpunkt der neuen Arbeit steht ein Transkriptionsfaktor namens Otp (Orthopedia). Transkriptionsfaktoren sind Proteine, die wie Schalter und Regler wirken: Sie steuern, welche Gene in einer Zelle aktiv sind – und damit, welche Identität und Funktion diese Zelle am Ende annimmt.
Die Studie beschreibt Otp als entscheidenden Faktor für einen „Fate Switch“, also eine Schicksalsentscheidung in der Entwicklung: Bestimmte POMC-Vorläuferzellen wechseln unter Otp-Einfluss in Richtung einer AgRP-Identität. Wird Otp gezielt in POMC-Vorläufern ausgeschaltet, gelingt dieser Übergang deutlich schlechter. Statt dass sich daraus viele AgRP-Hunger-Neuronen entwickeln, bleiben mehr Zellen in alternativen, eher POMC-nahen Identitäten.
Weniger Lust auf Fett, mehr Schutz vor Diät-bedingter Gewichtszunahme – vor allem bei Weibchen
Und jetzt kommt der Teil, der schnell nach „Therapie-Hoffnung“ klingt, aber sauber eingeordnet werden muss: In den Mausmodellen hatte das Ausschalten dieses Entwicklungsprogramms messbare Folgen im Erwachsenenalter. Tiere ohne diesen Otp-Schalter in den POMC-Vorläufern zeigten weniger Drang, besonders fettreiche Nahrung zu konsumieren, und waren widerstandsfähiger gegen eine durch fettreiche Ernährung ausgelöste Gewichtszunahme.
Auffällig war zudem ein Geschlechtsunterschied: Der Schutzeffekt fiel bei weiblichen Tieren stärker aus. Als mögliche Erklärung berichten die Forschenden über verstärkte Signale rund um den Östrogenrezeptor ERα in bestimmten Zelluntergruppen – also ein Hinweis darauf, dass Sexualhormone und Entwicklungsschalter hier zusammenwirken könnten. Das passt zu der breiteren Beobachtung in der Stoffwechsel-Forschung, dass hormonelle Milieus nicht nur „oben drauf“ wirken, sondern teils tief in neuronale Regelkreise eingreifen.
Was heißt das für Menschen – und was (noch) nicht?
Wichtig ist: Das sind präklinische Daten aus genetisch veränderten Mäusen. Ein Entwicklungsgen gezielt in menschlichen Gehirn-Vorläufern zu verändern ist weder realistisch noch wünschenswert – und außerdem wäre die Frage, welche Nebenwirkungen so ein Eingriff hätte. Transkriptionsfaktoren wie Otp haben in der Entwicklung oft mehrere Rollen in verschiedenen Hirnregionen.
Der wissenschaftliche Wert liegt deshalb weniger in einer direkten „Otp-Therapie“, sondern in der Logik dahinter: Dass ein Teil unserer späteren Anfälligkeit für Übergewicht möglicherweise aus sehr frühen neuronalen Weichenstellungen kommt. Das würde auch erklären, warum manche Risikofaktoren rund um Schwangerschaft und frühe Kindheit in Studien immer wieder auftauchen. Das Team kündigt entsprechend an, als nächsten Schritt zu prüfen, ob äußere Einflüsse wie Über- oder Unterernährung der Mutter dieses Schaltprogramm beeinflussen können.
Unterm Strich liefert die Arbeit ein mechanistisches Puzzleteil dafür, wie „Hunger vs. Sättigung“ im Gehirn nicht nur akut geregelt, sondern in Teilen auch entwicklungsbiologisch vorprogrammiert sein könnte – und wie ein früher Vorteil in einer Welt mit knapper Nahrung heute in einer Umgebung voller Kalorien zum Risiko werden kann.
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