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Die psychischen Kosten der Assimilation: Zugehörig um jeden Preis?

Das Titelbild zeigt ein geteiltes Porträt: Links das Gesicht einer dunkelhäutigen Frau in bunter traditioneller Kleidung und mit goldenen Schmuckstücken, rechts das Gesicht eines hellhäutigen Mannes im Anzug. Im Hintergrund ist auf der rechten Seite ein großer Mixer zu sehen, vor dem silhouettenhafte Menschen in ihn hineinzugehen scheinen. Unten steht in großen Buchstaben der Titel „ASSIMILATION: ZUGEHÖRIG UM JEDEN PREIS?“, der das Spannungsfeld zwischen kultureller Identität und Anpassungsdruck unterstreicht.

Assimilation: Zugehörigkeit um jeden Preis?


Assimilation – das klingt erst einmal nüchtern nach Sozialkundeunterricht. In Wirklichkeit berührt der Begriff eine der emotionalsten Fragen moderner Gesellschaften: Wie viel von mir muss ich aufgeben, um dazuzugehören? Und wer bestimmt, was „Dazugehören“ überhaupt bedeutet?


Schon am Titelbild dieses Artikels lässt sich die Spannung ablesen: Links eine Frau in traditioneller Kleidung, rechts ein Mann im Business-Anzug, dahinter ein gigantischer Mixer, in dem Silhouetten von Menschen verschwinden. Die Metapher ist klar: Die einen sollen sich so lange „anpassen“, bis von ihnen nur noch ein glattgerührter Einheitsbrei übrig bleibt.


In diesem Beitrag schauen wir uns an, wie Sozialwissenschaft, Psychologie und Politik den Begriff der Assimilation verstehen – von frühen Modellen der Chicago School bis zu aktuellen Debatten um Leitkultur, Laizismus und kulturellen Genozid. Besonders im Fokus stehen die psychischen Kosten der Assimilation: Was passiert in Menschen, wenn sie ihre Sprache, ihre Rituale, ihr „Wir“ zurücklassen, um Teil eines neuen „Wir“ zu werden?


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Was wir meinen, wenn wir „Assimilation“ sagen


Bevor es um Emotionen geht, brauchen wir Klarheit über Begriffe. Denn „Assimilation“, „Integration“ und „Akkulturation“ werden im Alltag gern durcheinandergeworfen – mit handfesten politischen Konsequenzen.


Im Kern bedeutet Assimilation, aus dem Lateinischen assimilatio kommend, „Ähnlichmachung“ oder „Angleichung“. In der Soziologie beschreibt der Begriff den Prozess, bei dem Minderheiten nach und nach die Normen, Werte, Verhaltensweisen und Institutionen der Mehrheitsgesellschaft übernehmen, bis sie praktisch nicht mehr von ihr zu unterscheiden sind. Nicht nur die Sprache, sondern auch Freundeskreise, Partnerschaften, politische Orientierung und Alltagsroutinen verschmelzen.


Wichtig ist die Abgrenzung zu verwandten Begriffen:


  • Akkulturation: Hier geht es vor allem um sichtbare kulturelle Marker – Sprache, Kleidung, Essgewohnheiten. Man kann Pizza essen, Hochdeutsch sprechen und trotzdem sein Leben weitgehend in der eigenen Community verbringen.

  • Integration: Idealerweise bedeutet das: gleiche Chancen auf Bildung, Jobs und politische Teilhabe, ohne dass man die eigene kulturelle Identität komplett aufgeben muss. „Einheit in Vielfalt“ statt Auflösung der Differenz.

  • Assimilation: Der Druck geht hier weiter. Am Ende des Prozesses steht eine möglichst vollständige kulturelle, sozialen und oft auch identifikative Angleichung an die Mehrheitsgesellschaft.


Die psychischen Kosten der Assimilation


Unter den „psychischen Kosten der Assimilation“ versteht man Belastungen wie Identitätskonflikte, Entfremdung von der Herkunftsfamilie, depressiven Stress oder das Gefühl, „zwischen den Stühlen“ zu sitzen. Viele Studien zeigen, dass politisch geforderte Assimilation individuell teuer werden kann – selbst wenn sie ökonomisch Vorteile bringt.


Damit sind wir mitten in der Frage dieses Artikels: Zugehörig um jeden Preis – aber wer zahlt diesen Preis eigentlich?


Von linearen Modellen zum Flickenteppich: Soziologie der Assimilation


Die systematische Forschung zur Assimilation beginnt im Kontext massiver Einwanderungswellen, etwa in die USA um 1900. Da prallten Sprachen, Religionen und Lebensstile aufeinander – und die Soziologie versuchte zu erklären, was mit diesen Gruppen im Laufe der Zeit passiert.


Der Race-Relations-Cycle der Chicago School


Robert E. Park, Mitbegründer der Chicago School, dachte in Phasen. Für ihn durchlaufen Gruppen nach ihrer ersten Begegnung mit der Mehrheitsgesellschaft vier Stufen:


  1. Kontakt – die erste, oft vorsichtige Begegnung.

  2. Wettbewerb – Konflikte um Wohnungen, Jobs, Status.

  3. Akkommodation – man arrangiert sich, findet eine „Nische“, lebt nebeneinander.

  4. Assimilation – am Ende lösen sich ethnische Grenzen auf, eine homogene Gesamtgruppe entsteht.


Park sah diesen Ablauf fast wie ein Naturgesetz. Kritik ließ nicht lange auf sich warten: Warum sollte es zwangsläufig zu Harmonie kommen? Was ist mit Gruppen, die ihre Identität bewusst bewahren? Und was, wenn die Mehrheitsgesellschaft gar kein Interesse an echter Gleichheit hat?


Milton Gordon: Sieben Stufen statt Einheitsbrei


In den 1960er Jahren zerlegte Milton Gordon den großen Begriff „Assimilation“ in sieben Dimensionen – vom Erlernen der Sprache bis zum Verschwinden politischer Konflikte. Besonders wichtig sind zwei seiner Ideen:


  • Kulturelle Assimilation (Akkulturation) – Sprache, Kleidung, Feiertage.

  • Strukturelle Assimilation – Zugang zu den „Cliquen und Clubs“ der Mehrheitsgesellschaft, also Freundschaften, Partnerschaften, berufliche Netzwerke.


Gordon argumentierte: Erst wenn strukturelle Assimilation gelingt, folgen oft automatisch Mischehen, gemeinsame Identität, Abbau von Vorurteilen. Wer dagegen nur kulturell angepasst ist, aber in ethnischen Enklaven ohne Aufstiegschancen lebt, bleibt „acculturation only“ – äußerlich angepasst, innerlich und sozial draußen.


Damit benannte Gordon einen bis heute brisanten Punkt: Es reicht nicht, wenn Menschen „perfekt Deutsch“ sprechen, wenn Türen zu Jobs, Wohnungen oder Bildung trotzdem verschlossen bleiben.


Segmentierte Assimilation: Aufstieg, Abstieg oder Parallelwelt


In den 1990ern wurde klar, dass die klassische Idee eines stabilen „Mainstreams“ zu simpel ist. Alejandro Portes und Min Zhou argumentierten: Die Gesellschaft ist segmentiert – in Mittelschichten, marginalisierte „Underclass“, wohlhabende Suburbia.


Sie beschrieben drei Pfade, auf denen Einwanderer-Kinder sich „einfügen“ können:


  • Aufwärtsgerichtete Assimilation: Bildung, beruflicher Erfolg, Eintritt in die Mittelschicht.

  • Abwärtsassimilation: Anpassung nicht an die Mittelschicht, sondern an eine marginalisierte Unterschicht – mit schlechter Bildung, hoher Arbeitslosigkeit, „adversarial culture“.

  • Selektive Akkulturation: Die Herkunftskultur bleibt stark, unterstützt durch dichte Community-Netzwerke. Gerade dieser bewusste Erhalt kann Schutz bieten und sozialen Aufstieg erleichtern.


Plötzlich wurde sichtbar:Assimilation ist kein automatisch guter, linearer Prozess. Man kann sich auch in Armut, Diskriminierung und Perspektivlosigkeit assimilieren.


Neo-Assimilation: Wenn der Mainstream selbst fluide wird


Richard Alba und Victor Nee versuchten später, das Konzept zu entgiften. Sie definieren Assimilation nüchterner als „Rückgang einer ethnischen Unterscheidung im Alltag“. Entscheidend seien institutionelle Rahmenbedingungen: Antidiskriminierungsgesetze, Bürgerrechte, offene Bildungssysteme.


Wichtig an ihrem Ansatz:


  • Der Mainstream ist nicht fix. Wenn neue Gruppen aufgenommen werden, verändert sich auch die Mehrheitskultur.

  • Assimilation muss nicht heißen, dass Minderheiten alles aufgeben. Oft entsteht eine hybride Kultur – eine Art dynamische Mitte, die sich mit jeder Einwanderungswelle neu zusammensetzt.


Damit öffnet sich eine spannende Perspektive: Vielleicht ist nicht die Frage, ob Assimilation stattfindet, sondern wie und auf wessen Kosten. Und hier kommen wir zu den psychischen Kosten der Assimilation.


Die psychischen Kosten der Assimilation


Assimilation ist nicht nur ein Makroprozess, der in Statistiken über Sprachniveaus und Einkommensklassen auftaucht. Sie findet auch im Inneren statt – in kognitiven Schemata, Identitätsgefühlen und Stressleveln. Genau an dieser Stelle wird das abstrakte Thema plötzlich sehr persönlich.


Piaget im Migrationskontext: Wenn die Welt nicht mehr zum Schema passt


In der Entwicklungspsychologie beschrieb Jean Piaget zwei grundlegende Lernmechanismen:


  • Assimilation – neue Informationen werden in bestehende Denkmuster eingepasst.

  • Akkommodation – wenn die Information nicht passt, muss das Schema selbst verändert werden.


Übertragen auf Migration bedeutet das:Wer in eine neue Kultur kommt, versucht zunächst, das Neue durch die Brille der Herkunftskultur zu verstehen. Erst wenn das nicht funktioniert – etwa weil Normen, Rollenbilder oder Autoritätsverhältnisse massiv anders sind –, müssen tief verwurzelte Schemata angepasst werden. Dieser Prozess kann anstrengend, schmerzhaft und verunsichernd sein.


Wenn Schemata brechen


In der Psychotherapie sieht man häufig, dass Menschen an alten Schemata festhalten, selbst wenn sie offensichtlich nicht mehr funktionieren – etwa „Ich darf keine Schwäche zeigen“ oder „Außenstehende sind gefährlich“. Assimilation im psychologischen Sinn bedeutet dann, neue Erfahrungen in diese alten Muster zu pressen. Akkommodation, also echte Veränderung, braucht Zeit, Sicherheit und oft Unterstützung.


Berrys Akkulturationsstrategien: Integration schlägt Vollanpassung


Der Kulturpsychologe John Berry formulierte ein bis heute dominantes Modell: Zwei Fragen entscheiden über die Strategie einer Person in einer neuen Kultur:


  1. Will ich meine Herkunftskultur bewahren?

  2. Will ich engen Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft?


Daraus ergeben sich vier Strategien:


  • Integration: Herkunftskultur bleibt wichtig, gleichzeitig aktive Teilhabe an der Mehrheitsgesellschaft – Ergebnis ist Bikulturalität.

  • Assimilation: Herkunftskultur wird weitgehend aufgegeben, Fokus liegt auf Anpassung.

  • Separation: starke Orientierung an der Herkunftskultur, wenig Kontakt zur Mehrheitsgesellschaft.

  • Marginalisierung: Verlust der Bindung an beide Kulturen – oft Folge von Diskriminierung oder Entwurzelung.


Zahlreiche Studien zeigen:


  • Integration korreliert mit der besten psychischen Gesundheit – weniger Depression, mehr Selbstwert.

  • Marginalisierung ist mit Abstand am riskantesten.

  • Assimilation hat gemischte Bilanz: Sie kann ökonomisch erfolgreich sein, geht aber oft mit Identitätskonflikten, Spannungen in der Familie und „Acculturative Stress“ einher.


Hier wird die psychische Kosten der Assimilation sehr konkret: Wer versucht, möglichst „unsichtbar“ zu werden, riskiert innere Entfremdung – besonders dann, wenn die Mehrheitsgesellschaft trotzdem Grenzen zieht.


Immigrant Paradox und bikultureller Stress


Ein besonders spannendes Phänomen ist das sogenannte „Immigrant Paradox“: Neu eingewanderte Menschen zeigen in vielen Studien bessere körperliche und psychische Gesundheitswerte als ihre bereits stark assimilierten Kinder und Enkel.


Mögliche Gründe:


  • traditionelle, oft gesündere Ernährungsweisen

  • stärkere familiäre und nachbarschaftliche Netzwerke

  • weniger Konsum von Alkohol, Tabak, hochverarbeiteten Lebensmitteln


Mit zunehmender Assimilation verschlechtert sich dieser Zustand – das Verhalten passt sich an, aber leider oft an die negativen Standards der Mehrheitsgesellschaft. Dazu kommen:


  • chronischer Stress durch Diskriminierung

  • der Druck, „zwischen den Welten“ zu navigieren

  • Konflikte mit Eltern, die an traditionellen Werten festhalten


Bikultureller Stress


Bikultureller Stress beschreibt die Belastung, gleichzeitig zwei kulturellen Erwartungssystemen gerecht werden zu müssen – etwa den kollektivistischen Erwartungen der Familie und den individualistischen Normen der Mehrheitsgesellschaft. Er kann zu Schlafproblemen, Angststörungen, depressiven Symptomen und einem Gefühl permanenter Überforderung führen.


Die psychische Bilanz ist also ambivalent: Ein Stück Assimilation ist oft nötig, um Chancen wahrzunehmen – zu viel, zu schnell und unter Druck kann jedoch buchstäblich krank machen.


Nationale Modelle: Melting Pot, Laïcité und Leitkultur


Wie sich diese individuellen Dynamiken entfalten, hängt stark davon ab, wie Staaten Migration politisch rahmen. Drei Beispiele zeigen, wie unterschiedlich Assimilation gedacht und gefordert wird.


USA: Zwischen Schmelztiegel und Salatschüssel


Die klassische Metapher des amerikanischen Einwanderungsregimes ist der Melting Pot – der Schmelztiegel, in dem alle kulturellen Unterschiede zu etwas Neuem verschmelzen sollen. In der Praxis bedeutete das lange Zeit aggressive „Americanization“:


  • Pflicht-Englischkurse

  • Umbenennung von Familiennamen

  • Kampagnen gegen „Bindestrich-Amerikaner“ (German-American, Italian-American etc.)


Seit den 1960er Jahren wurde diese Vorstellung zunehmend kritisiert. Heute spricht man eher vom Salad Bowl: Jede Gruppe behält einen Teil ihrer kulturellen Eigenheit („Tomate bleibt Tomate“), aber alle teilen denselben rechtlichen und ökonomischen Rahmen.


Konservative Stimmen sehen darin eine Gefahr der Fragmentierung und fordern eine Rückkehr zur stärkeren Assimilation – ein Spannungsfeld, das sich in Debatten über „English only“, Einwanderungsquoten oder Polizeikontrollen spiegelt.


Frankreich: Laïcité als Assimilationsmaschine


Frankreich beruft sich auf den republikanischen Universalismus: Der Staat kennt nur den abstrakten Bürger – Religion, Ethnie, Herkunft sollen im öffentlichen Raum keine Rolle spielen. Das klingt neutral, wurde aber in den letzten Jahrzehnten zum Hebel eines besonders strikten Assimilationsmodells.


Die Laïcité, ursprünglich gedacht zur Begrenzung kirchlicher Macht, dient heute häufig als Argument für Verbote religiöser Symbole im öffentlichen Raum – vor allem muslimischer. Kopftuchverbote in Schulen, das Verbot von Vollverschleierung, intensive Debatten um „sichtbare religiöse Zeichen“: All das sendet die Botschaft, dass religiöse und kulturelle Differenz nur im Privaten geduldet wird.


Für viele Betroffene fühlt sich das nicht nach Neutralität, sondern nach Zwang an: Wer dazugehören will, soll das Symbol seiner Zugehörigkeit zur Minderheit unsichtbar machen.


Deutschland: Vom „Gastarbeiter“ zur Leitkultur


In Deutschland war Assimilation lange gar kein Thema – weil Migration offiziell nur temporär sein sollte. „Gastarbeiter“ sollten kommen, arbeiten und wieder gehen. Integration, geschweige denn Assimilation, spielte politisch kaum eine Rolle.


Erst mit den Reformen von Staatsangehörigkeitsrecht und Zuwanderungsgesetz um die Jahrtausendwende wurde Deutschland faktisch zum Einwanderungsland. Sprachkurse, Integrationskurse, Einbürgerungstest – ein ganzes Instrumentarium entstand.


In den letzten Jahren erlebt nun der Begriff Leitkultur ein Comeback. Gemeint ist mehr als die Einhaltung von Gesetzen: „Wer dazugehören will, muss unsere Leitkultur ohne Wenn und Aber anerkennen“, heißt es in politischen Programmen.


Konkret zeigt sich das zum Beispiel in:


  • verschärften Einbürgerungstests, die vermehrt Gesinnungsfragen stellt (z.B. zur besonderen Verantwortung Deutschlands gegenüber Israel)

  • arbeitsmarktpolitischen Sanktionen, die ökonomische Teilnahme notfalls mit finanziellen Strafen erzwingen


Kritiker:innen warnen: Hier kippt der legitime Anspruch auf geteilte demokratische Werte in eine Form der Normierungs- und Gesinnungspolitik, die kulturelle Vielfalt eher als Problem denn als Ressource sieht.


Wenn du an diesem Punkt merkst, dass du eigene Erfahrungen, Fragen oder Widersprüche im Kopf hast: Lass sie nicht verpuffen. Schreib sie dir auf – und teile sie gern später in den Kommentaren. So wird aus Theorie gelebter Erfahrungsaustausch.


Erzwungene Assimilation: Wenn Anpassung zur Gewalt wird


Am radikalsten wird Assimilation, wenn sie mit Zwang, Kontrolle und Gewalt durchgesetzt wird. Dann ist von „kulturellem Genozid“ die Rede – der systematischen Zerstörung einer Kultur, ohne notwendigerweise alle Menschen physisch zu töten.


Internatsschulen in Nordamerika


In den USA und Kanada wurden indigene Kinder über Jahrzehnte hinweg ihren Familien entrissen und in staatliche oder kirchliche Internate gesteckt. Ihr erklärtes Ziel: „Den Indianer im Kind töten, um den Menschen zu retten.“

Die Methoden:


  • Verbot der Muttersprache

  • Zwang, christliche Namen und westliche Kleidung zu tragen

  • Abschneiden traditioneller Haare

  • harte körperliche Strafen bei „Ungehorsam“

  • Zwangsarbeit statt echter Bildung


Die Folgen sind bis heute spürbar: hohe Suizidraten, intergenerationale Traumata, der Verlust von Sprache und Traditionen. Offizielle Entschuldigungen und Wahrheitskommissionen können Leid anerkennen – es rückgängig machen können sie nicht.


Stolen Generations in Australien


Ähnlich in Australien: Über Jahrzehnte hinweg wurden Aborigine-Kinder, insbesondere solche gemischter Herkunft, bewusst aus ihren Communities herausgerissen. Ziel war es, sie zu „zivilisieren“ und langfristig in der weißen Mehrheitsbevölkerung „aufgehen“ zu lassen.Auch hier sprechen Betroffene von tiefen, kaum heilbaren seelischen Wunden. Fehlende familiäre Bindung, Identitätskrisen, Suchtprobleme – alles Symptome einer erzwungenen „Anpassung“, die eher Auslöschung war.


Zwangsassimilation im 21. Jahrhundert


Wer denkt, solche Praktiken seien reine Geschichte, irrt. Berichte über die Behandlung der uigurischen Minderheit in Xinjiang weisen auf ein massives System der Umerziehung, Internierung und Trennung von Familien hin. Verbot der Sprache, Zerstörung religiöser Stätten, politische Indoktrination – viele internationale Organisationen sprechen von möglichen Verbrechen gegen die Menschlichkeit.


In all diesen Fällen wird besonders deutlich, wie extrem die psychischen Kosten der Assimilation werden können, wenn sie nicht mehr nur sozialer Druck, sondern staatlich verordnete Strategie ist. Hier geht es nicht mehr um Zugehörigkeit, sondern um die Vernichtung von Differenz.


Diversität, Vertrauen und der lange Weg zur gemeinsamen Gesellschaft


Bleibt die große Frage: Brauchen wir nicht ein Stück Homogenität, damit Gesellschaft funktioniert? Geht in zu viel Vielfalt nicht der Zusammenhalt verloren?


Putnams „Hunkering Down“


Der US-Soziologe Robert Putnam fand in einer viel zitierten Studie: In sehr diversen Nachbarschaften ist das Vertrauen tatsächlich geringer – nicht nur zwischen Gruppen, sondern auch innerhalb. Menschen „igeln sich ein“, engagieren sich weniger in Vereinen, ziehen sich sozial zurück.


Das klingt erst einmal wie eine Bestätigung assimilatorischer Forderungen. Aber: Putnam betont selbst, dass das eine Kurzfristdiagnose ist – und dass Diversität oft mit Armut, Segregation und ungleichen Chancen zusammenfällt.


Kontakthypothese: Vielfalt braucht Rahmenbedingungen


Die Kontakthypothese von Gordon Allport setzt an einem anderen Punkt an: Kontakt zwischen Gruppen kann Vorurteile abbauen, wenn bestimmte Bedingungen erfüllt sind:


  • Gleichberechtigter Status der Gruppen

  • gemeinsame Ziele

  • Kooperation statt Konkurrenz

  • Unterstützung durch Institutionen und Gesetze


Mit anderen Worten:Es reicht nicht, Menschen einfach bunt zu mischen. Ohne faire Rahmenbedingungen erzeugt Vielfalt Stress, Konkurrenz und Rückzug – ein perfekter Nährboden für Assimilationsrufe nach dem Motto: „Werdet endlich so wie wir, dann ist Ruhe.“


Integration statt Einheitsbrei


Ein realistischer Weg für pluralistische Gesellschaften könnte darin bestehen, zwischen verschiedenen Ebenen zu unterscheiden:


  • zivile Assimilation: gemeinsame Sprache, demokratische Grundwerte, Rechtsstaat

  • kulturelle Pluralität: unterschiedliche Lebensstile, Rituale, Traditionen

  • strukturelle Integration: gleiche Chancen im Bildungssystem, auf dem Arbeitsmarkt, in der politischen Repräsentation


Die Kunst liegt darin, den ersten Punkt klar zu sichern, ohne die anderen beiden zu erdrücken.


Genau hier wird die Debatte um die psychischen Kosten der Assimilation politisch: Wenn Zugehörigkeit bedeutet, große Teile der eigenen Identität zu opfern, verlieren wir nicht nur individuelle Lebensqualität, sondern auch gesellschaftliche Resilienz und Kreativität.


Die Dialektik der Angleichung


Assimilation ist weder das Böse in Person noch die einfache Lösung aller Probleme. Sie ist ein vielschichtiger Prozess mit einer klaren Dialektik:


  • Auf der einen Seite ermöglicht sie sozialen Aufstieg, politische Loyalität, weniger Konflikte im Alltag.

  • Auf der anderen Seite kann sie Identitäten ausdünnen, Familien spalten und Menschen psychisch überfordern – besonders, wenn sie erzwungen wird oder wenn trotz aller Anpassung Diskriminierung fortbesteht.


Für moderne Einwanderungsgesellschaften stellt sich deshalb nicht die Frage „Assimilation: ja oder nein?“, sondern:


  • Wo brauchen wir verbindende Gemeinsamkeiten (Sprache, Rechtsstaat, Menschenrechte)?

  • Wo dürfen und sollen Unterschiede bleiben (Religion, Lebensstile, Traditionen)?

  • Und wie schaffen wir Bedingungen, unter denen Integration – und nicht Vollanpassung – psychisch, sozial und politisch die attraktivste Option wird?


Wenn du bis hierhin gelesen hast, warst du mit mir auf einer ziemlich dichten Reise durch Soziologie, Psychologie und Politik. Mich interessiert sehr, wie du das Thema erlebst: Hast du selbst Assimilationsdruck erfahren – oder vielleicht das Gefühl, „zu Hause“ zu wenig verbindende Werte zu haben?


Wenn dir dieser Beitrag etwas gegeben hat, freue ich mich, wenn du ihn likest und deine Gedanken in den Kommentaren teilst. So wird aus Theorie eine echte Diskussion.


Und wenn du Lust auf mehr wissenschaftlich fundierte Deep Dives hast, dann schau gern bei unserer Community vorbei:



Dort geht die Diskussion weiter – ohne Einheitsbrei, dafür mit vielen Perspektiven.


Quellen:


  1. Assimilation (Soziologie) | socialnet Lexikon - https://www.socialnet.de/lexikon/Assimilation-Soziologie

  2. Assimilation - Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa - https://ome-lexikon.uni-oldenburg.de/begriffe/assimilation

  3. Milton Gordon - Wikipedia - https://en.wikipedia.org/wiki/Milton_Gordon

  4. Segmented assimilation theory | Research Starters - https://www.ebsco.com/research-starters/social-sciences-and-humanities/segmented-assimilation-theory

  5. Full article: Assimilation and integration in the twenty-first century: where have we been and where are we going? - https://www.tandfonline.com/doi/full/10.1080/1369183X.2023.2293537

  6. Akkulturation | socialnet Lexikon - https://www.socialnet.de/lexikon/Akkulturation

  7. Further Examining Berry's Model: The Applicability of Latent Profile Analysis to Acculturation - https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC5557052/

  8. A Meta-Analysis of Acculturation/Enculturation and Mental Health - https://www.researchgate.net/publication/233722605_A_Meta-Analysis_of_AcculturationEnculturation_and_Mental_Health

  9. The Healthy Immigrant Paradox - Insight Digital Magazine - https://www.thechicagoschool.edu/insight/psychology/healthy-immigrant-paradox/

  10. The Immigrant Paradox in Children and Adolescents - American Psychological Association - https://www.apa.org/pubs/books/4318097

  11. The Residential School System | indigenousfoundations - https://indigenousfoundations.arts.ubc.ca/the_residential_school_system/

  12. The Stolen Generations | AIATSIS - https://aiatsis.gov.au/explore/stolen-generations

  13. China: Xinjiang's forced separations and language policies for Uyghur children carry risk of forced assimilation | OHCHR - https://www.ohchr.org/en/press-releases/2023/09/china-xinjiangs-forced-separations-and-language-policies-uyghur-children

  14. The Downside of Diversity | Weatherhead Center for International Affairs - https://www.wcfia.harvard.edu/publications/downside-diversity

  15. Contact hypothesis - Wikipedia - https://en.wikipedia.org/wiki/Contact_hypothesis

  16. Laïcité's Veil: French Identity in Debate - https://politicsrights.com/laicites-veil-french-identity-in-debate/

  17. Grundsatzprogramm der CDU Deutschlands - https://www.cdu.de/app/uploads/2025/08/240507_CDU_GSP_2024_Beschluss_Parteitag.pdf

  18. Recruiting “guest workers” | DOMiD - https://domid.org/en/news/migrationhistory-in-pictures-1960-recruitment/

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