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Schlacht von Hastings 1066: Warum auf einem Hügel in Sussex das moderne England entstand

Das Titelbild zeigt eine dramatische mittelalterliche Schlachtszene der Schlacht von Hastings: Normannische Ritter auf Pferden stürmen mit erhobenen Lanzen einen Hügel hinauf, während dicht gedrängte angelsächsische Krieger einen Schildwall bilden. Staub, Waffen und Stürzende vermitteln Dynamik und Chaos des Kampfes, der Himmel wirkt düster und unterstreicht die bedrohliche Stimmung.

1066: Als ein einziger Tag England neu erfand


Stell dir vor, ein einziges Datum würde die Sprache, die Eliten, die Architektur und sogar die geopolitische Ausrichtung eines ganzen Landes dauerhaft umprogrammieren. Genau das ist am 14. Oktober 1066 passiert – in der Schlacht von Hastings.


An diesem Tag prallen auf einem Hügel in Sussex drei Welten aufeinander: ein erschöpfter angelsächsischer König, ein ehrgeiziger normannischer Herzog und das lange Echo der Wikingerzeit. Und aus diesem Chaos entsteht etwas völlig Neues: ein anglo-normannisches England, das bis heute nachwirkt – von unseren englischen Lieblingsserien bis zu juristischen Begriffen im Common Law.


Wenn dich solche historischen Deep Dives interessieren, in denen politische Intrigen, Militärstrategie und langfristige Kulturgeschichte zusammenkommen, dann ist das der perfekte Moment, um dir einen monatlichen History-Newsletter zu gönnen – für mehr Stoff dieser Art direkt in dein Postfach.

In diesem Beitrag schauen wir uns an, warum 1066 kein isolierter “cooler Schlachtenmoment” war, sondern eine systemische Krise, ein Doppelfeldzug und schließlich eine Neugründung Englands im Zeitraffer.


Ein König ohne Erben: Warum Eduards Tod die Krise auslöste


Der Startpunkt der Katastrophe ist erstaunlich unspektakulär: ein Todesfall ohne Nachkommen. Am 5. Januar 1066 stirbt Eduard der Bekenner, König von England. Das Problem: Er hat kein Kind, keinen klar bestimmten Erben und ein politisch zerklüftetes Reich hinterlassen. Biologie wird zur Staatskrise.


Formal betrachtet gab es im angelsächsischen England eine Mischform aus Erb- und Wahlmonarchie. Der König konnte einen Nachfolger andeuten oder benennen, aber das Witenagemot, der Rat der Großen, musste zustimmen. Und genau hier kommt Harald Godwinson ins Spiel: der reichste und militärisch mächtigste Mann des Königreichs, Sohn des gewaltigen Earls von Wessex und Schwager Eduards (seine Schwester Edith war mit Eduard verheiratet). Politisch war Harald längst der Mann, der den Laden zusammenhielt.


Als Eduard stirbt, bewegt sich alles sehr schnell. Normannische Quellen geben zu, dass Eduard auf dem Sterbebett Harald zum Nachfolger designiert haben soll. Nach englischem Verständnis: legitimer Anspruch. Einen Tag später, am 6. Januar 1066, wird Harald in der neuen Westminster Abbey gekrönt. Das ist nicht nur ein symbolischer Coup, sondern pure Machtpolitik: Geschwindigkeit soll Fakten schaffen, bevor andere ihre Ansprüche militärisch aufladen können.


Der Haken: Draußen in Europa gibt es Männer, die sich von dieser Krönung nicht beeindrucken lassen – im Gegenteil, sie sehen darin einen Affront. Und sie heißen Wilhelm und Harald.


Drei Männer, drei Rechtssysteme: Wer durfte England eigentlich regieren?


1066 ist kein klassischer “rechtmäßiger Erbe vs. Usurpator”-Fall. Es ist eher ein Crash-Test für drei konkurrierende Rechts- und Machttraditionen.


1. Harald Godwinson – der Kandidat des Witenagemot


Haralds Anspruch basiert auf zwei Säulen: Eduards angeblicher Designation und der Wahl durch den angelsächsischen Adel. Nach englischem Recht ist er damit der plausibelste Kandidat. Er ist vor Ort, hat Truppen, hat Land, kennt das System. Sein Problem: Um König zu werden, muss er einen früheren Eid gegenüber Wilhelm brechen – und genau dieser Eid wird später zu einem der schärfsten Propaganda-Werkzeuge der Normannen.


2. Wilhelm von der Normandie – der Meister der Legitimation


Wilhelms Anspruch ist ein Puzzle: entfernte Verwandtschaft zu Eduard, ein angeblich altes Thronversprechen, der berühmt-berüchtigte Eid Haralds über heiligen Reliquien – und schließlich die päpstliche Billigung. Nach englischem Recht ist das alles dünn. Aber Wilhelm versteht etwas, was im 11. Jahrhundert Gold wert ist: Erzählkontrolle.


Er dreht den Konflikt um. Aus einer nackten Eroberung macht er einen moralischen Feldzug gegen einen Eidbrecher. Mit der Unterstützung des Papstes kann er sein Projekt als von Gott abgesegnet verkaufen. Und weil sich ein “heiliger Krieg” besser rekrutieren lässt als ein bloßes Raubunternehmen, strömen Ritter aus der Normandie, der Bretagne und Flandern in seine Armee.


3. Harald Hardrada – das Wikinger-Erbe


Der norwegische König Harald Hardrada bringt eine ganz andere Logik ins Spiel: das klassische, brutale Eroberungsrecht der Wikingerzeit, verstärkt durch einen fragwürdigen Erbvertrag mit einem früheren dänischen König von England. Juristisch ist das fast Luft, militärisch aber gefährlich.


Hardrada wäre vermutlich nie auf die Idee gekommen, England 1066 wirklich zu beanspruchen – hätte ihn nicht jemand regelrecht dazu angestachelt: Tostig Godwinson, der verbitterte, abgesetzte Bruder des englischen Königs. Aus einer schwachen Rechtskonstruktion plus persönlicher Rache wird ein echter Casus Belli.


Das Ergebnis: Es gibt keinen unstrittigen Anspruch. Alle drei greifen auf unterschiedliche Normensysteme zurück – angelsächsische Wahl, normannisches Erbrecht, skandinavisches Eroberungsdenken. In so einer Lage entscheidet am Ende nicht das Recht, sondern das Schwert.


Der Norden zuerst: Stamford Bridge als Pyrrhussieg


Die erste Invasion trifft England nicht in Sussex, sondern in Yorkshire. Im September 1066 landet Harald Hardrada zusammen mit Tostig im Nordosten – mit einer gewaltigen Flotte und tausenden erfahrenen Kriegern. Sie schlagen zunächst die lokalen Truppen bei Fulford Gate.


Harald Godwinson steht zu diesem Zeitpunkt mit seiner Armee im Süden und wartet auf Wilhelm. Als er vom Angriff im Norden erfährt, muss er eine brutale Entscheidung treffen: sitzenbleiben und den Süden verteidigen – oder die unmittelbare Bedrohung im Norden ausschalten und riskieren, im Süden das Feld offen zu lassen. Er entscheidet sich für den Norden.

Die Folge ist eine körperliche und logistische Extremleistung: Harald marschiert mit seinen Elitekriegern – den Huscarls – in wenigen Tagen über 300 Kilometer nach Norden. Am 25. September überrascht er die Wikinger bei Stamford Bridge. Viele von Hardradas Männern haben ihre Rüstungen abgelegt, es ist heiß, sie fühlen sich sicher. Der angelsächsische Angriff trifft sie unvorbereitet.


Das Ergebnis ist ein Vernichtungssieg. Hardrada fällt, Tostig fällt, die Wikingerarmee wird buchstäblich dezimiert. Angeblich reichen von den ursprünglichen 300 Schiffen am Ende 24, um die Überlebenden zurück nach Norwegen zu bringen. Stamford Bridge beendet faktisch das Zeitalter der großen Wikingerinvasionen in England.


Aber: Für Harald Godwinson ist dieser Triumph ein Pyrrhussieg. Seine besten Truppen sind erschöpft, viele sind tot oder verwundet, die Armee hat das Land einmal komplett durchquert – und genau in diesem Moment kommt die Nachricht, dass Wilhelm im Süden gelandet ist.


Harald bleibt keine Erholungspause. Er dreht um und marschiert wieder zurück – diesmal Richtung Süden, Richtung Hastings. Innerhalb weniger Wochen hat seine Armee England zweimal in voller Länge durchquert und eine der blutigsten Schlachten des Mittelalters geschlagen. Das ist beeindruckend – und fatal.


Wenn dir diese Kette von Entscheidungen und Zufällen – von Stamford Bridge bis Hastings – gerade ein neues Bild von 1066 liefert, dann schreib mir gern später in die Kommentare, was dich daran am meisten überrascht.


Landung in Sussex: Wie Wilhelm den Zeitpunkt der Schlacht diktierte


Während Harald im Norden alles auf eine Karte setzt, wartet Wilhelm von der Normandie an der französischen Küste auf günstige Winde. Wochenlang kann er nicht übersetzen – meteorologischer Frust, der sich im Nachhinein als strategischer Jackpot entpuppt.


Als Harald gerade seine Wikingerkrise im Norden bewältigt, setzt Wilhelm endlich über. Am 28. September 1066 landet er mit einer großen Invasionsflotte in Pevensey Bay, völlig ungehindert. Haralds Flotte, die zuvor den Kanal gesichert hatte, war bereits aufgelöst worden – Nachschubprobleme, Erntesaison, ganz banale Ressourcenfragen.


Wilhelm macht etwas sehr Modernes: Er nimmt sich Zeit. Statt sofort ins Landesinnere zu stoßen, baut er Befestigungen – frühe Motte-and-Bailey-Festungen – in Pevensey und Hastings, sichert seine Basis und beginnt dann systematisch, die Umgebung zu verwüsten. Und zwar nicht irgendwo, sondern gezielt auf dem persönlichen Land Haralds.


Das ist mehr als Krieg, das ist kalkulierte Demütigung: Ein König, der sein eigenes Kerngebiet nicht schützen kann, verliert Autorität. Harald, der gerade aus dem Norden zurückhetzt, steht damit politisch unter Zugzwang. Er könnte Truppen sammeln, abwarten, Verstärkungen aus London abwarten – aber Wilhelm zwingt ihn dazu, sofort zu reagieren.


Der Normanne bestimmt damit nicht nur den Ort, sondern auch den Zeitplan der entscheidenden Auseinandersetzung: die Schlacht von Hastings.


Die Schlacht von Hastings: Schildwall vs. Kavallerie


Am 14. Oktober 1066 stehen sich die beiden Armeen auf einem Hügel gegenüber, der heute programmatisch “Battle” heißt. Ob der Ort damals “Hailesaltede” oder “Senlac” genannt wurde – sicher ist: Das Gelände ist der dritte Akteur dieser Geschichte.


Die Positionen


Harald stellt seine Armee auf dem Kamm des Hügels auf. Seine wichtigste Waffe ist nicht eine einzelne Einheit, sondern eine Formation: der berühmte Schildwall. Dichte Reihen an Infanteristen mit Schilden und Äxten, im Zentrum die schwer bewaffneten Huscarls mit ihren langen Dänenäxten. Aus dieser erhöhten Position können sie alles, was den Hang hinaufkommt, mit Wurfgeschossen und Nahkampfwaffen empfangen.


Wilhelm muss bergauf angreifen. Seine Armee ist dafür technisch überlegen aufgestellt: Bogenschützen, Infanterie und schwere Kavallerie in drei Flügeln, zusammengesetzt aus Normannen, Bretonen und Franzosen/Flamen. Es ist so etwas wie eine frühe “combined arms”-Armee: unterschiedliche Waffengattungen, die sich abwechseln und ergänzen.


Die erste Phase: Frontalangriffe scheitern


Zunächst schießen normannische Bogenschützen bergauf – mit begrenzter Wirkung, denn Winkel und Schildwall machen ihre Pfeile weitgehend wirkungslos. Dann stürmen Infanterie und Kavallerie den Hang hinauf. Immer wieder prallen sie am Schildwall ab. Stundenlang.


Auf dem Papier scheint das angelsächsische Konzept zu funktionieren: Der Hügel plus Schildwall neutralisiert die Vorteile von Kavallerie und Beweglichkeit. Wäre die Schlacht an dieser Stelle eingefroren, gäbe es gute Chancen, dass Harald den Tag überlebt.


Die Wende: Die vorgetäuschte Flucht


Doch dann beginnt Wilhelm, mit der Psyche der Gegner zu spielen. Eine Flanke seiner Truppen – wahrscheinlich die bretonische – gerät in Unordnung und zieht sich zurück. Ob das zuerst ein echter Panikanfall war oder bewusst inszeniert, ist umstritten. Entscheidend ist: Die Engländer glauben, die Normannen würden fliehen.


Teile des Schildwalls – vermutlich weniger erfahrene Milizen – brechen die Formation und stürmen hinterher, um die vermeintlich fliehenden Gegner zu jagen. Genau darauf haben die normannischen Ritter gewartet: Sie drehen im flacheren Gelände um, fassen Tempo, schließen die auseinandergezogenen Sachsen ein und schlagen sie nieder.


Wilhelm wiederholt diese vorgetäuschte Flucht mehrmals. Damit zerlegt er schrittweise den statischen Schildwall in kleinere Gruppen, die seine Kavallerie isoliert vernichten kann. Hastings wird so zum Lehrstück für den Sieg einer flexiblen, kavalleriebasierten Kontinentalstrategie über eine ältere, infanteriebasierte Kriegertradition germanischer Prägung.


Zwischendurch gerät Wilhelm selbst in eine Krise: Das Gerücht geht um, er sei gefallen. Um seine Leute zu stabilisieren, reitet er ohne Deckung vor seine Truppen, hebt seinen Helm an, zeigt sein Gesicht und ruft, dass er lebt. Ein Moment der Inszenierung – und ein psychologischer Katalysator für den weiteren Kampf.


Wie starb Harald wirklich? Der Pfeil im Auge und die zensierte Brutalität


Der Wendepunkt des Tages ist der Tod König Harald Godwinsons. Mit ihm bricht die angelsächsische Front endgültig auseinander. Aber die Frage, wie er stirbt, ist bis heute ein Paradebeispiel dafür, wie Siegergeschichte funktioniert.


Die berühmteste Version kennst du wahrscheinlich: der Pfeil im Auge auf dem Teppich von Bayeux. Eine Figur, beschriftet mit “Harold Rex interfectus est”, scheint einen Pfeil im Gesicht zu haben. Das Bild eignet sich perfekt als göttliche Metapher: Ein König, der angeblich einen Eid brach, wird vom “Pfeil Gottes” in seinem “sehenden” Organ getroffen – Strafe für moralische Blindheit.


Nur: Historisch ist diese Szene hochproblematisch. Der Pfeil könnte eine spätere Überarbeitung sein, die Zuordnung der Figur zu Harald ist unsicher, und schon Zeitgenossen könnten das mehr als symbolische Visualisierung denn als Augenzeugenbericht verstanden haben.


Eine alternative Quelle, das Carmen de Hastingae Proelio, erzählt eine ganz andere, viel brutalere Geschichte: Harald soll von einer Gruppe normannischer Ritter gezielt angegriffen, mit Lanzen und Schwertern mehrfach schwer verletzt und verstümmelt worden sein. Das wäre kein “sauberer Fernschuss”, sondern ein regelrechter Regizid im Nahkampf – unritterlich, schwer zu rechtfertigen, politisch heikel.


Interessant ist, was in anderen normannischen Quellen nicht steht. Wilhelm von Poitiers, der Hauschronist Wilhelms des Eroberers, beschreibt die Schlacht ausführlich, schweigt aber zur Art von Haralds Tod. Die Angelsächsische Chronik konstatiert nur nüchtern, dass der König fiel.


Die wahrscheinlichste Lesart: Der berühmte Pfeil im Auge ist keine nüchterne Faktenschilderung, sondern eine nachträgliche Bearbeitung eines unangenehmen Sachverhalts. Der gewaltsame, möglicherweise verstümmelnde Tod eines gesalbten Königs wird von der rohen Realität in eine scheinbar “gottgewollte” Szenerie übersetzt. Propaganda statt forensischer Bericht.


Vom Schlachtfeld zur Besatzung: Krönung, Widerstand und verbrannte Erde


Mit dem Sieg in der Schlacht von Hastings ist England nicht “fertig erobert”. Eher beginnt jetzt Phase zwei: Sicherung und Umformung.

Wilhelm marschiert nicht impulsiv direkt auf London los. Stattdessen umgeht er die Stadt, sichert den Süden und Südosten, zwingt die Reste der angelsächsischen Elite zu Verhandlungen – und lässt sich schließlich an Weihnachten 1066 in der Westminster Abbey krönen. Der Ort ist symbolisch perfekt: Eduard der Bekenner hatte die Abtei bewusst als Bühne königlicher Legitimität aufgebaut.


Die Krönung selbst läuft chaotisch. Als die zweisprachige Menge in der Abtei Wilhelm zustimmend ausruft, missverstehen normannische Wachen draußen die Jubelrufe als Aufruhr. In Panik setzen sie benachbarte Häuser in Brand. Menschen fliehen aus der Kirche, während die Bischöfe die Zeremonie hektisch zu Ende bringen.


Dieser Moment ist ein Brennglas für die Lage: Eine kleine, nervöse Besatzungsmacht steht einer zahlenmäßig weit überlegenen, feindseligen Bevölkerung gegenüber, die sie kulturell kaum versteht. Im Norden kommt es in den Folgejahren zu massiven Aufständen – unterstützt sogar von Dänen.


Wilhelms Antwort ist das berüchtigte “Harrying of the North”: eine systematische Politik der verbrannten Erde. Dörfer, Felder, Vieh werden zerstört, um den Widerstand ihrer materiellen Basis zu berauben. Das Ergebnis ist eine menschengemachte Hungersnot, der Zehntausende zum Opfer fallen. Die Eroberung ist also nicht nur ein einzelner Schlachtentag, sondern ein mehrjähriger Prozess extremer Gewalt.


Neugründung von oben: Feudalismus, Domesday Book und Elitenwechsel


Politisch betrachtet ist das vielleicht radikalste Element der normannischen Eroberung nicht die Schlacht, sondern der komplette Austausch der Eliten.

Wilhelm erklärt im Grunde das gesamte Land Englands zu seinem Eigentum. Angelsächsische Adlige, die bei Hastings gefallen sind oder später rebellieren, verlieren ihre Besitztümer. Diese Ländereien gehen an normannische, bretonische und flämische Gefolgsleute – die neuen “tenants-in-chief”. Land wird nicht mehr als vererbtes Eigentum verstanden, sondern als vom König verliehenes Lehen mit klar definierten Pflichten, insbesondere militärischen Diensten.


Genial ist, wie Wilhelm verhindert, dass neue, gefährliche Regionalfürsten entstehen: Er verteilt die Güter seiner Barone zerstreut im ganzen Land, oft gemischt mit königlichen Domänen. Wer seine verstreuten Lehen verteidigen will, braucht die Unterstützung des Königs – ein frühes Rezept gegen französische Verhältnisse mit übermächtigen Herzögen.


Zwanzig Jahre später zieht Wilhelm die buchhalterische Bilanz seiner Eroberung: das Domesday Book von 1086. Beamte durchkämmen das Land, erfassen systematisch, wem welches Stück Land gehört, wie viele Bauern dort leben, wie viel Vieh auf den Weiden steht und welchen Wert das Ganze hat. Offiziell geht es um Steuern und Wehrpflicht. In der Tiefe ist es die juristische Fixierung des normannischen Neubesitzes.


Dass diese Bestandsaufnahme später “Domesday”, also “Tag des Jüngsten Gerichts”, genannt wird, ist kein Zufall. Was darin steht, gilt als endgültig. Kein Zurück zur angelsächsischen Ordnung. Gleichzeitig legt das Domesday Book Grundlagen für das englische Schatzamt und – langfristig – für das Common Law, also die besondere Entwicklung des englischen Rechts.


Sprache, Burgen, Kathedralen: Das kulturelle Erbe der Schlacht von Hastings


Die normannische Eroberung verändert England nicht nur politisch, sondern auch sprachlich und architektonisch auf eine Weise, die du heute noch täglich spürst.


Sprache: Aus Altenglisch und Normannisch wird etwas Neues


Nach 1066 sprechen die Herrschenden eine anglonormannische Variante des Französischen. Latein dominiert Kirche und Verwaltung. Das Altenglische überlebt als Sprache der einfachen Bevölkerung. Über Jahrhunderte entsteht daraus ein Spannungsfeld, in dem sich Vokabeln überlagern: germanische Wörter für Alltag, französische für Recht, Militär, Verwaltung, Luxus – bis sich schließlich das Mittelenglische herausbildet.


Wenn du dich fragst, warum im Englischen “cow” auf der Wiese steht, aber “beef” auf dem Teller landet – genau hier liegen die Wurzeln: Bauern (englischsprachig) und normannische Eliten (französischsprachig) erleben dieselbe Realität aus zwei sprachlichen Perspektiven. Die Schlacht von Hastings ist damit ein zentraler Ausgangspunkt für die heutige englische Sprache.


Burgen: Motte-and-Bailey als Beton gewordene Besatzung


Militärisch schreiben die Normannen ihre Herrschaft in die Landschaft: Hunderte von Motte-and-Bailey-Burgen entstehen. Ein künstlicher Hügel mit Turm (Motte) plus befestigter Vorhof (Bailey). Viele dieser Anlagen sind zunächst aus Holz, später aus Stein. Sie dienen nicht als romantische Residenzen, sondern als Kontrollmaschinen über eine feindselige Bevölkerung.


Wer im 11. Jahrhundert auf eine normannische Burg blickt, sieht eine permanente Erinnerung: Hier regiert jemand, der nicht von hier ist – und bereit ist, das notfalls mit Gewalt durchzusetzen.


Kathedralen: Romanik als Ideologie in Stein


Parallel dazu betreiben die Normannen eine Art geistlichen Systemwechsel. Angelsächsische Bischöfe werden durch normannische ersetzt, alte Kirchenbauten weichen monumentalen Neubauten im romanischen Stil. Kathedralen wie Durham, Winchester oder Canterbury wachsen in die Höhe, werden breiter, massiver, technisch anspruchsvoller.


Das ist nicht nur “schöner Gottesdienst”, das ist Architektur als Ideologie: Die Steingiganten sollen zeigen, dass die neue Ordnung groß, dauerhaft und gottgewollt ist. Wer in einer dieser Kathedralen steht, steht mitten im ideologischen Statement der Eroberer.


Die Schlacht von Hastings als Geburtsstunde des anglo-normannischen Englands


Die Schlacht von Hastings ist nicht einfach “nur” Militärgeschichte, sondern der Schlüsselmoment einer umfassenden Transformation:


  • Politisch: Eine ganze Elite wird ausgetauscht, das Land radikal umverteilt, das Königtum auf einer neuen, feudal organisierten Basis aufgebaut.

  • Sozial: Einheimische Adlige werden entmachtet, viele Regionen verarmen durch Krieg, Besatzung und Maßnahmen wie das “Harrying of the North”.

  • Kulturell: Sprache, Architektur und kirchliche Strukturen werden so umgeformt, dass etwas Neues entsteht: ein anglo-normannisches England.

  • Geopolitisch: England wird aus seinem skandinavischen Orbit herausgerissen und eng an Frankreich gebunden – eine Spannung, die später im Hundertjährigen Krieg eskaliert.


Das moderne England ist in vieler Hinsicht das Ergebnis dieser Kombination: angelsächsischer Unterbau, normannische Herrenschicht, französischer und lateinischer Einfluss, aufgezeichnet und stabilisiert durch Verwaltungsinstrumente wie das Domesday Book.


All das beginnt nicht “irgendwie im 11. Jahrhundert”, sondern lässt sich erstaunlich präzise auf einen Tag fokussieren: den 14. Oktober 1066, auf einem Hügel bei Hastings.


Wenn dich diese Perspektive auf 1066 inspiriert oder irritiert hat, lass dem Beitrag gern ein Like da und schreib in die Kommentare, welche Facette der Eroberung du bisher unterschätzt hast – die Schlacht selbst, die Propaganda, die Sprachveränderung oder die nackte Brutalität der Besatzung?


Und wenn du mehr solcher Geschichten über Wendepunkte der Geschichte in deinem Feed haben willst, schau gern bei der Community vorbei:



Quellen:


  1. Battle of Hastings – Wikipedia - https://en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_Hastings

  2. Die Schlacht von Hastings (1066) – curiositas | Der Mittelalter-Blog - https://curiositas-mittelalter.blogspot.com/2016/10/schlacht-hastings-1066.html

  3. Die Schlacht von Hastings – barbarusbooks.de - https://www.barbarusbooks.de/2017/01/01/die-schlacht-von-hastings/

  4. Vor 950 Jahren – Sieg der Normannen über die Angelsachsen bei Hastings – Deutschlandfunk - https://www.deutschlandfunk.de/vor-950-jahren-sieg-der-normannen-ueber-die-angelsachsen-100.html

  5. Die Schlacht von Hastings: Wie eine blutige Auseinandersetzung England transformierte – Battle-Merchant - https://www.battlemerchant.com/blog/die-schlacht-von-hastings-wie-eine-blutige-auseinandersetzung-england-transformierte

  6. Normannische Eroberung Englands – Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki/Normannische_Eroberung_Englands

  7. Eduard der Bekenner – Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki/Eduard_der_Bekenner

  8. Wilhelm der Eroberer: Ein Normanne auf dem englischen Thron – wissen.de - https://www.wissen.de/bildwb/wilhelm-der-eroberer-ein-normanne-auf-dem-englischen-thron

  9. Harold Godwinson – Wikipedia - https://en.wikipedia.org/wiki/Harold_Godwinson

  10. Harald II. (England) – Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki/Harald_II._(England)

  11. Schlacht bei Hastings – Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki/Schlacht_bei_Hastings

  12. Wilhelm I. (England) – Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki/Wilhelm_I._(England)

  13. Who Was Harald Hardrada? The Norwegian Claimant to the English Throne in 1066 – History Hit - https://www.historyhit.com/1066-harald-hardraada-lands-england/

  14. Battle of Stamford Bridge – Wikipedia - https://en.wikipedia.org/wiki/Battle_of_Stamford_Bridge

  15. The Battle of Stamford Bridge, 1066 – Historic UK - https://www.historic-uk.com/HistoryMagazine/DestinationsUK/The-Battle-of-Stamford-Bridge/

  16. 1066: Edward the Confessor, Harold Godwinson, William the Conqueror and Harold Hardrada – English Heritage - https://www.english-heritage.org.uk/learn/teaching-resources/story-of-1066/collectible-1/

  17. The Battle of Hastings – Bayeux Museum - https://www.bayeuxmuseum.com/en/the-bayeux-tapestry/discover-the-bayeux-tapestry/the_battle_of_hastings/

  18. Domesday Book – Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki/Domesday_Book

  19. Domesday Book – The National Archives - https://www.nationalarchives.gov.uk/education/resources/domesday-book/

  20. The Domesday Book – Historic UK - https://www.historic-uk.com/HistoryUK/HistoryofEngland/Domesday-Book/

  21. The Motte and Bailey Castle – Durham World Heritage Site - https://www.durhamworldheritagesite.com/learn/architecture/castle/motte-and-bailey

  22. Norman Castles – English Heritage - https://www.english-heritage.org.uk/visit/inspire-me/norman-castles/

  23. Anglo-Normannische Architektur – Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki/Anglo-Normannische_Architektur

  24. The Romanesque in Normandy and England – Art and Visual Culture - https://pressbooks.bccampus.ca/cavestocathedrals/chapter/the-romanesque-in-normandy-and-england/

  25. The Normans and Their Cathedrals (1066–1170) – Entertablement Abroad - https://entertablementabroad.com/2023/05/the-normans-and-their-cathedrals-1066-1170/

  26. The Norman Invasion – The Battlefields Trust - https://www.battlefieldstrust.com/resource-centre/campainpageview.asp?pageid=540

  27. What Happened at the Battle of Hastings – English Heritage - https://www.english-heritage.org.uk/visit/places/1066-battle-of-hastings-abbey-and-battlefield/history-and-stories/what-happened-battle-hastings/

  28. Die Folgen der normannischen Eroberung und das Königtum … – GRIN - https://www.grin.com/document/159254

  29. William at the Battle of Hastings – Encyclopaedia Romana (UChicago) - https://penelope.uchicago.edu/encyclopaedia_romana/britannia/anglo-saxon/hastings/william.html

  30. Teppich von Bayeux – Wikipedia - https://de.wikipedia.org/wiki/Teppich_von_Bayeux

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