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Wissenschaftliche Meldungen

Chemie nach dem Vorbild der DNA: Neue Kunststoffe sollen sich gezielt selbst zersetzen

4.1.26, 13:47

Chemie, Klima & Umwelt, Technologie

Illustration eines sich selbst zersetzenden Plastikflasche in einer verschmutzten Naturkulisse. Die Flasche bricht sichtbar in Fragmente auseinander, daneben eine leuchtende DNA-Doppelhelix als Symbol für von der Natur inspirierte Chemie. Im Hintergrund Müll, Wasser und ein dramatisches Licht. Text im Bild: „Zerfall auf Knopfdruck? Kunststoffe, die sich von selbst zersetzen!“

Chemie-Trick nach dem Vorbild der Natur: Kunststoffe mit eingebautem Verfallsdatum


Plastik ist überall – und genau das ist das Problem. Viele der gebräuchlichen Kunststoffe sind so stabil, dass sie in der Umwelt über Jahrzehnte bis Jahrhunderte nur sehr langsam zerfallen. Ein Forschungsteam um den Chemiker Yuwei Gu zeigt nun einen Ansatz, der diese Grundannahme auf den Kopf stellen könnte: Kunststoff soll stabil bleiben, solange er gebraucht wird, und sich danach gezielt und unter milden Bedingungen selbst zerlegen lassen. Die Idee stammt aus der Biochemie, genauer aus dem Designprinzip natürlicher Polymere wie DNA und Proteine.


Von DNA inspiriert, an Plastikmüll entzündet


Auslöser war eine Alltagsszene: Gu berichtet, dass ihn bei einer Wanderung im Bear Mountain State Park im US-Bundesstaat New York Plastikflaschen am Wegesrand und im Wasser so beschäftigten, dass er über eine zentrale Frage stolperte. Auch biologische Systeme arbeiten mit Polymeren – DNA, RNA, Proteine oder Cellulose –, doch in der Natur häufen sich diese Materialien nicht dauerhaft an. Für das Team lag der entscheidende Unterschied nicht allein in der chemischen Zusammensetzung, sondern in der Art und Weise, wie die Moleküle räumlich organisiert sind.


Der Kniff: „Vorgefaltete“ Moleküle zerlegen sich schneller


Im Kern geht es um ein Konzept, das in der Polymerchemie bislang wenig beachtet wurde: Nicht nur die Art einer spaltbaren Bindung bestimmt, wie schnell ein Kunststoff zerfällt, sondern auch die räumliche Nachbarschaft und Ausrichtung chemischer Gruppen im Molekül. Die Forschenden nutzen eine sogenannte konformationelle Vororganisation, um den Abbau gezielt zu beschleunigen. Anschaulich gesprochen wird das Polymer auf Molekülebene so „vorgeformt“, dass ein Zerlegungsschritt deutlich leichter ablaufen kann – ähnlich wie Papier entlang einer Falzkante einfacher reißt.


Entscheidend ist dabei, dass sich die Zerlegungsgeschwindigkeit über mehrere Größenordnungen steuern lässt, ohne die chemische Identität der spaltbaren Bindung zu verändern. Damit umgehen die Forschenden ein zentrales Problem bisheriger Ansätze: Häufig geht erhöhte Abbaubarkeit mit einem Verlust an Stabilität und Gebrauchstauglichkeit einher. Der neue Ansatz verspricht, diesen Zielkonflikt zumindest teilweise aufzulösen.


Programmierbarer Abbau: von „hält einen Tag“ bis „hält Jahre“


Die Methode soll es ermöglichen, die Lebensdauer eines Kunststoffs präzise an seinen Einsatzzweck anzupassen. Verpackungsmaterialien benötigen oft nur kurzfristige Stabilität, technische Bauteile dagegen jahrelange Haltbarkeit. Der Abbau kann entweder von Beginn an so eingestellt werden, dass er nach einer gewünschten Zeit einsetzt, oder später gezielt aktiviert werden, etwa durch Licht oder einfache chemische Signale wie Metallionen.


Besonders bemerkenswert ist, dass sich dieser Prozess prinzipiell auch umkehrbar steuern lässt. Bestimmte Metallionen können die räumliche Faltung der Polymerketten verändern und damit die Spaltbarkeit der Bindungen an- oder abschalten. Das eröffnet die Möglichkeit, Kunststoffe nicht nur zeitlich, sondern auch situativ kontrolliert zu zerlegen.


Was das bringen könnte – und was noch offen ist


Sollten sich Kunststoffe kontrolliert und unter Umgebungsbedingungen abbauen lassen, wären Anwendungen denkbar, die weit über Abfallvermeidung hinausgehen. Genannt werden etwa Materialien für zeitgesteuerte Wirkstofffreisetzung oder Beschichtungen, die nach einer definierten Zeit verschwinden. Gleichzeitig bleibt eine entscheidende Umweltfrage offen: Was geschieht mit den Abbauprodukten?


Erste Labortests deuten darauf hin, dass die beim Zerfall entstehenden Substanzen nicht akut toxisch sind. Die Forschenden betonen jedoch, dass umfassende Prüfungen noch ausstehen, insbesondere zu langfristigen Effekten und möglichen Risiken durch verbleibende Fragmente. Genau hier entscheidet sich, ob ein abbaubarer Kunststoff tatsächlich umweltfreundlicher ist oder lediglich neue Probleme schafft.


Einordnung: Ein neues Stellrad in der Polymerchemie


Die Arbeit adressiert ein Grunddilemma moderner Kunststoffe: Stabilität und Abbaubarkeit stehen häufig im Widerspruch. Der vorgestellte Ansatz setzt nicht primär auf neue, besonders schwache Bindungen, sondern auf eine präzise räumliche Organisation im Molekül, die den Zerfall zum gewünschten Zeitpunkt stark beschleunigt. Ob dieses Konzept auch im industriellen Maßstab, bei gängigen Kunststofftypen und unter realen Umweltbedingungen funktioniert, ist nun die zentrale offene Frage. Das Forschungsteam arbeitet nach eigenen Angaben bereits daran, diese Aspekte systematisch zu untersuchen.

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