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Wissenschaftliche Meldungen

Kontinente trocknen aus: Weltbank warnt vor jährlichem Süßwasserverlust in Rekordhöhe

31.12.25, 13:19

Klima & Umwelt

Dramatische Illustration der Erde, halb grün und wasserreich, halb ausgetrocknet mit rissigem Boden, vertrockneten Bäumen und leerem See. Ein Wasserfall fließt aus dem Planeten in eine trockene Landschaft mit Stadt-Silhouette. Großflächiger Text im Bild: „Der Planet verliert jedes Jahr Milliarden Tonnen Süßwasser! Droht eine globale Wasserkrise?“

Wenn Kontinente austrocknen: Warum der Planet jedes Jahr gewaltige Süßwassermengen verliert


Die Erde verliert Jahr für Jahr enorme Mengen an verfügbarem Süßwasser an Land – und zwar nicht nur in einzelnen Dürre-Hotspots, sondern als globaler Trend. Das zeigt der erste „Global Water Monitoring Report“ der Weltbank, der die schleichende, großräumige Austrocknung ganzer Landmassen („continental drying“) systematisch auswertet. Im Kern geht es dabei um einen langfristigen Rückgang von Wasser, das in Böden, Flüssen und Seen, in Schnee und Eis sowie vor allem in Grundwasserspeichern gebunden ist – also um jene Vorräte, die Gesellschaften und Ökosysteme durch trockene Zeiten tragen.


Die Bilanz ist drastisch: Im Durchschnitt gehen laut Weltbank-Analyse pro Jahr rund 324 Milliarden Kubikmeter Süßwasser aus den kontinentalen Speichern verloren. Das entspricht einer Menge, die – umgerechnet auf typische Pro-Kopf-Bedarfe – den jährlichen Wasserbedarf von etwa 280 Millionen Menschen decken könnte. In der Zuspitzung, die die Autorinnen und Autoren zur Einordnung nutzen, entspricht der Nettoverlust etwa „vier olympischen Schwimmbecken pro Sekunde“.


Was genau mit „kontinentaler Austrocknung“ gemeint ist


Der Bericht verwendet „continental drying“ als Sammelbegriff für einen dauerhaften Rückgang der Süßwasserverfügbarkeit über große Landflächen. Dahinter stehen mehrere Prozesse, die teils klimatisch, teils menschengemacht sind: beschleunigtes Abschmelzen von Schnee- und Eismassen, tauender Permafrost, steigende Verdunstung – und besonders bedeutsam: die Entnahme von Grundwasser. Wichtig ist eine definitorische Abgrenzung: Schmelzwasser aus Grönland und der Antarktis wird in dieser Definition explizit nicht mitgerechnet.


Gemessen wird der Trend nicht nur über lokale Messstationen, sondern über Satellitendaten. Zentral ist die GRACE-Mission (und ihre Nachfolger), die Veränderungen im Schwerefeld der Erde registriert und daraus kleinste Massenverschiebungen ableiten kann – unter anderem, ob Regionen netto Wasser verlieren oder gewinnen. Für den Weltbankbericht wurden 22 Jahre GRACE-Daten mit Wirtschafts- und Landnutzungsdaten kombiniert und zusätzlich in hydrologische sowie agrarische Modelle eingespeist.


Ein globaler Trend – mit besonders hohen Verlusten in ohnehin trockenen Regionen


Ein Schlüsselbefund ist die Relation zur „Einnahmeseite“ des Wasserkreislaufs. Im Mittel entspricht der jährliche Süßwasserverlust an Land etwa drei Prozent des globalen Netto-„Einkommens“ aus Niederschlag. In ariden und semiariden Regionen springt dieser Wert laut Auswertung auf rund zehn Prozent – ein Hinweis darauf, dass die Austrocknung gerade dort am stärksten zuschlägt, wo Wasser ohnehin knapp ist.


Der Bericht beschreibt außerdem ein Muster, das Klimaforschende seit Jahren beobachten: Trockene Gebiete neigen dazu, noch trockener zu werden, während sich in einigen feuchten Tropenregionen mehr Niederschlag konzentrieren kann. Brisant ist, dass die Austrocknung der trockenen Räume schneller voranschreiten kann als eine mögliche „Verfeuchtung“ der feuchten Räume – mit dem Ergebnis großräumiger „Mega-Austrocknungsregionen“.


Die Folgen: Arbeit, Ernährungssicherheit, Preise – und Risiken über Grenzen hinweg


Wasser ist nicht nur eine Umweltvariable, sondern eine ökonomische Basisressource. Der Weltbankbericht verknüpft die hydrologischen Trends deshalb explizit mit Wohlstand und Beschäftigung. Ein besonders greifbares Beispiel sind Dürreschocks in Subsahara-Afrika: Zwischen 2005 und 2018 gingen dort demnach pro Jahr im Mittel 600.000 bis 900.000 Jobs verloren – eine Größenordnung, die im Bericht als relevanter Anteil an der jährlichen Jobschaffung in der Region eingeordnet wird. Betroffen sind überdurchschnittlich häufig ohnehin vulnerable Gruppen, etwa landlose oder kleinbäuerliche Haushalte, deren Einkommen stark vom Regenfeldbau abhängt.


Dabei bleibt das Problem nicht regional begrenzt. Wenn große Agrarregionen Ernteausfälle oder Produktionsdellen erleben, schlagen sich die Effekte über Handelsketten, Preise und Migration auch in Ländern nieder, die selbst weniger Landwirtschaft haben oder stärker importabhängig sind. Der Bericht argumentiert daher, Wasserkrisen seien nicht mehr zuverlässig als rein lokale Herausforderungen zu behandeln, sondern könnten rasch grenzüberschreitende Dimensionen annehmen.


Was hilft: weniger Nachfrage, mehr Resilienz, bessere Regeln


Der Bericht skizziert einen Maßnahmenmix, der weniger auf eine einzelne „Wunderlösung“ setzt, sondern auf ein dreigeteiltes Vorgehen: Erstens eine konsequente Steuerung der Nachfrage, etwa durch effizientere Technologien, Obergrenzen für Entnahmen und öffentliche Programme zur Verhaltensänderung. Zweitens eine Ausweitung bzw. Stabilisierung des Angebots, etwa durch Wiederverwendung und Recycling von Wasser, Entsalzung in geeigneten Kontexten sowie mehr Speicher- und Puffermöglichkeiten. Drittens eine bessere Allokation, also Regeln dafür, wofür Wasser priorisiert wird, wenn es knapp wird.


Weil Technik allein die politischen Zielkonflikte nicht auflöst, betont der Bericht zudem „Hebel“, die die Umsetzung überhaupt erst möglich machen: stärkere Institutionen, Reformen bei Tarifen und Subventionen, verlässliche Wasserbilanzierung, datengetriebene Innovationen und eine stärkere Berücksichtigung des Wasserwerts im Handel.


Ein besonders großer Hebel liegt in der Landwirtschaft, die global als größter Wasserverbraucher gilt. Der Bericht und die begleitende Analyse nennen als Beispiel die Effizienzsteigerung bei wichtigen Nutzpflanzen: Würde die Wassernutzungseffizienz für 35 zentrale Kulturen wie Weizen und Reis weltweit zumindest auf mittlere Niveaus angehoben, ließe sich demnach Wasser in einer Größenordnung einsparen, die rechnerisch den Jahresbedarf von 118 Millionen Menschen decken könnte. Neben Bewässerungstechnik geht es dabei auch um Standortentscheidungen – also darum, wasserintensive Kulturen stärker dort anzubauen, wo Wasser langfristig verfügbar ist – sowie um präzisere Steuerung etwa mit digitalen Prognosen und Optimierung der Bewässerungszeitpunkte.


Einordnung: Was die Zahlen leisten – und wo Unsicherheiten bleiben


Die Stärke der Analyse liegt in der Kombination aus global konsistenten Satellitendaten und ökonomischer Auswertung. GRACE-basierte Abschätzungen gelten als robust, wenn es um großräumige Trends der Wasserspeicherung geht. Gleichzeitig bleiben Grenzen: Solche Datensätze liefern keine perfekte Detailauflösung für jedes Einzugsgebiet, und sie können nicht ohne zusätzliche Informationen trennscharf beantworten, welcher Anteil der Verluste auf natürliche Variabilität, auf langfristige Klimaerwärmung oder auf menschliche Entnahmen entfällt. Der Bericht ordnet die Treiber dennoch klar als Zusammenspiel aus globaler Erwärmung, zunehmenden Dürren sowie nicht nachhaltiger Land- und Wassernutzung ein – und legt den Schwerpunkt auf politische und wirtschaftliche Stellschrauben, weil diese kurzfristig am ehesten beeinflussbar sind.


Unterm Strich macht der Befund vor allem eines deutlich: „Kontinentale Austrocknung“ ist kein fernes Zukunftsszenario, sondern bereits messbare Gegenwart – mit Risiken, die sich über Arbeitsmärkte, Nahrungsmittelpreise und geopolitische Abhängigkeiten schnell über Regionen hinaus ausbreiten können.

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