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Wissenschaftliche Meldungen

Kranke Ameisenpuppen senden ein „Tötet-mich“-Signal – zum Schutz des gesamten Nests

6.1.26, 11:49

Biologie, Zoologie

Realistisches Facebook-Titelbild im quadratischen Format: Mehrere Arbeiterinnen der Ameisenart Lasius neglectus greifen eine weißliche, von grünlichem Pilz befallene Puppe an. Eine Ameise versprüht Ameisensäure, während andere die Puppe festhalten. Im Hintergrund lodert eine dramatische, rötlich-orange Lichtstimmung. Große, plakative Überschrift im Bild: „Ameisen töten ihre kranken Puppen!“ Darunter ein roter Banner mit dem Text: „Selbstopfer zum Schutz des Nests!“ Links unten ist eine Detailaufnahme eines Pilzes in einem Kreis eingeblendet.

Wenn Hilfe tödlich endet – und genau das der Sinn ist


In einem Ameisenstaat zählt das Überleben des Kollektivs mehr als das Schicksal des Einzelnen. Eine neue Studie zeigt nun, wie weit diese Logik reichen kann. Arbeiterinnen-Puppen der invasiven Gartenameise Lasius neglectus senden bei einer schweren Pilzinfektion offenbar gezielt chemische Signale aus, die andere Ameisen dazu bringen, sie zu töten. Auf diese Weise verhindern sie, dass sich der Erreger im Nest ausbreitet. Die Ergebnisse wurden Anfang Dezember 2025 in einer Fachzeitschrift veröffentlicht und kürzlich von Wissenschaftsjournalisten aufgegriffen.


Ein Pilz als Auslöser – und ein drastischer Hygienemechanismus


Ameisenkolonien verfügen über eine ausgeprägte „soziale Immunabwehr“. Bei Lasius neglectus ist bekannt, dass Arbeiterinnen infizierten Nachwuchs erkennen und konsequent beseitigen. Sie öffnen dabei die schützenden Kokons, verletzen die Puppen und setzen unter anderem Ameisensäure ein. Dieses Verfahren tötet nicht nur die befallene Puppe, sondern auch die Pilzsporen, bevor sie sich im Nest ausbreiten können. Neu ist nun die Erkenntnis, dass die entscheidenden Krankheitssignale nicht bloß ein passives Nebenprodukt der Infektion sind.


Das Entscheidende: Das Signal erscheint nur, wenn Helfer da sind


Das Forschungsteam untersuchte infizierte Puppen sowohl in Anwesenheit als auch in Abwesenheit erwachsener Arbeiterinnen. Dabei zeigte sich ein auffälliges Muster: Bestimmte chemische Substanzen auf der Körperoberfläche der Puppen wurden vor allem dann verstärkt produziert, wenn zwei Bedingungen erfüllt waren – die Puppe war infiziert, und es befanden sich Arbeiterinnen in ihrer Nähe. Waren die Puppen isoliert, blieb dieses Signal weitgehend aus. Das deutet darauf hin, dass die Puppen ihre soziale Umgebung wahrnehmen und das Signal gezielt dann aussenden, wenn es überhaupt wahrgenommen werden kann.


Nicht jede Infektion führt zum Opfer


Weitere Analysen zeigten, dass infizierte Puppen durchaus ihr eigenes Immunsystem aktivieren. Entscheidend ist offenbar nicht allein das Vorhandensein einer Infektion, sondern deren Verlauf. Besonders deutlich wurde das im Vergleich verschiedener Kasten: Königinnen-Puppen aktivierten ebenfalls Immunreaktionen, sendeten aber kein „Tötet-mich“-Signal aus. Sie konnten den Pilz deutlich besser kontrollieren. Bei Arbeiterinnen-Puppen hingegen breitete sich der Erreger stärker aus – erst dann wurde das chemische Signal ausgelöst, das ihre Beseitigung durch Nestgenossinnen nach sich zieht.


Selbstopfer als evolutionäre Strategie


Was aus menschlicher Sicht grausam wirkt, ergibt aus evolutionärer Perspektive Sinn. Arbeiterinnen sind unfruchtbar und geben ihre Gene nur indirekt weiter, indem sie das Überleben der Königin und des gesamten Nests sichern. In diesem Kontext kann das eigene Opfer die genetischen Interessen der Kolonie schützen. Forschende sprechen deshalb oft von einem „Superorganismus“: So wie geschädigte Zellen im Körper gezielt absterben können, um größeren Schaden zu verhindern, wird im Ameisenstaat das einzelne Individuum zugunsten des Ganzen aufgegeben.


Offene Fragen und größere Bedeutung


Unklar bleibt, wie fein dieses System abgestimmt ist. Senden Puppen das Signal erst dann aus, wenn ihre Überlebenschancen praktisch null sind, oder könnte es auch zu früh ausgelöst werden? Diese Balance ist entscheidend, denn unnötige Opfer wären für die Kolonie kostspielig, während ein zu spätes Eingreifen eine Epidemie im Nest riskieren würde. Die Studie liefert damit nicht nur einen eindrucksvollen Einblick in das Sozialverhalten von Ameisen, sondern auch ein Modell dafür, wie Gruppen zwischen individueller Abwehr und kollektivem Schutz abwägen.

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