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Wissenschaftliche Meldungen

Monogamie ist nicht automatisch überlegen: Große Übersichtsarbeit stellt verbreiteten Beziehungsmythos infrage

6.1.26, 16:17

Psychologie, Soziologie

Titelbild im quadratischen Format: Links ein eng umarmtes monogames Paar vor kühlem Hintergrund mit zwei Eheringen, rechts ein glückliches, vertrautes Trio in warmer Farbgebung mit Herzsymbolen. In der Mitte großer, kontrastreicher Text: „MONOGAMIE NICHT BESSER?“ Darunter kleiner: „Neue Studie stellt alte Gewissheit infrage!“. Das Bild visualisiert den Vergleich zwischen monogamen und konsensuell nicht-monogamen Beziehungen und lädt zum Hinterfragen gängiger Annahmen ein.

Worum es geht


Über Jahrzehnte galt in der psychologischen und sozialwissenschaftlichen Forschung wie auch im öffentlichen Diskurs eine Annahme als nahezu selbstverständlich: Monogame Beziehungen seien stabiler, gesünder und förderlicher für das individuelle Wohlbefinden als alternative Beziehungsformen. Eine neue, umfangreiche Übersichtsarbeit stellt diese Vorstellung nun grundlegend infrage. Die Autorinnen und Autoren kommen zu dem Schluss, dass es für eine generelle Überlegenheit der Monogamie gegenüber konsensuell nicht-monogamen Beziehungen keine belastbare empirische Grundlage gibt.


Was die Review-Arbeit untersucht hat


Die Analyse wertete eine große Zahl internationaler Studien aus der Beziehungs-, Sozial- und Persönlichkeitspsychologie aus. Berücksichtigt wurden unter anderem Untersuchungen zu Beziehungszufriedenheit, psychischer Gesundheit, Bindungssicherheit, Eifersucht, Kommunikationsqualität und sozialer Stigmatisierung. Im Fokus standen Vergleiche zwischen monogamen Paaren und Menschen in konsensuell nicht-monogamen Beziehungsformen, etwa offenen Beziehungen oder polyamoren Arrangements.


Wichtig ist dabei die Abgrenzung: Untersucht wurden ausschließlich Beziehungen, in denen alle Beteiligten über zusätzliche Partner informiert sind und diesen zustimmen. Untreue oder heimliche Affären waren ausdrücklich nicht Gegenstand der Analyse.


Zentrale Ergebnisse


Über die betrachteten Studien hinweg zeigt sich ein überraschend klares Bild: In zentralen Wohlbefindens- und Stabilitätsmaßen schneiden konsensuell nicht-monogame Beziehungen im Durchschnitt nicht schlechter ab als monogame. In einigen Bereichen, etwa bei der Offenheit der Kommunikation oder der bewussten Aushandlung von Bedürfnissen und Grenzen, berichten Teilnehmende sogar von Vorteilen.


Gleichzeitig finden sich keine konsistenten Hinweise darauf, dass Monogamie per se mit höherer psychischer Gesundheit, größerer Beziehungszufriedenheit oder geringerer Konflikthäufigkeit verbunden wäre. Unterschiede, die in einzelnen Studien beobachtet werden, lassen sich häufig durch Drittvariablen erklären, etwa Alter, Bildung, kulturellen Hintergrund oder den Grad sozialer Akzeptanz.


Die Rolle gesellschaftlicher Normen


Ein zentrales Argument der Review betrifft den Einfluss sozialer Normen und Stigmatisierung. Nicht-monogame Beziehungen bewegen sich in vielen Gesellschaften außerhalb der anerkannten Norm. Diese soziale Ablehnung kann Stress, Geheimhaltungsdruck und rechtliche Nachteile erzeugen, die sich negativ auf das Wohlbefinden auswirken – unabhängig von der eigentlichen Beziehungsform.


Die Autorinnen und Autoren betonen, dass solche Effekte oft fälschlich der Beziehungsstruktur selbst zugeschrieben werden. Tatsächlich könnten sie vielmehr Ausdruck gesellschaftlicher Rahmenbedingungen sein, die bestimmte Lebensweisen begünstigen und andere benachteiligen.


Methodische Schwächen der bisherigen Forschung


Die Review-Arbeit übt auch deutliche Kritik an der Forschungstradition. Viele ältere Studien gingen implizit von Monogamie als „Normalfall“ aus und betrachteten Abweichungen davon als Risikofaktor. Stichproben waren häufig klein, kulturell wenig divers oder beruhten auf Selbstselektion. Zudem wurden monogame Beziehungen selten ebenso kritisch hinterfragt wie nicht-monogame.


Ein weiterer Punkt ist die begriffliche Unschärfe: Unterschiedliche Formen nicht-monogamer Beziehungen werden in Studien oft zusammengefasst, obwohl sie sich stark in ihren Regeln, Erwartungen und emotionalen Dynamiken unterscheiden können.


Einordnung und Bedeutung


Die Ergebnisse bedeuten nicht, dass Monogamie grundsätzlich problematisch oder überholt ist. Vielmehr legen sie nahe, dass keine Beziehungsform universell „besser“ ist als eine andere. Entscheidend für Zufriedenheit und Stabilität scheinen Faktoren wie Kommunikation, Freiwilligkeit, Passung der Erwartungen und soziale Unterstützung zu sein – unabhängig davon, ob eine Beziehung exklusiv oder offen gestaltet ist.


Für die Sozialwissenschaften hat die Arbeit eine wichtige Signalwirkung. Sie fordert dazu auf, normative Vorannahmen zu hinterfragen und Beziehungsvielfalt differenzierter zu erforschen. Zugleich liefert sie Argumente für eine sachlichere gesellschaftliche Debatte, die individuelle Lebensentwürfe weniger moralisch bewertet und stärker empirisch einordnet.

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