Wissenschaftliche Meldungen
Zukunft ohne Spritzen? Neues Polymer-Gel transportiert Insulin durch die Haut
11.2.26, 15:13
Medizin

Eine innovative Methode in Tierversuchen zeigt, wie Insulin ohne Nadel ins Blut gelangen könnte – doch es bleibt ein langer Weg zum Menschen
Forscher haben ein neuartiges polymerbasiertes Gel entwickelt, das Insulin durch intakte Haut in den Blutkreislauf bringt – ohne Spritzen oder Mikronadeln. In Tierexperimenten mit Mäusen und Minischweinen normalisierte das Gel den Blutzuckerspiegel innerhalb von ein bis zwei Stunden und hielt den Effekt rund zwölf Stunden aufrecht, ähnlich den „basalen“ Insulin-Gaben, die Menschen mit Diabetes typischerweise zur Stabilisierung zwischen den Mahlzeiten erhalten. Die Forschung, veröffentlicht im Fachjournal Nature, könnte langfristig zu einem nadelfreien Behandlungsweg für Diabetes führen, ist aktuell aber noch weit von einer klinischen Anwendung entfernt.
Warum ist das eine Herausforderung?
Die menschliche Haut ist eine hoch effektive Barriere gegen Fremdstoffe: Die oberste Schicht, die sogenannte Hornschicht, besteht aus abgestorbenen Zellen und Fetten und lässt normalerweise nur sehr kleine Moleküle durch. Große Eiweißmoleküle wie Insulin (ca. 5800 Dalton) können diese Barriere kaum überwinden – genau aus diesem Grund verwendet man seit Jahrzehnten Injektionen zur Insulinverabreichung.
Wie funktioniert das Gel? Eine chemische Trickkiste
Das Team nutzte einen speziellen pH-reaktiven Polymerstoff (OP), der seine elektrische Ladung verändert, wenn er von der sauren Hautoberfläche zu tieferen, neutraleren Hautschichten gelangt. An der Oberfläche wird der Polymer positiv geladen und bindet an Hautlipide, was ihm hilft, im Gewebe „zu haften“. In tieferen Hautlagen verliert er seine Ladung und kann dann durch die Lipidmatrix der Haut diffundieren. Insulin ist an diesen Polymerträger gekoppelt und wird so quasi durch die Haut „mitgenommen“. Tierversuche bestätigten, dass das OP-Insulin-Molekül tatsächlich in den Blutkreislauf gelangt, während Insulin allein an der Oberfläche hängen bleibt.
In diabetischen Mäusen senkte das Gel den Blutzucker schnell auf normale Werte; in Minischweinen – deren Haut im Aufbau der menschlichen sehr ähnlich ist – wurde bei niedrigeren Dosen ein ähnlicher Effekt beobachtet. In beiden Modellen blieb die Haut nach wiederholter Anwendung unversehrt, und es gab keine offensichtlichen Reizungen.
Warum das noch nicht bedeutet, dass es bald ohne Spritze geht
Trotz der vielversprechenden Ergebnisse gibt es mehrere wichtige Einschränkungen:
1. Bisher nur Tierversuche
Die Methodik wurde lediglich an Mäusen und Minischweinen getestet. Menschliche Haut unterscheidet sich in Dicke, Fettgehalt, pH-Werten und anderen Eigenschaften deutlich von Tierhaut, was die Übertragbarkeit ungewiss lässt.
2. Hohe benötigte Insulindosen
Um bei Mäusen den Blutzucker zu senken, waren sehr hohe Dosen nötig – ein Vielfaches dessen, was ein Mensch typischerweise benötigt. Das deutet darauf hin, dass die Effizienz der Aufnahme derzeit sehr niedrig ist und noch optimiert werden müsste.
3. Steuerung und Sicherheit
Die Verabreichung von Insulin über die Haut würde eine präzise Dosierung erfordern, denn sowohl Unter- als auch Überdosierung können gesundheitliche Risiken wie Hypoglykämien hervorrufen. Zudem sind Langzeit-Sicherheitsdaten beim Menschen – etwa zur möglichen Hautschädigung, Immunreaktionen oder anderen Nebenwirkungen – völlig unklar.
4. Klinische Prüfungen und Zulassung fehlen
Selbst wenn sich der Ansatz als sicher und wirksam beim Menschen gezeigt hätte, müssten umfangreiche klinische Studien, Herstellungsprozesse und Zulassungsverfahren durchlaufen werden, bevor ein derartiges Gel in die klinische Praxis kommen könnte.
Was bedeutet das für Menschen mit Diabetes heute?
Aktuell ändert diese Forschung nichts an der standardmäßigen Therapie mit Insulinpens, Pumpen oder Injektionen, die gut etabliert und reguliert sind. Nadelfreie Ansätze wie Insulin-Creme oder -Pflaster werden seit Jahren erforscht, aber bisher ist noch keine davon in der Routine-Behandlung angekommen.
Dennoch markiert diese neue Arbeit einen bedeutenden wissenschaftlichen Schritt, indem sie zeigt, dass der Hautdurchtritt großer Biomoleküle wie Insulin prinzipiell möglich ist – etwas, das lange als praktisch unmöglich galt. Sollte sich der Ansatz weiterentwickeln, könnte er in Zukunft Patientinnen und Patienten helfen, die Angst oder Unbehagen vor Nadeln haben.
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