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Kybernetik und Gesellschaft: Die geheime Architektur von Kontrolle, KI & Alltag

Das Titelbild zeigt den seitlichen Umriss eines menschlichen Kopfes vor dunklem Hintergrund. Im Inneren des Kopfes leuchtet ein orange-goldenes Netzwerk, das an ein aktives Gehirn erinnert, während blaue Linien und Schaltkreise den Körper mit einer abstrakten technischen Umgebung und einer Stadt-Silhouette verbinden. Links unten ist ein stilisiertes Steuerrad zu sehen, darüber kreisförmige Zielscheiben – als Symbole für Kontrolle, Navigation und kybernetische Regelkreise.


  1. Stell dir vor, jemand hätte ein Handbuch geschrieben, das gleichermaßen erklärt, wie dein Thermostat funktioniert, warum sich Social-Media-Debatten aufschaukeln, wie dein Immunsystem arbeitet – und wie moderne KI trainiert wird.


    Genau das versucht die Kybernetik: Sie ist die Wissenschaft der Steuerung, Kommunikation und Selbstorganisation in komplexen Systemen – egal ob Maschine, Mensch oder Gesellschaft.


    Wenn dich solche tiefen, aber verständlichen Tauchgänge in die verborgene Logik unserer Welt faszinieren, dann abonnier gern meinen monatlichen Newsletter – dort gibt es weitere lange Reads zu Wissenschaft, KI und Gesellschaft, kompakt in dein Postfach geliefert.


    Kybernetik (vom griechischen kybernētēs, Steuermann) ist keine klassische Einzel-Disziplin. Sie ist eine Meta-Wissenschaft, die Biologie, Ingenieurwesen, Psychologie, Soziologie, Philosophie und Informatik miteinander verschaltet. Statt nach Stoffen oder Kräften fragt sie nach Information, Rückkopplung und Mustern.


    Und genau darum ist Kybernetik und Gesellschaft heute wieder ein explosives Thema: Wer die Logik von Feedback-Schleifen, Kontrolle und Selbstorganisation versteht, erkennt plötzlich die unsichtbare Architektur hinter Klima-Krise, TikTok-Algorithmus, Unternehmensführung oder Therapieformen.


    Wie Krieg, Radar und Nervenzellen eine neue Denkweise gebaren


    Paradoxerweise beginnt die Geschichte dieser „Meta-Wissenschaft der Steuerung“ nicht in friedlichen Uniseminaren, sondern mitten im Zweiten Weltkrieg.


    Flakgeschütze mussten berechnen, wo sich ein Flugzeug befinden wird, nicht wo es gerade ist. Diese Vorhersage war alles andere als trivial – es brauchte Maschinen, die Ziele verfolgen, Fehler messen und sich ständig nachregeln konnten. Statt nur auf Eingaben zu reagieren, sollten sie zielgerichtet handeln.


    Norbert Wiener, Mathematiker am MIT, arbeitete mit Ingenieuren und Physiologen daran, solche Systeme zu entwickeln. Zusammen mit Arturo Rosenblueth und Julian Bigelow formulierte er 1943 etwas Revolutionäres: Zielgerichtetes Verhalten (Purpose) lässt sich ganz ohne mystische Absichten erklären – durch negative Rückkopplung. Ein System vergleicht permanent „Soll“ und „Ist“ und korrigiert Abweichungen.


    Parallel dazu machten Warren McCulloch und Walter Pitts etwas genauso Radikales im Gehirn: Sie modellierten Neuronen als logische Schaltelemente. Vereinfacht gesagt: Wenn genug Eingangssignale „Feuer!“ schreien, feuert das Neuron – ansonsten nicht. Aus vielen solchen Schaltern kann man komplexe Denkprozesse aufbauen. Das war die Geburtsstunde der Idee künstlicher neuronaler Netze – also genau jener Technologie, die heute hinter Chatbots, Bildgeneratoren oder medizinischen KI-Systemen steckt.


    Die Macy-Konferenzen: Wissenschaft im Mixer


    Zwischen 1946 und 1953 traf sich in New York eine bunte Truppe, die man sich heute kaum noch vorstellen kann: Mathematiker wie John von Neumann, Wiener selbst, Anthropologinnen wie Margaret Mead, Neurophysiologen, Psychiater, Ingenieure.


    Diese Macy-Konferenzen waren so etwas wie das Start-up-Lab der Kybernetik. Man suchte nach einer gemeinsamen Sprache über Fachgrenzen hinweg. Begriffe wie „Feedback“, „Information“, „Entropie“ oder „Homöostase“ wanderten aus der Nachrichtentechnik in die Biologie, aus der Biologie in die Psychologie, aus der Psychologie in die Soziologie.


Was die Macy-Konferenzen besonders machte


  • Keine fertige Theorie, sondern Streit, Experimente und Brainstorming

  • Physiker diskutieren mit Anthropologinnen über Schizophrenie und Computermodelle

  • Ziel: Eine einheitliche Theorie der Organisation lebender und technischer Systeme


Auch wenn persönliche Konflikte und Institutionenpolitik die Konferenzreihe nach einigen Jahren beendeten: Die Idee, dass lebende Organismen, Maschinen und Organisationen strukturell ähnliche Regelkreise besitzen, war nicht mehr aus der Welt zu schaffen.


Information als Ordnung oder Chaos? Wiener vs. Shannon


Einer der spannendsten nerdigen Streitpunkte der frühen Kybernetik dreht sich um ein Wort, das wir heute ständig benutzen: Information.


Claude Shannon, Ingenieur bei Bell Labs, entwickelte eine mathematische Theorie, mit der man ausrechnen kann, wie viel Information eine Nachricht enthält und wie man möglichst effizient durch verrauschte Kanäle kommuniziert. Für ihn war Entropie ein Maß für Unsicherheit: Je zufälliger ein Signal, desto mehr Information enthält es.


Norbert Wiener nutzte fast die gleiche Mathematik – aber mit einer völlig anderen philosophischen Brille. Für ihn war Entropie vor allem Unordnung, der Trend zum Zerfall nach dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik. Information war das Gegenteil: Ordnung, Struktur, Mustererhalt.

Man könnte sagen:


  • Für Shannon ist Information: „Wow, das hätte ich nicht erwartet!“

  • Für Wiener ist Information: „Wow, so bleibt das System trotz Chaos stabil!“


Diese Perspektive ist entscheidend, wenn wir über Kybernetik und Gesellschaft nachdenken. Denn dann ist jedes Muster, das gegen den Zerfall ankämpft – eine funktionierende Demokratie, ein Immunsystem, ein Unternehmen – eine Art Insel der Ordnung in einem Meer zunehmender Entropie.


Feedback, Varietät und Black Boxes – die Grundprinzipien


Kybernetik erster Ordnung beschäftigt sich mit Systemen, die von außen beobachtet werden: Wir schauen auf einen Thermostat, eine Fabrik, ein Ökosystem und fragen: Wie gelingt es ihnen, stabil zu bleiben oder sich auf ein Ziel hin zu steuern?


Negative und positive Rückkopplung


Negative Rückkopplung ist der Klassiker:


  • Ist-Wert weicht vom Soll ab.

  • System misst die Abweichung (Fehler).

  • System reagiert so, dass der Fehler kleiner wird.


Thermostat, Blutzuckerspiegel, Autopilot – alles Beispiele für diese Art Regelkreis. Ohne negative Rückkopplung keine Homöostase, keine Stabilität.


Positive Rückkopplung dagegen verstärkt Abweichungen:


  • Wehen verstärken Hormonausschüttung, Hormone verstärken Wehen, bis das Kind da ist.

  • Blutgerinnung: Ein paar aktivierte Plättchen rekrutieren immer mehr – bis die Wunde geschlossen ist.

  • Social Media: Ein empörter Post erzeugt Reaktionen, die die Empörung verstärken – die nächste Empörung folgt.


Positive Feedbacks sind gefährlich, aber auch kreativ: Sie treiben Wandel, Wachstum, Umbrüche. Ohne sie gäbe es weder Revolutionen noch Organentwicklung im Embryo.


Merksatz:


Negative Rückkopplung hält Systeme stabil.Positive Rückkopplung bringt sie in Bewegung – manchmal bis zum Kollaps.


Ashbys Gesetz der erforderlichen Varietät


W. Ross Ashby formulierte ein Gesetz, das man eigentlich jeder Führungskraft, jedem Politiker und jeder KI-Entwicklerin einbläuen müsste:


Nur Varietät kann Varietät absorbieren.

Varietät ist die Anzahl der Zustände, die ein System annehmen kann. Je vielfältiger und unberechenbarer deine Umwelt, desto vielfältiger müssen deine eigenen Reaktionsmöglichkeiten sein.


Für Organisationen bedeutet das:


  • Entweder du dämpfst Umweltvarietät (z.B. durch Standardisierung, Fokus auf bestimmte Märkte, klare Prioritäten).

  • Oder du verstärkst deine interne Varietät (dezentrale Teams, Empowerment, Agilität, Diversität).


Wer versucht, eine hochkomplexe Umwelt mit starren Hierarchien, starren Prozessen und Einheitslösungen zu kontrollieren, scheitert. Das ist keine Meinung, das ist kybernetische Mathematik.


Black Boxes und das Rätsel der KI


Viele Systeme sind so komplex, dass wir ihre innere Struktur gar nicht kennen oder verstehen können. Trotzdem können wir ihr Verhalten modellieren, indem wir sie als Black Box behandeln: Wir variieren Inputs, beobachten Outputs und leiten daraus eine Übertragungsfunktion ab.


Genau so gehen wir heute oft mit neuronalen Netzen um:


  • Wir füttern sie mit Trainingsdaten (Input).

  • Wir messen die Ergebnisse (Output).

  • Wir passen Parameter an, bis der Fehler minimal ist.


Wie genau im Inneren ein bestimmtes Feature erkannt wird, bleibt oft unklar. „Explainable AI“ ist letztlich ein neues Kapitel alter kybernetischer Black-Box-Methoden.


Wenn du bis hierher gelesen hast, sag mir gern in den Kommentaren, welche Beispiele für Rückkopplung dir im Alltag auffallen – und lass dem Beitrag ein Like da, damit mehr Menschen diesen Blick hinter die Kulissen der Kontrolle entdecken.


Wenn der Beobachter Teil des Systems wird: Kybernetik zweiter Ordnung


In den 1970ern drehte die Kybernetik eine radikale Schleife: Statt nur Systeme zu betrachten, die wir beobachten, rückte der Beobachter selbst ins Zentrum.

Heinz von Foerster argumentierte: Objektivität ist eine nützliche Fiktion – aber eben eine Fiktion. Unsere Sinne liefern keine 1:1-Kopie der Welt. Nervenzellen schießen einfach elektrische Impulse ab; dass wir das als „Rot“, „warm“ oder „laut“ erleben, ist eine Konstruktion unseres Nervensystems.


Infobox: Triviale vs. nicht-triviale Maschinen


  • Triviale Maschine: Gleicher Input → immer gleicher Output. Vorhersagbar, reparierbar, langweilig.

  • Nicht-triviale Maschine: Output hängt auch vom inneren Zustand ab; dieser verändert sich mit der Geschichte. Menschen, Organisationen, Gesellschaften sind solche Maschinen.


Von Foersters pointierte Warnung: Wenn wir Menschen in Schule, Verwaltung oder Unternehmen so behandeln, als wären sie triviale Maschinen, dann machen wir sie trivial. Kreativität, Verantwortung, Lernen – all das wird abgewürgt.


Darum formulierte er seinen berühmten ethischen Imperativ:

„Handle stets so, dass weitere Möglichkeiten entstehen.“

Ethisches Handeln heißt dann: Systeme so gestalten, dass ihre Varietät wächst, nicht schrumpft.


Autopoiesis: Leben als sich selbst erschaffender Prozess


Humberto Maturana und Francisco Varela brachten die Biologie in dieses neue kybernetische Denken ein. Sie prägten den Begriff Autopoiesis – Selbsterschaffung.


Eine Zelle ist ein Netzwerk von Prozessen, die genau jene Bestandteile herstellen, aus denen die Zelle besteht. Sie ist operativ geschlossen: Die Umwelt kann sie reizen, aber nicht direkt „steuern“. Die Zelle entscheidet gewissermaßen selbst, wie sie auf Störungen reagiert – abhängig von ihrer Struktur und Geschichte.


Übertragen auf Lernen heißt das: Niemand kann einem anderen Wissen „eintrichtern“. Lehrende können nur Umwelten gestalten, in denen Lernende ihre eigenen kognitiven Strukturen aufbauen. Auch das ist eine Lehre, die für Bildungspolitik und EdTech-Start-ups gleichermaßen relevant wäre.


Wenn du mehr solcher systemischen Perspektiven auf Lernen, Schule und KI möchtest, folge der Community gern auf



dort vertiefen wir diese Themen mit Grafiken, Kurzvideos und Diskussionen.


Die unsichtbare Architektur von Organisationen: Vom Viable System Model bis Cybersyn


Was passiert, wenn man kybernetische Prinzipien auf Unternehmen und Staaten anwendet? Genau das tat Stafford Beer, der Vater der Management-Kybernetik.


Er entwickelte das Viable System Model (VSM) – ein Modell, das sagt: Jedes lebensfähige System braucht fünf Funktionsbereiche, die sich auf allen Ebenen wiederholen, vom Team bis zum ganzen Staat:


  • System 1 – Operation: Die eigentliche Wertschöpfung (Teams, Werke, Filialen). Sie brauchen möglichst viel Autonomie, um lokal komplexe Umwelten handhaben zu können.

  • System 2 – Koordination: Sorgt dafür, dass System-1-Einheiten sich nicht gegenseitig in die Quere kommen. Zeitpläne, Standards, interne Absprachen.

  • System 3 – Steuerung: Tagesgeschäfts-Management und Ressourcenverteilung. Hier entscheidet sich, wo Budgets landen und welche Engpässe priorisiert werden.

  • System 4 – Intelligenz: Forschung, Strategie, Markt-Scanning, Zukunftsfragen.

  • System 5 – Identität & Policy: Werte, Mission, „Wir-Gefühl“ – und die Entscheidung, wie viel Risiko man eingehen will.


Warum das VSM heute noch relevant ist


  • Erklärt, warum permanent „umorganisierte“ Unternehmen oft trotzdem dysfunktional bleiben

  • Zeigt, wieso reine Effizienz-Optimierung (System 3) ohne Zukunftsradar (System 4) gefährlich ist

  • Hilft zu verstehen, warum Micro-Management System-1-Autonomie zerstört – und damit Ashbys Varietätsgesetz verletzt


Project Cybersyn: Sozialistische Sci-Fi im Real-Life


Beers radikalste Anwendung seiner Theorie fand Anfang der 1970er in Chile statt. Unter Präsident Salvador Allende entstand Project Cybersyn: ein Versuch, die nationalisierte Wirtschaft mithilfe kybernetischer Prinzipien in Echtzeit zu steuern.


Statt dicker Papierberge sollten Fabriken täglich Produktionsdaten per Telex nach Santiago schicken. Dort stand ein Großrechner, und noch wichtiger: ein futuristischer Operationsraum („Opsroom“) mit sechseckigen weißen Sesseln und großen Displays. Manager sollten Anomalien sofort erkennen und gemeinsam Entscheidungen treffen – ein analoges Big-Data-Dashboard Jahrzehnte vor Excel, Internet und Cloud.


Cybersyn war eine Art Internet der Dinge für Stahlwerke und Textilfabriken – mit kybernetischem Design statt Silicon-Valley-Start-up-Story. Nach dem Militärputsch 1973 wurde das Projekt brutal beendet. Doch viele Ideen leben heute in Logistik-Plattformen, digitalen Leitständen und Plattform-Ökonomien weiter – oft ohne dass ihre kybernetischen Wurzeln sichtbar sind.


Geist, Lernen und Therapie: Eine Ökologie des Unterschieds


Kybernetik blieb nicht bei Maschinen und Organisationen stehen. Sie veränderte auch unser Verständnis von Psyche, Kommunikation und Therapie.


Gregory Bateson und die Double Bind


Gregory Bateson, Anthropologe und Macy-Teilnehmer, definierte Information als „einen Unterschied, der einen Unterschied macht“. Für ihn war Denken eine Ökologie von Unterschieden, nicht bloß elektrische Aktivität im Kopf.


Berühmt wurde seine Double-Bind-Theorie: In sehr engen Beziehungen – etwa Mutter-Kind – können widersprüchliche Botschaften auf verschiedenen Ebenen eine kybernetische Falle bilden.


Beispiel:Die Mutter sagt „Ich hab dich lieb“, friert aber in der Körperhaltung ein, sobald das Kind sie umarmt. Reagiert das Kind auf die Worte, ignoriert es den Körper. Reagiert es auf die Körpersprache, widerspricht es den Worten. Ausweichen ist nicht möglich – das ist der Double Bind.


Bateson vermutete, dass solche chronischen Kommunikationsfallen beim Entstehen bestimmter Psychosen eine Rolle spielen. Auch wenn seine Theorie heute differenzierter gesehen wird, war sie der Startschuss für systemische Modelle von Familie und Psyche.


Gordon Pask: Lernen als Konversation


Gordon Pask trieb die Idee weiter, dass Wissen nicht übertragen, sondern im Dialog erzeugt wird. Seine Conversation Theory beschreibt Lernen als Prozess, in dem Beteiligte ihre Begriffe aufeinander abstimmen, Missverständnisse klären und gemeinsam Modelle aufbauen.


Pask baute sogar Lernmaschinen:


  • SAKI, einen selbstadaptiven Schreibmaschinen-Trainer, der Tempo und Aufgaben an Fehlerprofile anpasste – ein Vorläufer moderner personalisierter Lern-Apps.

  • Musicolour, ein System, das Musik in Lichtshows übersetzte – und absichtlich „gelangweilt“ reagierte, wenn der Musiker zu monoton spielte. Der Mensch musste kreativer werden, um die Maschine wieder zu „interessieren“.


Hier wird Kybernetik plötzlich spielerisch: Mensch und Maschine treten in eine Rückkopplungsschleife ein, die beide verändert.


Systemische Therapie: Wenn das Problem im Muster liegt


Aus diesen Ideen entwickelte sich die systemische Therapie. Statt zu fragen „Was stimmt mit dir nicht?“, fragt sie: „In welchen Kommunikations- und Verhaltensmustern steckst du fest?“


  • Probleme gelten als Ausdruck eines Systems (Familie, Team, Paar), nicht eines defekten Individuums.

  • Interventionen zielen darauf, Rückkopplungsschleifen zu irritieren – etwa durch zirkuläres Fragen („Was glaubst du, wie dein Bruder reagiert, wenn du …?“) oder Reflecting Teams, in denen Therapeut:innen laut über ihre Eindrücke sprechen, während die Klient:innen zuhören.


Damit ist Kybernetik mitten im Alltag angekommen: in Beratung, Coaching, Paartherapie, Organisationsentwicklung.


KI, Überwachungskapitalismus und die Idee einer Kybernetik dritter Ordnung


Heute scheint es, als würde „Künstliche Intelligenz“ alles andere überstrahlen. Aber die Geschichte der KI ist ohne Kybernetik kaum zu verstehen.


Dartmouth 1956: Die Scheidung


Auf der berühmten Dartmouth-Konferenz wurde „Artificial Intelligence“ als neues Forschungsfeld ausgerufen. Viele Beteiligte – etwa Marvin Minsky – wollten sich von der eher biologisch-systemischen Kybernetik abgrenzen. Sie setzten auf symbolische Logik: Wenn-Dann-Regeln, Wissensbasen, Beweisbäume.


Neuronale Netze, Selbstorganisation, Feedback galten lange als Sackgasse – es kam zu den berühmten „KI-Wintern“. Kybernetiker:innen blieben eine Art exotische Minderheit.


Die stille Rückkehr der Kybernetik in Form von Deep Learning


Mit dem Aufstieg der Rechenpower und großer Datenmengen ab den 2010ern kehrte die kybernetische Denkweise durch die Hintertür zurück:


  • Backpropagation ist nichts anderes als ein automatisierter negativer Feedback-Mechanismus: Fehler wird berechnet, rückwärts propagiert, Gewichte angepasst.

  • Komplexes Verhalten emergiert aus vielen einfachen Einheiten – wie in früheren kybernetischen Modellen.

  • Die resultierenden Systeme sind Black Boxes; wir können nur noch statistisch testen, ob sie funktionieren, nicht logisch beweisen, dass sie „recht haben“.


Kybernetik und Gesellschaft verschmelzen hier besonders eng: Entscheidungen über Kredite, Bewerbungen, Polizeiarbeit oder Content-Ranking werden von Systemen getroffen, deren innere Regelkreise selbst Expert:innen nur schwer durchschauen.


Überwachungskapitalismus: Wenn Kybernetik zur Verhaltensindustrie wird


Shoshana Zuboff beschreibt in ihrer Analyse des Surveillance Capitalism, wie Tech-Konzerne menschliches Verhalten vermessen, vorhersagen – und schließlich gezielt beeinflussen.


Konsequent kybernetisch gedacht heißt das:


  • Nutzerverhalten ist Input.

  • Algorithmen erzeugen Output in Form von personalisierten Feeds, Empfehlungen, Nudges.

  • Die Reaktionen der Nutzer fließen als Feedback wieder ein und verfeinern das Modell.


Das Ziel verschiebt sich von „Dienstleistung verbessern“ zu „Verhaltensüberschüsse“ generieren: Wir werden zur steuerbaren Ressource. Freiheit wird zum „Rauschen“, das die Vorhersage stört.


Kybernetik dritter Ordnung: Wir beobachten, dass wir beobachtet werden


In jüngsten Debatten taucht der Begriff Kybernetik dritter Ordnung auf. Die Idee: In einer global vernetzten Welt gibt es nicht nur Beobachter und beobachtete Systeme, sondern Netzwerke von Beobachtern, die wissen, dass sie beobachtet werden – inklusive Algorithmen.


Wenn ich mein Verhalten auf Social Media ändere, weil ich damit rechne, wie der Algorithmus reagiert, und der Algorithmus wiederum auf mein geändertes Verhalten reagiert, entsteht eine Schleife geteilter Subjektivität.


  • Filterblasen, Shitstorms, Meme-Kulturen – all das lässt sich als hochkomplexer, kybernetischer Tanz zwischen Menschen und Maschinen lesen.

  • Kollektive Intelligenz und kollektive Hysterie sind zwei Seiten derselben Rückkopplungsmedaille.


Was wir aus Kybernetik und Gesellschaft für die Zukunft lernen können


Was bleibt also von dieser „alten“ Wissenschaft in einer Welt von ChatGPT, Klimakrise und geopolitischen Schockwellen?


  1. Lineare Lösungen reichen nicht.

    Weder CO₂-Reduktion noch Demokratieschutz noch Plattform-Regulierung funktionieren mit einfachen Ursache-Wirkung-Ketten. Wir bewegen uns in Netzen von Rückkopplungen, Verzögerungen und nicht-trivialen Maschinen.

  2. Kontrolle ist immer begrenzt – Gestaltung aber möglich.

    Wir werden komplexe Systeme nie vollständig beherrschen. Aber wir können Rahmenbedingungen setzen, die stabile, lernfähige und ethisch vertretbare Dynamiken fördern. Ashbys Varietätsgesetz ist hier Kompass und Warnschild zugleich.

  3. Ethik bedeutet: Varietät ermöglichen statt vernichten.

    Von Foersters Imperativ, Möglichkeiten zu vermehren, ist im Zeitalter algorithmischer Steuerung hochaktuell. Systeme, die menschliche Varietät (Abweichung, Kreativität, Ambiguität) ausmerzen wollen, sind am Ende nicht nur unmenschlich, sondern auch fragil.

  4. Transdisziplinarität ist keine Kür, sondern Notwendigkeit.

    Die Macy-Konferenzen zeigen: Wirklich neue Einsichten entstehen, wenn Ingenieurinnen mit Therapeut:innen sprechen, Philosoph:innen mit Informatikern, Aktivistinnen mit Systemtheoretikern. Wer nur im eigenen Fachfeedback kreist, verpasst die eigentliche Komplexität.


Vielleicht ist das die wichtigste Lehre der Kybernetik: Wir sind immer Teil der Systeme, die wir zu verstehen versuchen. Jede Entscheidung, jedes Modell, jeder Algorithmus ist eine Intervention in diese Systeme – und verändert sie.


Wenn dich dieser Blick auf die unsichtbaren Steuerkreise von KI, Organisationen und Gesellschaft begeistert oder irritiert, lass gern ein Like da und teile deine Gedanken in den Kommentaren: Wo siehst du kybernetische Rückkopplungen in deinem Alltag am deutlichsten?


Quellen:


  1. Cybernetics - Wikipedia – https://en.wikipedia.org/wiki/Cybernetics

  2. Cybernetics | Kybernetik - Salon für Kunstbuch – https://www.sfkb.at/books/cybernetics-kybernetik/

  3. Geschichte der Kybernetik – https://kybernetik.online/PDF/Geschichte_der_Kybernetik1.pdf

  4. Turing, Cybernetics and the Forgotten Histories of AI – https://royalsignals.org/royal-signals-institution/editorial/turing-cybernetics-and-the-forgotten-histories-of-ai

  5. Entropy, Negentropy, and Information – https://theinformationalturn.net/philosophy_information/entropy-negentropy-and-information/

  6. Why Norbert Wiener resented Shannon – https://theoccasionalinformationist.com/2012/05/29/why-norbert-wiener-resented-shannon-and-would-have-hated-the-ref-exercise/

  7. Ashby's Law Of Requisite Variety – https://edgeofpossible.com/ashbys-law-variety-organisational-change/

  8. Ashby's Law of Requisite Variety – BusinessBalls – https://www.businessballs.com/strategy-innovation/ashbys-law-of-requisite-variety/

  9. Viable system model - Wikipedia – https://en.wikipedia.org/wiki/Viable_system_model

  10. Viable System Model: A theory for designing more responsive organisations – https://i2insights.org/2023/01/24/viable-system-model/

  11. Autopoiesis - Wikipedia – https://en.wikipedia.org/wiki/Autopoiesis

  12. Autopoietic System – New Materialism – https://newmaterialism.eu/almanac/a/autopoietic-system.html

  13. Auf welchen Schultern stehen wir? Heinz von Foerster und der Radikale Konstruktivismus – https://knowledgebase.metalog.de/de_ch/auf-welchen-schultern-stehen-wir-teil-ii-heinz-von-foerster-und-der-radikale-konstruktivismus-ein-baustein-des-systemischen-denkens-2/

  14. Gregory Bateson: The Pioneer of Cybernetics and the Double Bind – https://thesystemsview.com/systems-thinkers/gregory-bateson-the-pioneer-of-cybernetics-and-the-double-bind/

  15. 1972.-Gregory-Bateson-Steps-to-an-Ecology-of-Mind.pdf – https://ejcj.orfaleacenter.ucsb.edu/wp-content/uploads/2017/06/1972.-Gregory-Bateson-Steps-to-an-Ecology-of-Mind.pdf

  16. Gordon Pask's Conversation Theory: A Domain Independent Constructivist Model of Human Knowing – https://www.researchgate.net/publication/226003544_Gordon_Pask's_Conversation_Theory_A_Domain_Independent_Constructivist_Model_of_Human_Knowing

  17. Systemische Therapie – https://www.therapie-huette.de/therapieverfahren/systemische-therapie/

  18. Surveillance Capitalism: Origins, History, Consequences – https://www.mdpi.com/2409-9252/5/1/2

  19. Third-Order Cybernetics? – https://www.reddit.com/r/cybernetics/comments/1o9mea6/thirdorder_cybernetics/

  20. Introduction to Sociocybernetics (Part 1): Third order cybernetics – https://www.researchgate.net/publication/333988901_Introduction_to_Sociocybernetics_Part_1_Third_order_cybernetics_and_a_basic_framework_for_society

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