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Genetisches Screening für alle? Australische Pilotstudie findet viele Hochrisiko-Fälle – bevor Symptome auftreten
16.1.26, 08:22
Medizin

Ein alter Traum der Präventionsmedizin wird plötzlich sehr konkret
Viele der Krankheiten, an denen Menschen in wohlhabenden Ländern am häufigsten sterben, sind tückisch, weil sie lange unbemerkt bleiben. Krebs oder schwere Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen oft erst dann Symptome, wenn die Krankheit bereits weit fortgeschritten ist. Genau hier setzt die Idee eines bevölkerungsweiten genetischen Screenings an: Wer eine erbliche Hochrisiko-Variante trägt, könnte frühzeitig überwacht, gezielt beraten oder vorbeugend behandelt werden – und damit im besten Fall schwere Krankheitsverläufe vermeiden.
Eine groß angelegte australische Pilotstudie liefert nun eines der bislang klarsten Signale dafür, dass ein solcher Ansatz nicht nur theoretisch sinnvoll ist, sondern praktisch funktionieren kann. Untersucht wurden gezielt junge Erwachsene im Alter zwischen 18 und 40 Jahren – also Menschen, bei denen Prävention noch realistische Chancen hat, bevor typische Folgeerkrankungen auftreten.
Was genau wurde getestet – und warum gerade diese Gene?
Das Screening zielte bewusst nicht auf das gesamte Genom, sondern auf eine kleine Auswahl medizinisch besonders relevanter Gene. Analysiert wurden zehn Gene, die mit drei zentralen Gruppen erblicher Risiken verbunden sind: erblicher Brust- und Eierstockkrebs, das Lynch-Syndrom als häufige Ursache für vererbbaren Darmkrebs sowie familiäre Hypercholesterinämie, eine genetisch bedingte, oft schon früh stark erhöhte Cholesterinbelastung.
Diese Auswahl folgt einem zentralen Prinzip moderner Präventionsgenetik: Ein Screening ist dann sinnvoll, wenn ein positiver Befund konkrete medizinische Konsequenzen hat – etwa engmaschigere Vorsorgeuntersuchungen, präventive Eingriffe oder eine frühzeitige medikamentöse Behandlung.
Die Zahlen: relevante Treffer – und erstaunlich gute Anschlussversorgung
Insgesamt registrierten sich rund 30.000 Personen für das Projekt. Etwas mehr als 10.000 von ihnen schlossen das genetische Screening tatsächlich ab. Bei 202 Teilnehmenden fanden die Forschenden krankheitsverursachende oder sehr wahrscheinlich krankheitsrelevante genetische Varianten. Das entspricht etwa zwei Prozent der untersuchten Personen – also ungefähr jeder fünfzigsten getesteten Person.
Besonders bemerkenswert ist, was nach dem genetischen Befund geschah. Fast alle Betroffenen nahmen das Angebot zur klinischen Weiterbetreuung an, und der überwiegende Teil erschien auch tatsächlich zu ärztlichen Terminen. Solche hohen Quoten sind keineswegs selbstverständlich, denn viele Screening-Programme scheitern in der Praxis an der fehlenden oder schlecht organisierten Nachsorge.
Der zentrale Befund: Die meisten wären sonst unentdeckt geblieben
Der vielleicht wichtigste Punkt für die gesundheitspolitische Debatte: Rund drei Viertel der Personen mit einem relevanten genetischen Befund wären nach den bisherigen Kriterien gar nicht für einen Gentest infrage gekommen. Ohne das populationsweite Screening hätten sie ihre genetische Veranlagung vermutlich erst entdeckt, wenn bereits Symptome aufgetreten wären oder wenn die Krankheit in der Familie mehrfach sichtbar geworden wäre.
Damit wird ein grundlegendes Problem klassischer Risikobewertung deutlich. Familienanamnese ist hilfreich, aber unzuverlässig. Kleine Familien, fehlende medizinische Informationen, Adoptionen oder frühe Todesfälle aus anderen Gründen können dazu führen, dass ein echtes genetisches Risiko verborgen bleibt.
Funktioniert – aber lohnt es sich auch?
So überzeugend die Machbarkeit erscheint, bleibt die entscheidende Frage offen: Soll ein solches Screening flächendeckend eingeführt werden? Die Autorinnen und Autoren der Studie mahnen zur Vorsicht. Australien verfügt über ein spezifisches Gesundheitssystem mit klaren Versorgungswegen. Ob sich die Ergebnisse auf andere Länder übertragen lassen, ist unklar.
Hinzu kommt die Kostenfrage. Genetische Tests werden günstiger, doch ein Screeningprogramm umfasst weit mehr als die Laboranalyse: genetische Beratung, ärztliche Nachsorge, zusätzliche Untersuchungen und gegebenenfalls lebenslange Präventionsmaßnahmen. Ob die vermiedenen Krankheitskosten diese Ausgaben langfristig aufwiegen, muss erst noch systematisch untersucht werden.
Genetisches Risiko ist keine Diagnose
Ein weiterer wichtiger Punkt: Ein positiver genetischer Befund bedeutet kein sicheres Krankheitsurteil. Er beschreibt ein erhöhtes Risiko – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Wie stark sich dieses Risiko im individuellen Fall auswirkt, hängt von vielen Faktoren ab, darunter Lebensstil, Umwelt, Geschlecht und weitere genetische Einflüsse.
Gerade deshalb braucht ein breites Screeningprogramm klare Leitlinien, hochwertige Beratung und einen verantwortungsvollen Umgang mit Unsicherheit. Ohne diese Begleitstrukturen besteht die Gefahr von Überdiagnostik oder unnötiger Verunsicherung.
Ein realistischer Zwischenschritt, kein endgültiger Beweis
Die australische Pilotstudie zeigt vor allem eines: Bevölkerungsweites genetisches Screening ist technisch machbar, wird angenommen und identifiziert eine relevante Zahl bislang unerkannter Hochrisikopersonen. Was sie noch nicht beweisen kann, sind die langfristigen Effekte auf Krankheitsraten, Lebenserwartung und Kosten im Gesundheitssystem.
Ob aus diesem Ansatz eine neue Säule der Präventionsmedizin wird, entscheidet sich erst in den kommenden Jahren. Die vorliegenden Daten liefern dafür jedoch ein solides Fundament – und verschieben die Debatte spürbar vom „Ob“ hin zum „Wie“.
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