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Wenn Darmbakterien Alkohol machen: Neue Hinweise auf Ursache und Therapie von ABS
15.1.26, 16:40
Biologie, Medizin

Betrunken ohne Alkohol: Wenn der Darm zur Brauerei wird
Wer schwankt, lallt oder sich „wie nach ein paar Drinks“ fühlt, ohne einen Tropfen Alkohol getrunken zu haben, landet schnell in einer Mischung aus Misstrauen, Stigma und medizinischer Ratlosigkeit. Genau das ist für Betroffene des Auto-Brewery-Syndroms (ABS) Alltag: Ihr Körper produziert aus dem, was sie essen, selbst Ethanol – also Alkohol. Eine neue Studie beschreibt nun deutlich genauer, welche Mikroben im Darm dabei eine Schlüsselrolle spielen und welche Stoffwechselwege dahinterstecken.
Was beim Auto-Brewery-Syndrom im Körper passiert
Grundsätzlich ist die Idee nicht komplett abwegig: Im Verdauungstrakt entstehen bei der Verarbeitung von Nahrung bei allen Menschen winzige Mengen Alkohol. Normalerweise bleibt das so gering, dass es weder messbar auffällt noch Symptome macht. Beim Auto-Brewery-Syndrom kippt dieses Gleichgewicht. Bestimmte Mikroorganismen können Kohlenhydrate so vergären, dass Ethanol in Mengen entsteht, die tatsächlich in den Blutkreislauf gelangen – mit realen Intoxikationszeichen, ganz ohne Trinken.
Genau diese Umwandlung von Kohlenhydraten in Ethanol ist das zentrale biologische Prinzip hinter ABS. Die medizinische Herausforderung ist nur: Das Syndrom ist selten, vielen Ärztinnen und Ärzten kaum bekannt, schwer zu testen – und sozial extrem belastend. Betroffene berichten von langen Odysseen bis zur Diagnose, inklusive Konflikten im Umfeld und teils sogar rechtlichen Problemen, wenn ein Blutalkoholwert im Raum steht, der „eigentlich“ nicht erklärbar scheint.
Die Studie: Vergleich von Betroffenen, Partnern und Kontrollen
Ein Forschungsteam um Mass General Brigham, gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen der UC San Diego, hat eine Beobachtungsstudie durchgeführt und dafür 22 Menschen mit diagnostiziertem Auto-Brewery-Syndrom untersucht. Zum Vergleich kamen zwei Kontrollgruppen dazu: 21 nicht betroffene Haushaltsangehörige sowie 22 gesunde Kontrollpersonen. Der Clou: Haushaltsangehörige teilen oft Ernährung, Umgebung und Alltag – wenn sich trotzdem klare Unterschiede zeigen, wird es biologisch interessanter.
Im Labor testeten die Forschenden Stuhlproben der Teilnehmenden darauf, wie viel Ethanol sie unter standardisierten Bedingungen produzieren können. Proben von ABS-Patientinnen und -Patienten während akuter „Schübe“ erzeugten dabei deutlich mehr Ethanol als Proben der Vergleichsgruppen. Das ist wichtig, weil es das diffuse Symptom „fühlt sich betrunken“ an eine messbare biologische Aktivität koppelt. Zusätzlich deutet das Ergebnis darauf hin, dass ein stuhlbasiertes Diagnostikverfahren prinzipiell möglich sein könnte – also eine niedrigschwelligere Alternative zu aufwendigen, streng überwachten Blutalkohol-Provokationstests.
Welche Keime stechen hervor – und welche Stoffwechselwege sind beteiligt?
Spannend wird es bei der Frage nach den Verdächtigen: In den Analysen zeigten sich bei ABS-Patientinnen und -Patienten Häufungen bestimmter Bakteriengruppen. Besonders auffällig war eine Anreicherung von Proteobakterien, darunter Arten wie Escherichia coli und Klebsiella pneumoniae. Das sind keine exotischen „Alien-Keime“, sondern Organismen, die auch bei vielen Menschen vorkommen können – entscheidend ist offenbar, welche Stämme in welcher Konstellation dominieren und wie aktiv ihre Stoffwechselprogramme laufen.
Zusätzlich fanden die Forschenden vermehrt Gene und Enzymmuster, die zu bekannten Gärungs- und Ethanolbildungswegen passen, unter anderem zur „mixed-acid fermentation“ und zur heterolaktischen Fermentation sowie zur Ethanolamin-Nutzung. Das sind biochemische Abkürzungen dafür, dass Mikroben verschiedene Wege haben, aus Nährstoffen Energie zu ziehen – und Ethanol kann dabei ein Nebenprodukt sein. Die Studie liefert damit nicht nur „wer ist da“, sondern auch „was machen die da“.
Ein weiterer Befund betrifft Stoffwechselprodukte im Stuhl: In der metabolomischen Analyse war Acetat bei ABS erhöht, und diese Werte korrelierten mit gemessenen Blutalkoholkonzentrationen. Eine Korrelation ist noch kein Beweis für Ursache und Wirkung – aber sie passt in ein Gesamtbild, in dem ein spezifisches mikrobielles Stoffwechselmilieu mit klinischen Symptomen zusammenhängt.
Therapie-Hoffnung: Stuhltransplantation als Ausweg?
Bei ABS gibt es bisher keine standardisierte, verlässlich wirksame Therapie. Umso mehr Aufmerksamkeit bekommt ein Fall aus der Studie: Eine Patientin bzw. ein Patient erhielt eine fäkale Mikrobiota-Transplantation (FMT), also die Übertragung eines aufbereiteten Darmmikrobioms von einer gesunden Spenderperson. Laut Bericht besserten sich die Symptome langfristig; nach einer zweiten Transplantation – mit veränderter Antibiotika-Vorbehandlung – blieb die Person über mehr als 16 Monate symptomfrei.
Das klingt spektakulär, muss aber korrekt eingeordnet werden: Es handelt sich um einen einzelnen, eng verfolgten Fall innerhalb einer Beobachtungsstudie. Das ist kein endgültiger Wirksamkeitsnachweis, aber ein starkes biologisches Indiz, dass das Mikrobiom nicht nur „mitläuft“, sondern klinisch relevant sein kann. Genau deshalb planen die beteiligten Teams weitere Untersuchungen, unter anderem eine kleine Studie mit mehreren ABS-Betroffenen.
Einordnung: Was wir jetzt wirklich wissen – und was noch offen ist
Die Studie schiebt ABS ein gutes Stück aus der Ecke des „mysteriösen Kuriosums“ heraus. Sie zeigt, dass es messbare Unterschiede in Mikrobiom-Zusammensetzung und Stoffwechselaktivität gibt, die zu den Symptomen passen. Gleichzeitig bleiben typische Unsicherheiten: Beobachtungsdaten können Ursache und Wirkung nicht endgültig trennen. Außerdem ist ABS selten – und bei seltenen Erkrankungen ist die Bandbreite individueller Auslöser oft groß. Es ist gut möglich, dass nicht „das eine Bakterium“ ABS verursacht, sondern dass verschiedene mikrobielle Konstellationen denselben Effekt haben können: zu viel Ethanolproduktion aus alltäglicher Nahrung.
Trotzdem ist der praktische Wert klar: Wenn Diagnostik leichter wird und sich mikrobielle Muster als verlässlich herausstellen, könnte das Betroffenen Jahre der Suche ersparen. Und wenn sich FMT oder gezielte mikrobielle Therapien in größeren Studien bewähren, hätte man erstmals eine Behandlung, die direkt an der vermuteten Ursache ansetzt – nicht nur an den Folgen.
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