Wissenschaftliche Meldungen
EU-Forschung im Fokus: Debatte über 1,6 Millionen-Projekt zu muslimischen Frauen und Haar-Identität
16.1.26, 16:54
Soziologie, Politik, Bildung

EU-Forschungspolitik im Brennpunkt: Kritik an Studie über muslimische Frauen und Haar-Identität
In Brüssel sorgt derzeit eine Debatte über die Prioritäten europäischer Forschungsförderung für politische Aufmerksamkeit. Im Zentrum steht ein sozialwissenschaftliches Projekt mit einem Budget von rund 1,6 Millionen Euro, das die Bedeutung von Haar, Identität und Schönheitspraktiken unter muslimischen Frauen untersuchen soll. Die Auseinandersetzung zeigt exemplarisch, wie umstritten kultur- und sozialwissenschaftliche Forschung sein kann, wenn sie öffentlich finanziert wird und politisch sensiblen Themen gewidmet ist.
Was untersucht die umstrittene Studie?
Das Projekt mit dem Akronym HAIR wurde von Forschenden an einer belgischen Universität entwickelt und im Rahmen eines europäischen Förderprogramms ausgewählt. Ziel ist es, die sozialen, emotionalen und kulturellen Dimensionen von Haar und Körperbildern bei muslimischen Frauen in mehreren Ländern des Nahen Ostens zu analysieren, darunter Ägypten, Libanon und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Methodisch setzt das Forschungsvorhaben auf ethnographische Feldarbeit, Interviews, digitale Kulturforschung und Textanalysen. Untersucht werden soll, wie Frauen Haarpraktiken und Schönheitsnormen mit religiösen Vorstellungen, gesellschaftlichen Erwartungen und individuellen Identitätsentwürfen verknüpfen. Die Forschenden argumentieren, dass scheinbar alltägliche Körperpraktiken wichtige Einblicke in Machtverhältnisse, Selbstbestimmung und soziale Kontrolle liefern können – insbesondere in Gesellschaften, in denen Fragen von Religion und Geschlechterrollen politisch stark aufgeladen sind.
Inhaltlich ordnet sich das Projekt in ein etabliertes sozialwissenschaftliches Forschungsfeld ein, das sich mit Körperpolitik, religiöser Identität und kulturellen Aushandlungsprozessen beschäftigt. Vergleichbare Studien untersuchen seit Jahren, wie Kleidung, Frisuren oder andere körperbezogene Praktiken zugleich Ausdruck persönlicher Autonomie und sozialer Normierung sein können.
Politische Kritik: Vorwurf der „falschen Prioritäten“
Die Kritik an dem Projekt kommt vor allem aus dem konservativen politischen Spektrum, insbesondere aus Italien. Dort werfen einzelne Abgeordnete der Europäischen Union vor, Steuergelder für ideologisch motivierte oder alltagsferne Forschung einzusetzen. Die Studie wird in diesem Kontext als Beispiel für eine angeblich aus dem Ruder gelaufene Förderpraxis dargestellt, die Themen finanziere, die für viele Bürgerinnen und Bürger keine erkennbare Relevanz hätten.
Besonders kritisiert wird die Höhe der Fördersumme in Verbindung mit dem Forschungsgegenstand. In politischen Stellungnahmen wird argumentiert, dass europäische Mittel stattdessen stärker auf wirtschaftliche, sicherheitspolitische oder technologische Herausforderungen konzentriert werden sollten. Die Debatte greift dabei ein bekanntes Muster auf: Sozial- und Kulturforschung wird weniger an wissenschaftlichen Kriterien gemessen als an einer subjektiven Vorstellung von „Nützlichkeit“.
Wissenschaftliche Auswahlverfahren versus politische Wahrnehmung
Aus Sicht der Wissenschaft beruht die Förderung solcher Projekte auf klar definierten Auswahlmechanismen. Europäische Forschungsprogramme setzen in der Regel auf internationale Begutachtungsverfahren, in denen Originalität, methodische Qualität und theoretischer Mehrwert bewertet werden. Grundlagen- und Kulturforschung verfolgen dabei oft nicht das Ziel unmittelbarer politischer oder wirtschaftlicher Anwendungen, sondern wollen langfristig gesellschaftliche Zusammenhänge besser verstehen.
Genau hier liegt der Kern des Konflikts: Während Forschende den Erkenntnisgewinn und die Erweiterung sozialwissenschaftlicher Perspektiven betonen, bewerten politische Akteure Projekte häufig nach ihrer symbolischen Wirkung oder ihrer Anschlussfähigkeit an aktuelle politische Agenden. Themen wie Religion, Geschlecht und Identität sind dabei besonders anfällig für Polarisierung.
Was die Debatte zeigt
Der Streit um das HAIR-Projekt verdeutlicht, wie eng Forschung, Politik und öffentliche Wahrnehmung miteinander verflochten sind. Sozialwissenschaftliche Studien, die sich mit Identität und Kultur befassen, bewegen sich oft in einem Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Freiheit und politischer Erwartungshaltung. Die Frage, welche Forschung als legitim, relevant oder förderwürdig gilt, ist dabei weniger eine rein fachliche als eine gesellschaftliche Aushandlung.
Unabhängig vom konkreten Projekt wirft die Kontroverse ein Schlaglicht auf eine grundlegende Herausforderung europäischer Forschungspolitik: Wie lässt sich der Wert von Erkenntnissen vermitteln, die nicht in Form technischer Innovationen oder messbarer ökonomischer Effekte auftreten, sondern in einem besseren Verständnis sozialer Wirklichkeiten bestehen?
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