Wissenschaftliche Meldungen
Schwarzer Tod in Thüringen: Neue Messmethoden führen zu Spur eines Massengrabes
14.1.26, 16:23
Archäologie, Medizin

Ein gezielter Fund statt eines Zufalls
Ein interdisziplinäres Forschungsteam berichtet über starke Hinweise auf ein Pest-Massengrab aus dem 14. Jahrhundert nahe der Stadt Erfurt. Der mögliche Fund ist bemerkenswert, weil er nicht zufällig bei Bauarbeiten entdeckt wurde, sondern Ergebnis einer systematischen Suche ist. Historische Quellen, geophysikalische Messungen und Sedimentbohrungen wurden gezielt kombiniert, um den vermuteten Ort einzugrenzen. Eine archäologische Ausgrabung steht allerdings noch aus – und ist entscheidend für die endgültige Bestätigung.
Schriftquellen mit Lücken
Zeitgenössische Chroniken beschreiben, dass die Pest um die Mitte des 14. Jahrhunderts Erfurt schwer traf. Aufgrund der hohen Todeszahlen sollen viele Opfer außerhalb der Stadt in großen Gruben bestattet worden sein. Solche Berichte liefern wertvolle Hinweise, bleiben aber unscharf: Genaue Ortsangaben fehlen, Landschaften haben sich über Jahrhunderte verändert, und spätere Nutzung kann Spuren überdeckt haben. Genau diese Unsicherheit hat bislang verhindert, die beschriebenen Gruben eindeutig zu lokalisieren.
Archäologie ohne Spaten
Um dennoch vorzugehen, verengte das Team zunächst den Suchraum mithilfe historischer Karten, Flurnamen und Landschaftsrekonstruktionen. Anschließend kamen naturwissenschaftliche Methoden zum Einsatz, die eine Untersuchung des Untergrunds erlauben, ohne ihn großflächig zu öffnen. Messungen des elektrischen Widerstands können verfüllte Gruben sichtbar machen, weil gestörter Boden andere physikalische Eigenschaften besitzt als unberührte Sedimente. Ergänzend wurden schmale Bohrkerne gezogen, um Schichtfolgen zu analysieren und gezielt nach menschlichen Überresten zu suchen.
Eine auffällige Struktur im Untergrund
Die Messdaten zeigen eine große, unregelmäßige Struktur, die die Forschenden als verfüllte Grube interpretieren. In mehreren Bohrkernen fanden sich stark durchmischte Sedimente sowie Fragmente menschlicher Knochen. Radiokarbondatierungen ordnen diese Knochen dem 14. Jahrhundert zu – zeitlich passend zur Pestpandemie des sogenannten Schwarzen Todes. Auch die geschätzte Größe der Struktur spricht für ein außergewöhnliches Ereignis: Sie ist deutlich größer als ein normales Einzelgrab und mehrere Meter mächtig.
Was noch offen ist
Trotz der starken Indizien bleibt Vorsicht geboten. Erst eine archäologische Ausgrabung kann klären, ob es sich tatsächlich um ein Massengrab handelt, wie die Skelette lagen und ob sie in kurzer Zeit beigesetzt wurden. Bohrkerne liefern nur punktuelle Einblicke und können wichtige Details nicht erfassen, etwa spätere Störungen oder eine mögliche Mehrphasigkeit der Ablagerung. Die beteiligten Forschenden betonen daher ausdrücklich, dass ihre Ergebnisse eine fundierte Hypothese darstellen, aber keinen endgültigen Beweis.
Der Blick in die Knochen
Sollte sich der Befund bestätigen, eröffnet sich ein weiteres Forschungsfeld: der direkte Nachweis des Pest-Erregers. Moderne Methoden erlauben es, in Zähnen oder Knochen DNA-Fragmente von Yersinia pestis zu identifizieren. Solche Analysen sind jedoch anspruchsvoll, da genetisches Material über Jahrhunderte zerfällt und Kontamination vermieden werden muss. Ein fehlender Nachweis wäre zudem kein endgültiger Gegenbeweis, sondern müsste vorsichtig interpretiert werden.
Einordnung
Der mögliche Fund ist weniger wegen seiner Größe als wegen seiner Methodik bedeutsam. Statt auf Zufallsentdeckungen zu warten, zeigt das Projekt, wie historische Überlieferung und Naturwissenschaft gezielt zusammengeführt werden können. Gelingt die Bestätigung durch eine Ausgrabung, könnte dieses Vorgehen zum Modell für die Suche nach weiteren Pestgräbern werden – und damit neue, belastbare Daten zur größten Pandemie des europäischen Mittelalters liefern.
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