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Europas „fehlende“ Horndinosaurier: Warum Fossilien jahrzehntelang falsch zugeordnet wurden
15.1.26, 17:43
Paläontologie

Europas Dinosaurier-Lücke, die eigentlich keine war
Über ein Jahrhundert lang schien Europas Dino-Welt in einem Punkt seltsam „unvollständig“: Ceratopsier, also jene Horndinosaurier mit Schnabel und teils imposanten Schädelaufsätzen, sind in Nordamerika und Asien im späten Abschnitt der Kreidezeit häufig – in Europa dagegen praktisch nicht. Das war mehr als eine Kuriosität. Denn wenn Tiere auf zwei Kontinenten reichlich vorkommen, ist die naheliegende Erwartung: Irgendwann müssten sie auch im „Dazwischen“ auftauchen, zumal Europa damals kein zusammenhängender Kontinent war, sondern eher ein Inselarchipel. Genau dieses Bild – Inseln als Evolutionslabor mit vielen endemischen Arten – prägte lange die Erzählung über Europas Kreidezeit.
Nun legt ein Forschungsteam um Susannah Maidment vom Natural History Museum in London eine Erklärung vor, die gleichzeitig unspektakulär und wissenschaftlich brisant ist: Die Horndinosaurier waren vermutlich nicht abwesend. Sie wurden schlicht über Jahrzehnte hinweg falsch eingeordnet.
Der Knackpunkt: Wenn „ähnlich“ in die Irre führt
Im Zentrum der Neubewertung steht ein Dinosaurier aus Ungarn: Ajkaceratops. Von dieser Art war lange nur sehr fragmentarisches Fossilmaterial bekannt. Solche Funde sind in der Paläontologie notorisch schwierig zu deuten, weil einzelne Knochenmerkmale mehreren Dinosauriergruppen ähneln können. Gerade pflanzenfressende Ornithischier teilen viele anatomische Gemeinsamkeiten, die leicht zu Fehlzuordnungen führen.
In der neuen Studie wurde ein deutlich vollständigerer Schädel von Ajkaceratops mit modernen Methoden untersucht, darunter hochauflösende CT-Scans und dreidimensionale Rekonstruktionen. Entscheidend waren dabei feine anatomische Details, etwa im Bereich des Gaumens und der Schnabelstruktur. Diese Merkmale gelten als besonders aussagekräftig für die systematische Einordnung. Das Ergebnis: Ajkaceratops zeigt eindeutig charakteristische Eigenschaften früher Ceratopsier und passt deutlich schlechter zu den Gruppen, denen er zuvor oft zugeschlagen wurde.
Ein Dominoeffekt in Museumssammlungen
Die Neubewertung eines bekannten Fossils bleibt selten ein Einzelfall. Mit Ajkaceratops als Referenz überprüfte das Team weitere europäische Funde, die über Jahrzehnte hinweg unterschiedlich interpretiert worden waren. Dabei zeigte sich, dass auch Material aus Rumänien, das lange keiner klaren Gruppe zugeordnet werden konnte, sehr wahrscheinlich zu den Ceratopsiern gehört. Diese Fossilien wurden in der Studie als eigene Gattung beschrieben und erhielten den Namen Ferenceratops.
Der Befund hat weitreichende Folgen: Was bisher als Beleg für eine eigenständige, von anderen Kontinenten isolierte europäische Dinosaurierfauna galt, könnte teilweise das Resultat falscher taxonomischer Zuordnungen sein. Die Ceratopsier waren demnach möglicherweise nie wirklich „fehlend“ – sie waren nur unter falschen Namen abgelegt.
Europas Kreidezeit neu gedacht
Sollten Ceratopsier in Europa tatsächlich verbreiteter gewesen sein als bislang angenommen, verändert das das Bild der späten Kreidezeit erheblich. Europa wäre dann weniger ein biologischer Sonderfall gewesen, sondern stärker in die großräumigen Ausbreitungsmuster eingebunden, die man aus Asien und Nordamerika kennt. Das passt gut zu der Vorstellung Europas als Kette von Inseln, die zeitweise als Brücken zwischen den großen Landmassen fungierten.
Gleichzeitig mahnen die Forschenden zur Vorsicht. Viele der Fossilien bleiben fragmentarisch, und unterschiedliche Analyseansätze können zu abweichenden Ergebnissen führen. Nicht jede Neubewertung ist endgültig. Doch der Befund zeigt eindrücklich, wie stark unser Bild der Vergangenheit davon abhängt, wie wir vorhandene Daten interpretieren – und wie wichtig es ist, alte Sammlungen mit neuen Methoden erneut zu untersuchen.
Mehr als eine Korrektur im Stammbaum
Die Geschichte der „fehlenden“ europäischen Horndinosaurier ist damit mehr als eine Fußnote der Taxonomie. Sie illustriert ein Grundprinzip wissenschaftlicher Arbeit: Lücken im Wissen bedeuten nicht zwangsläufig Lücken in der Natur. Manchmal entstehen sie, weil Begriffe, Kategorien oder Vergleichsmaßstäbe überholt sind. In diesem Fall deutet vieles darauf hin, dass Europas Ceratopsier die ganze Zeit Teil der Geschichte waren – nur eben unter falschem Etikett.
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