Wissenschaftliche Meldungen
Zerrissene Familien, höheres Risiko: Studie zeigt Zusammenhang zwischen belasteten Beziehungen und Mehrfach-Drogenkonsum
15.1.26, 10:17
Psychologie, Medizin, Gesellschaft

Mehr als eine Substanz – ein komplexes Risikomuster
Der gleichzeitige oder wechselnde Konsum mehrerer Drogen gilt als besonders riskant. Er erhöht die Gefahr von Abhängigkeit, Überdosierungen und schweren gesundheitlichen Folgeschäden deutlich stärker als der Konsum einzelner Substanzen. Eine neue sozialwissenschaftlich-psychologische Studie aus den USA zeigt nun, dass dieser sogenannte Polydrug Use eng mit sozialen Beziehungen verknüpft ist – genauer gesagt mit deren Brüchen. Untersucht wurde, wie familiäre Spannungen und instabile Bindungen die Anfälligkeit für Mehrfachkonsum erhöhen können, insbesondere bei sozial benachteiligten Frauen.
Im Fokus der Studie standen mexikanisch-amerikanische Frauen, die in ökonomisch prekären Verhältnissen leben. Diese Gruppe ist in der Suchtforschung bislang vergleichsweise wenig untersucht, obwohl sie überdurchschnittlich häufig mit strukturellen Belastungen konfrontiert ist: Armut, eingeschränkter Zugang zu Gesundheitsversorgung, Diskriminierungserfahrungen und hohe familiäre Verantwortung.
Familiäre Konflikte als Risikofaktor
Die zentrale Beobachtung der Studie ist klar: Frauen, die über konflikthafte, distanzierte oder zerrüttete Beziehungen zu ihren Familien berichten, zeigen ein deutlich höheres Risiko für den Konsum mehrerer Substanzen. Dazu zählen unter anderem Kombinationen aus Marihuana, Methamphetaminen, Heroin sowie Kokain oder Crack. Der Mehrfachkonsum erscheint dabei nicht als zufälliges Verhalten, sondern als Teil eines Bewältigungsmusters in einem Umfeld, das wenig emotionale Stabilität bietet.
Die Forschenden interpretieren diesen Zusammenhang vorsichtig, aber eindeutig: Fehlende familiäre Unterstützung kann Stress verstärken, Einsamkeit erhöhen und das Bedürfnis nach kurzfristiger Entlastung steigern. Drogen werden dann nicht nur zur Flucht aus belastenden Lebensumständen, sondern auch zu einem Ersatz für soziale Nähe und Halt.
Schutzfaktoren: Nähe, Bindung, Verantwortung
Interessanterweise zeigt die Studie nicht nur Risiken, sondern auch Schutzmechanismen. Frauen mit stabilen, unterstützenden familiären Beziehungen – insbesondere mit starken Bindungen zur Mutter oder zu eigenen Kindern – wiesen ein deutlich geringeres Risiko für Polydrug Use auf. Diese Beziehungen scheinen eine Art emotionales Sicherheitsnetz zu bilden, das selbst unter schwierigen ökonomischen Bedingungen stabilisierend wirkt.
Dabei geht es nicht um idealisierte Familienbilder. Die Forschenden betonen, dass auch komplexe, nicht konfliktfreie Beziehungen schützend wirken können, solange grundlegende emotionale Verlässlichkeit vorhanden ist. Entscheidend ist offenbar weniger die formale Struktur der Familie als das subjektive Erleben von Zugehörigkeit und Unterstützung.
Armut, Geschlecht und Sucht – ein verflochtenes System
Die Ergebnisse lassen sich nicht losgelöst von sozialen Rahmenbedingungen verstehen. Viele der befragten Frauen leben in Nachbarschaften mit hoher Arbeitslosigkeit, eingeschränkten Bildungs- und Gesundheitsangeboten sowie hoher Drogenverfügbarkeit. In solchen Kontexten verstärken sich individuelle und strukturelle Risiken gegenseitig.
Hinzu kommt eine geschlechtsspezifische Dimension. Frauen erleben Substanzkonsum häufig anders als Männer: stärker stigmatisiert, oft verborgen und eng verknüpft mit Beziehungsdynamiken. Gewalt, Abhängigkeiten innerhalb von Partnerschaften oder familiäre Verpflichtungen können den Ausstieg zusätzlich erschweren. Der Mehrfachkonsum wird so Teil eines komplexen Geflechts aus sozialem Druck, fehlenden Alternativen und chronischem Stress.
Was die Studie leisten kann – und wo ihre Grenzen liegen
Die Untersuchung basiert auf detaillierten Befragungsdaten und liefert wertvolle Einblicke in Zusammenhänge zwischen sozialem Umfeld und riskantem Konsumverhalten. Dennoch bleibt sie beobachtend. Sie kann zeigen, dass belastete Familienbeziehungen und Polydrug Use gemeinsam auftreten, aber nicht endgültig klären, was Ursache und was Folge ist. Es ist plausibel, dass sich beide Prozesse gegenseitig verstärken: Konflikte erhöhen das Risiko für Drogenkonsum, und Drogenkonsum wiederum belastet Beziehungen weiter.
Gerade deshalb sehen die Autorinnen und Autoren den größten Wert der Studie in ihrer praktischen Relevanz. Präventions- und Therapieangebote, so das Fazit, sollten nicht ausschließlich auf individuelle Verhaltensänderung setzen. Sie müssten soziale Bindungen mitdenken – und dort, wo Familienbeziehungen belastet oder abgebrochen sind, alternative Formen von Unterstützung anbieten.
Einordnung
Die Studie fügt sich in eine wachsende Zahl von Arbeiten ein, die Sucht nicht primär als individuelles Versagen, sondern als soziales Phänomen verstehen. Polydrug Use erscheint hier weniger als Ausdruck von „Risikofreude“, sondern als Symptom von Unsicherheit, Isolation und fehlenden stabilen Beziehungen. Besonders für Frauen in marginalisierten Gemeinschaften kann das bedeuten: Wer Hilfe anbieten will, muss nicht nur auf Substanzen schauen, sondern auf Netzwerke, Bindungen und Lebensrealitäten.
Die Botschaft ist damit unbequem, aber wichtig. Erfolgreiche Prävention und Behandlung von Mehrfachkonsum erfordern mehr als medizinische Interventionen. Sie brauchen soziale Strategien, die Beziehungen stärken, Sicherheit schaffen und Alternativen zu einem Alltag bieten, in dem Drogen oft eine der wenigen verfügbaren Bewältigungsoptionen sind.
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