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Trauma und inneres Kind: Neurobiologie einer Kindheit, die nie ganz vorbei ist

Auf dem Bild ist eine erwachsene Person mit geschlossenen Augen zu sehen, die eine Hand auf der Brust hält; in diesem Bereich leuchtet ein warmes, orangefarbenes Licht. Neben ihr steht ein kleines Kind, das sie aufmerksam anschaut, während im Hintergrund schemenhafte neuronale Strukturen zu sehen sind. Der Text im Bild spricht von „Trauma & Neurobiologie“ und „Wenn dein Inneres Kind übernimmt – Was wirklich hinter Gefühls-Stürmen steckt“.

Trauma und inneres Kind: Wenn alte Gefühle plötzlich übernehmen


Du sitzt in einem Meeting, jemand kritisiert eine Kleinigkeit – und plötzlich rast dein Herz, dir schießen Tränen in die Augen, am liebsten würdest du davonlaufen. Rational weißt du: „Das ist nicht so schlimm.“ Aber irgendetwas in dir fühlt sich an, als würde es gerade um Leben und Tod gehen.


Genau für solche Momente wurde das Konzept Trauma und inneres Kind entwickelt. Es verbindet Tiefenpsychologie, Traumaforschung und Neurobiologie und erklärt, warum erwachsene Menschen in Sekundenbruchteilen in kindliche Gefühlszustände kippen – und wie wir da wieder rausfinden.


Wenn dich solche Verbindungen zwischen Gehirn, Gefühl und Gesellschaft interessieren, trag dich gern in meinen monatlichen Newsletter ein. Dort bekommst du vertiefende Artikel, Buchempfehlungen und kleine Übungen direkt ins Postfach – wissenschaftlich fundiert, aber alltagstauglich erklärt.


Was ist das „Innere Kind“?


Das Innere Kind ist kein kleines Wesen in dir, sondern ein Bild für die Netzwerke in deinem Gehirn, in denen frühe Erfahrungen gespeichert sind: Emotionen, Körperempfindungen, Beziehungsmuster, Überzeugungen. Dieses „Kind“ umfasst sowohl deine Ressourcen (Kreativität, Spieltrieb, Lebensfreude) als auch deine verletzten Anteile (Scham, Angst, Einsamkeit, Trauma).


Wie Psychologie und Therapie das Innere Kind verstehen


In der Fachsprache würde niemand ernsthaft behaupten, dass in dir ein Mini-Mensch sitzt. Stattdessen sprechen Forscher:innen von implizitem Gedächtnis, affektiven Schemata oder rechtshemisphärischen Netzwerken. Das Bild vom inneren Kind ist quasi das grafische User Interface für diese komplexen Prozesse.


Frühe Erfahrungen – besonders mit Bezugspersonen – werden in deinem Nervensystem gespeichert. Wurdest du getröstet, wenn du Angst hattest? Durftest du wütend sein? Wurden deine Grenzen respektiert? Aus wiederholten Erlebnissen entstehen Muster: „Ich bin willkommen“ oder „Ich störe nur“, „Gefühle sind okay“ oder „Gefühle machen Ärger“.


Später im Leben werden diese Muster, oft völlig automatisch, reaktiviert. Ein strenger Blick der Chefin kann im Körper das gleiche Programm starten wie früher der strafende Blick des Vaters. Nach außen sieht es aus wie eine „übertriebene Reaktion“. Von innen fühlt es sich an, als wäre man wieder fünf Jahre alt – mit dem gleichen Kloß im Hals wie damals.


Die Idee des Inneren Kindes hilft, diese inneren Programme ansprechbar zu machen. Statt nur zu denken „Ich spinne“, kannst du sagen:„Gerade meldet sich ein sehr verängstigter Kinderanteil in mir. Und mein Erwachsener ist noch nicht ganz wach.“


Alle modernen Therapieansätze, die mit dem Inneren Kind arbeiten, haben im Kern genau dieses Ziel: Das Erwachsenen-Ich so zu stärken, dass es die Kind-Anteile schützen und regulieren kann, statt von ihnen überrollt zu werden.


Vom göttlichen Kind zur Transaktionsanalyse: Die Geschichte hinter dem Konzept


Spannend ist, dass das Innere Kind ursprünglich gar kein Coaching-Buzzword war, sondern aus der Tiefenpsychologie stammt.


C. G. Jung beschrieb das „göttliche Kind“ als Archetyp im kollektiven Unbewussten. In Mythen taucht es oft dann auf, wenn alles feststeckt: das bedrohte, aber zugleich wundersame Kind, das eine neue Zukunft repräsentiert. Psychologisch steht es für das Potenzial zur Erneuerung der Persönlichkeit. Das verwundbare Innere trägt gleichzeitig die größte Wachstumsfähigkeit in sich.


Jung warnte vor zwei Extremen:

Wer im Archetyp des ewigen Jugendlichen steckenbleibt, vermeidet Verantwortung und bleibt innerlich „puer aeternus“. Wer das Kind dagegen komplett abspaltet, verkommt zur funktionierenden Hülle ohne Lebendigkeit. Ziel ist die Verbindung: ein erwachsenes Ich, das Zugang zu spielerischer Kraft und emotionaler Tiefe hat.


Der kanadische Psychiater Eric Berne machte aus diesen eher symbolischen Gedanken ein beobachtbares Modell: die Transaktionsanalyse. Er ging davon aus, dass wir im Alltag zwischen verschiedenen Ich-Zuständen wechseln, die jeweils bestimmte Denkmuster und Gefühle mitbringen:


  • Eltern-Ich: verinnerlichte Gebote, Verbote, Fürsorge- und Kritikerstimmen

  • Erwachsenen-Ich: nüchterne, gegenwartsbezogene Wahrnehmung und Entscheidung

  • Kind-Ich: spontane Impulse, Bedürfnisse und Gefühlsreaktionen aus der eigenen Kindheit


Problematisch wird es, wenn das Erwachsenen-Ich von Eltern- oder Kind-Programmen „kontaminiert“ ist. Dann hältst du zum Beispiel alte, kindliche Überzeugungen („Alle finden mich lächerlich“) für objektive Realität – und reagierst entsprechend. Therapie bedeutet hier: die Zustände entflechten und dem Erwachsenen-Ich die Leitung zurückgeben.


Wenn du das nächste Mal innerlich explodierst, kannst du testweise fragen:„Wer hat gerade das Steuer? Mein erwachsener Teil – oder eher ein verängstigtes oder wütendes Kind-Ich?“


Wenn das Innere Kind verletzt wird: Missbrauch, Scham und das Falsche Selbst


Ab den 1970er-Jahren rückte eine unbequeme Wahrheit ins Zentrum: Viele innere Kinder sind nicht nur traurig oder verunsichert – sie sind massiv verletzt worden.


Die Psychoanalytikerin Alice Miller machte in ihren Büchern klar, dass viele Kinder nicht an ihren „Trieben“ leiden, sondern an ganz realem Missbrauch und emotionaler Vernachlässigung. Besonders betroffen sind hoch sensible, „begabte“ Kinder, die die Stimmung zu Hause wie ein Seismograph registrieren. Um geliebt zu werden, erfüllen sie unbewusst die Bedürfnisse der Eltern – und verraten dabei ihre eigenen.


So entsteht das, was Miller das „Falsche Selbst“ nennt: Nach außen das angepasste, leistungsstarke, brave Kind; innen im „Glas-Keller“ ein eingesperrtes, verzweifeltes inneres Kind, dessen Wut, Trauer und Angst keinen Platz haben. Viele Erwachsene mit Depressionen oder diffusen Lebenskrisen beschreiben später genau dieses Gefühl von innerer Leere.


Miller führt außerdem den Begriff des „wissenden Zeugen“ ein: Heilung braucht jemanden, der sagt: „Das, was dir passiert ist, war Unrecht. Du bildest dir das nicht ein.“ Erst wenn jemand parteiisch auf der Seite des verletzten Kindes steht, kann der Kreislauf aus Selbsthass, Gewalt oder Sucht unterbrochen werden.


Der US-Therapeut John Bradshaw legte den Fokus auf toxische Scham – also die Überzeugung, als Person falsch zu sein. Er unterscheidet:


  • Gesunde Scham: „Ich habe einen Fehler gemacht“ – sie hilft, Grenzen zu erkennen.

  • Toxische Scham: „Ich bin ein Fehler“ – sie zersetzt Identität und Selbstwert.


Aus toxischer Scham entstehen typische Überlebensstrategien: Perfektionismus („Wenn ich nur perfekt bin, bin ich vielleicht doch okay“), Suchtverhalten, Co-Abhängigkeit. Bradshaw betont, dass diese Strategien einmal geniale Lösungen des inneren Kindes waren – nur passen sie heute nicht mehr.


Die Psychologin Margaret Paul geht mit ihrem Modell des Inner Bonding noch stärker in die Gegenwart. Sie beschreibt einen Prozess in sechs Schritten, der helfen soll, von Selbstabwertung zu Selbstverantwortung zu wechseln:


  • Zuerst die aktuellen Gefühle im Körper bewusst wahrnehmen

  • sich innerlich für eine Haltung des Lernens statt der Kontrolle entscheiden

  • mit den verletzten Anteilen in einen inneren Dialog gehen

  • eine „weise innere Instanz“ oder spirituelle Quelle nach einer liebevollen Wahrheit fragen

  • diese Einsicht in konkretes, fürsorgliches Handeln umsetzen

  • und schließlich überprüfen, ob sich der Zustand im Inneren verändert hat


Gemeinsam ist all diesen Ansätzen: Sie holen das Innere Kind aus dem Keller und setzen auf Mitgefühl statt Selbstanklage.


Moderne Therapien: Wie Schematherapie, IFS und Traumatherapie mit Kind-Anteilen arbeiten


Heute findet man das Innere Kind nicht nur in Ratgebern, sondern in mehreren leitliniennahen Therapieverfahren wieder, besonders bei komplexen Traumata und Persönlichkeitsstörungen.


Die Schematherapie nach Jeffrey Young geht davon aus, dass aus wiederholten Frustrationen kindlicher Grundbedürfnisse sogenannte Schemata entstehen – tief verankerte Lebensmuster wie „Ich bin nicht liebenswert“ oder „Andere werden mich verlassen“. Wird ein solches Schema getriggert, wechseln wir in bestimmte Modi.


Besonders wichtig sind die Kind-Modi: das verletzbare Kind (einsam, ängstlich, beschämt), das wütende Kind (protestiert gegen Ungerechtigkeit), das impulsive Kind (will sofortige Bedürfnisbefriedigung) und das glückliche Kind (fühlt sich sicher, geliebt, spielerisch). Daneben gibt es harte innere Eltern-Stimmen (strafend, fordernd) und Schutzmodi wie den inneren „Panzer“.


Die zentrale Technik heißt „Limited Reparenting“: Die Therapeutin verhält sich – innerhalb klarer professioneller Grenzen – so, wie es damals ideal gewesen wäre: zugewandt, schützend, zuverlässig, aber nicht übergriffig. Mit der Zeit übernimmt der Patient diese Haltung selbst und entwickelt einen inneren „gesunden Erwachsenen“, der auf sein verletzbares Kind achtet.


Im Modell Internal Family Systems (IFS) von Richard Schwartz wird die Psyche als innere Familie beschrieben, die aus verschiedenen Teilen besteht:


  • Exiles (Verbannten): verletzte Kinderanteile, die Schmerz, Scham und Angst tragen

  • Managern: vorausschauende Beschützer, die durch Kontrolle, Perfektionismus oder Überanpassung verhindern wollen, dass die Exiles getriggert werden

  • Feuerwehrleuten: reaktive Beschützer, die bei akuter Not den Schmerz mit „Notfallstrategien“ löschen – von exzessivem Essen bis Selbstverletzung


Im Zentrum steht das Selbst, ein Zustand innerer Präsenz und Verbundenheit, der durch Eigenschaften wie Mitgefühl, Ruhe, Klarheit und Mut gekennzeichnet ist. Heilung bedeutet hier, dass das Selbst die Führung übernimmt, mit den Managern verhandelt und den Exiles ihre Lasten abnimmt, damit sie wieder zu spielerischen, lebendigen Anteilen werden können.


Die Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) von Luise Reddemann nutzt die Fähigkeit zur inneren Bilderwelt, um traumatisierte Anteile zu stabilisieren, bevor überhaupt über Konfrontation gesprochen wird. In der Übung „Innere Kinder retten“ stellt sich die erwachsene Person vor, sie gehe in die alte traumatische Szene zurück, holt das Kind dort heraus und bringt es an einen inneren sicheren Ort.


Entscheidend: Das damalige Gefühl völliger Ohnmacht wird überschrieben durch eine neue Erfahrung von Schutz und Handlungsfähigkeit. Die traumatische Erinnerung wird so nicht verleugnet, aber neu verknüpft – mit einem Erwachsenen, der diesmal da ist.


Drei Perspektiven auf das Innere Kind


  • Schematherapie betont Schemata und Modi und stärkt einen gesunden Erwachsenen, der kindliche Bedürfnisse ernst nimmt.

  • IFS versteht das Innere Kind als „Exile“ in einem System aus Managern und Feuerwehrteilen – und stellt das Selbst als liebevolle Führung in den Mittelpunkt.

  • PITT fokussiert auf sichere innere Orte und imaginierte Rettung, um Traumamuster zu verändern, ohne zu retraumatisieren.


Was im Gehirn passiert, wenn dein Inneres Kind übernimmt


Okay, und was sagt das Gehirn dazu? Eine ganze Menge.


In den ersten Lebensjahren ist vor allem die rechte Gehirnhälfte aktiv. Sie speichert Erfahrungen nicht in Worten, sondern als Körperzustände, Bilder und Gefühle. Gleichzeitig ist das limbische System – vor allem die Amygdala als Alarmzentrale – hochsensibel für Bedrohung. Der Hippocampus, der Erlebnisse sauber zeitlich einordnet („Das war damals“), reift dagegen später aus.


Bei chronischem Stress oder Trauma kann die Amygdala dauerhaft überempfindlich werden, während der Hippocampus schlechter arbeitet. Dann reichen kleine Trigger – ein bestimmter Tonfall, ein Geruch –, und das Nervensystem reagiert, als würde die alte Gefahr jetzt passieren. Genau das erleben viele als Flashback oder massiven Gefühlssturm.


Die gute Nachricht: Neurobiologisch ist das Innere Kind formbar. Wenn du in einer sicheren Beziehung – zum Beispiel in Therapie – wiederholt erlebst: „Ich darf fühlen, und jemand bleibt bei mir“, dann ändern sich langsam auch die Schaltkreise im Gehirn.


Die Polyvagal-Theorie ergänzt dieses Bild: Sie unterscheidet grob drei Zustände des autonomen Nervensystems – Kampf/Flucht, Erstarrung und soziale Verbundenheit. Viele innere Kinder stecken in den ersten beiden Modi fest. Imaginative Fürsorge, Körperübungen, ruhige Stimme und Blickkontakt können das soziale Nervensystem (ventraler Vagus) aktivieren. Körperlich spürbar wird das als Erleichterung: der Brustkorb weitet sich, Atmung und Herzschlag beruhigen sich, Kontakt fühlt sich weniger bedrohlich an.


Mini-Neuro-Crashkurs


  • Frühe Erfahrungen werden überwiegend rechtshemisphärisch und körperlich gespeichert.

  • Trauma bedeutet nicht nur „schlimmes Ereignis“, sondern vor allem: Alleinsein mit überwältigenden Gefühlen.

  • Innere-Kind-Arbeit sendet dem Nervensystem neue Sicherheitssignale – und kann langfristig die Verbindung zwischen Alarmzentrum (Amygdala) und Beruhigungssystem stärken.


Reparenting im Alltag: Wie du eine gute innere Bezugsperson wirst


Die Theorie ist spannend – aber was heißt das ganz konkret? Viele moderne Ansätze sprechen von Reparenting: Du wirst heute die Mutter oder der Vater, den du früher gebraucht hättest. Das ist kein magischer Trick, sondern ein lernbarer Prozess.


Fünf typische Schritte, die dabei helfen können:


  • Wahrnehmen: Statt dich für deine „Überreaktion“ zu verurteilen, benennst du sie: „In mir ist gerade ein sehr ängstlicher / wütender Kinderanteil aktiv.“

  • Validieren: Du suchst nach dem damaligen Kontext: „Wenn ich daran denke, wie viel Druck ich als Kind hatte, ist das total nachvollziehbar.“

  • Schützen: Du triffst im Heute Entscheidungen, die das innere Kind ernst nehmen – zum Beispiel ein toxisches Gespräch beenden oder eine Pause einlegen.

  • Versorgen: Du kümmerst dich um körperliche und emotionale Grundbedürfnisse: Schlaf, Essen, sichere Menschen, professionelle Hilfe.

  • Freude erlauben: Du baust bewusst Aktivitäten ein, die nur dem glücklichen Kind gehören: spielen, malen, schaukeln, tanzen, Unsinn machen – ohne Leistungsanspruch.


Dazu kommen konkrete Übungen wie Schreibdialoge mit der nicht-dominanten Hand, Spiegelübungen („Ich sehe dich, ich bleibe bei dir“), der „Butterfly Hug“ zur Selbstberuhigung oder die Imagination eines inneren sicheren Ortes. Wichtig ist weniger die perfekte Technik als die Haltung: interessiert, freundlich, geduldig.


Wenn du Lust auf weitere praktische Impulse und kleine Übungen hast, schau gerne auf meinen Social-Media-Kanälen vorbei – dort vertiefen wir viele dieser Themen im Alltag:



Sätze, die dein Inneres Kind oft nie gehört hat


  • „Ich bin froh, dass es dich gibt.“

  • „Alle deine Gefühle sind okay.“

  • „Du musst nicht perfekt sein, um geliebt zu werden.“

  • „Ich lass dich nie wieder allein mit diesem Schmerz.“


Kritik, Fallstricke – und warum das Innere Kind trotzdem hilfreich bleibt


So populär das Konzept ist, es hat auch Schattenseiten. Wissenschaftlich ist das Innere Kind schwer zu messen. Es gibt kein Gehirnareal mit diesem Namen, keine Laborwerte dazu. Studien zeigen vor allem die Wirksamkeit einzelner Verfahren wie Schematherapie oder IFS – nicht unbedingt des Bildes „Inneres Kind“ an sich.


Ein weiteres Risiko ist die „Archäologie der Kindheit“: Wenn jedes aktuelle Problem zwanghaft auf frühe Traumata zurückgeführt wird, besteht die Gefahr, im Rückblick steckenzubleiben. Manche Menschen rutschen dann in eine Haltung, in der das Innere Kind für alles verantwortlich ist – und das heutige Erwachsenen-Ich sich aus der Verantwortung stiehlt.


Dazu kommt die heikle Frage nach falschen Erinnerungen. Wir wissen, dass das Gedächtnis rekonstruktiv arbeitet. Suggestive Techniken können bei vulnerablen Menschen Pseudoerinnerungen erzeugen. Seriöse Therapeut:innen legen deshalb den Fokus weniger auf den exakten historischen Wahrheitsgehalt, sondern auf die aktuellen Gefühle und Muster: Was immer damals genau passiert ist – heute leidet ein innerer Anteil, und mit dem gilt es verantwortungsvoll zu arbeiten.


Kurz gesagt: Das Konzept des Inneren Kindes ist extrem hilfreich, wenn es als das genutzt wird, was es ist – ein Modell. Es ersetzt keine juristische Aufarbeitung, keine sozialen Reformen und keine medizinische Behandlung. Aber es kann helfen, die innere Landschaft zu verstehen und zu verändern.


Dein Inneres Kind ist kein Feind, sondern ein Kompass


Wenn dein Inneres Kind „übernimmt“, ist das nervig, anstrengend, manchmal peinlich – aber nie sinnlos. Es zeigt dir, wo alte Wunden noch aktiv sind, wo du damals alleine warst und heute Unterstützung brauchst. Neurobiologisch betrachtet meldet sich ein Netzwerk, das früh gelernt hat: „Hier bin ich in Gefahr.“ Psychologisch betrachtet bittet ein sehr junger Teil von dir um etwas, das er nie bekommen hat: Schutz, Anerkennung, Spiegelung, Liebe.


Die Kunst besteht darin, nicht mehr automatisch in den alten Reaktionsmustern stecken zu bleiben, sondern einen inneren liebevollen Erwachsenen zu kultivieren. Einen Teil in dir, der sagen kann: „Ich sehe deine Angst – und ich übernehme jetzt.“


Wenn dich dieser Artikel berührt oder nachdenklich gemacht hat, freue ich mich, wenn du ihn likest und deine Gedanken unten in den Kommentaren teilst. Welche Erfahrungen hast du mit deinem eigenen Inneren Kind gemacht? Und was hilft dir, im Sturm wieder zu dir zu kommen?



Quellen:


  1. Präsentation „Inneres Kind“ – Silke von Beesten, SRH Fernhochschule - https://www.mobile-university.de/fileadmin/Mobile_University/Fotos/Alumni/Veranstaltungsrueckblicke/Praesentationen/Praesenation_Inneres_Kind_Silke_von_Beesten_10.2.2022.pdf

  2. The Neurobiology of Trauma – Communities Together for Children - https://www.ctctbay.org/community/community-partner-table-resources/trauma-informed/neurobiology-trauma

  3. The Neuropsychology of the Inner Child – Insight Timer Blog - https://insighttimer.com/blog/inner-child-neuropsychology-left-right-brain/

  4. Kommunikationsmodell Transaktionsanalyse – Weltladen-Wiki - https://www.weltladen.de/fuer-weltlaeden/wiki/156

  5. Transaktionsanalyse: Ursprung und Geschichte – TA Schweiz - https://www.ta-schweiz.ch/transaktionsanalyse/geschichte-der-transaktionsanalyse

  6. Was ist das innere Kind? – Stefanie Stahl Akademie - https://stefaniestahlakademie.de/was-ist-das-innere-kind/

  7. The Drama of the Gifted Child – Psychology Today - https://www.psychologytoday.com/us/blog/suffer-the-children/201206/the-drama-the-gifted-child

  8. The Essential Role of an Enlightened Witness in Society – Alice Miller - https://www.alice-miller.com/en/the-essential-role-of-an-enlightened-witness-in-society/

  9. Healing the Shame that Binds You – SoBrief - https://sobrief.com/books/healing-the-shame-that-binds-you

  10. Summary of „Homecoming“ by John Bradshaw – Aure’s Notes - https://auresnotes.com/summary-homecoming-john-bradshaw/

  11. The 6 Steps of Inner Bonding – Margaret Paul - https://www.innerbonding.com/show-page/87/6-steps.html

  12. Jeffrey Young’s Schema-Focused Therapy – Schema Therapy Training - https://schematherapytraining.us/2024/08/06/jeffrey-youngs-schema-focused-therapy-understanding-key-concepts/

  13. Understanding Schema – The Schema Therapy Institute - https://www.schemainstitute.co.uk/understanding-schema-therapy/

  14. Schema therapy – Wikipedia - https://en.wikipedia.org/wiki/Schema_therapy

  15. An Introduction to Managers, Firefighters, and Exiles in IFS Therapy – IFS Guide - https://ifsguide.com/an-introduction-to-managers-firefighters-and-exiles-in-ifs-therapy/

  16. Research | IFS Institute - https://ifs-institute.com/resources/research

  17. Das Innere-Kinder-Retten – imaginativ-therapeutische Methode - https://www.traumatherapie.de/users/kahn/kahn

  18. Right Brain to Right Brain Therapy – Linda Graham, MFT - https://lindagraham-mft.net/right-brain-to-right-brain-therapy/

  19. Neurobiological Development in the Context of Childhood Trauma – PubMed Central - https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6428430/

  20. Das innere Kind: Was ist das eigentlich? – Spektrum der Wissenschaft - https://www.spektrum.de/news/das-innere-kind-was-ist-das-eigentlich/2035693

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