Wissenschaftliche Meldungen
Ein verborgenes Altersprogramm im Darm erhöht offenbar das Krebsrisiko
21.1.26, 15:02
Medizin

Kurzüberblick
Eine neue Studie zeigt, dass der Darm im Laufe des Lebens einem inneren Alterungsprogramm folgt, das unabhängig von klassischen DNA-Mutationen das Risiko für Darmkrebs erhöhen kann. Verantwortlich sind epigenetische Veränderungen in den Stammzellen der Darmschleimhaut. Diese chemischen Markierungen auf der DNA sammeln sich schleichend an, verändern die Genaktivität und schaffen so Bedingungen, unter denen Krebs leichter entstehen kann.
Der Darm: jung im Tempo, alt im Inneren
Die Darmschleimhaut gilt als eines der sich am schnellsten erneuernden Gewebe des menschlichen Körpers. Innerhalb weniger Tage werden alte Zellen abgestoßen und durch neue ersetzt. Lange nahm man an, dass diese rasche Erneuerung das Gewebe vor Alterung schützt. Die neue Untersuchung widerspricht dieser Annahme deutlich.
Im Zentrum stehen die intestinalen Stammzellen, aus denen jede einzelne Darmkrypta hervorgeht. Obwohl sie ständig neue Zellen produzieren, verändern sich diese Stammzellen selbst mit zunehmendem Alter – nicht durch neue Mutationen, sondern durch epigenetische Umbauten, die ihre Funktion langfristig beeinflussen.
Epigenetischer Drift statt genetischer Defekt
Die Forschenden identifizierten ein charakteristisches Muster epigenetischer Veränderungen, das sie als alters- und darmkrebsassoziierten Drift beschreiben. Dabei werden bestimmte Gene zunehmend stillgelegt, obwohl ihre DNA-Sequenz unverändert bleibt. Besonders betroffen sind Gene, die für die Regeneration der Darmschleimhaut und die Kontrolle der Zellteilung wichtig sind.
Auffällig ist, dass Darmkrebszellen ein sehr ähnliches epigenetisches Profil aufweisen wie stark gealterte, aber noch nicht krebsartige Darmzellen. Das legt nahe, dass das Altern des Gewebes selbst eine Art biologischen Nährboden für Krebs schafft, noch bevor klassische krebsauslösende Mutationen auftreten.
Ein Mosaik aus jungen und alten Zellbezirken
Da jede Darmkrypta aus einer einzelnen Stammzelle entsteht, tragen alle Zellen innerhalb dieser Struktur dieselben epigenetischen Merkmale. Mit der Zeit entsteht so ein Patchwork: Manche Krypten bleiben funktionell jung, andere altern stark und verlieren ihre regenerative Stabilität.
Diese stark gealterten Regionen sind besonders anfällig für Fehlregulationen der Zellteilung. Gerät dort zusätzlich die genetische Kontrolle aus dem Gleichgewicht, kann sich Krebs leichter entwickeln als in funktionell „jüngeren“ Darmbereichen.
Eisenmangel im Zellkern als möglicher Auslöser
Ein zentraler Mechanismus hinter diesem epigenetischen Alterungsprozess scheint der Eisenstoffwechsel zu sein. Mit zunehmendem Alter verlieren Darmzellen die Fähigkeit, ausreichend bioverfügbares Eisen im Zellkern bereitzustellen. Dieses Eisen ist jedoch notwendig für Enzyme, die epigenetische Markierungen wieder entfernen können.
Sinkt ihre Aktivität, bleiben schädliche Markierungen dauerhaft bestehen. Verstärkt wird dieser Effekt durch altersbedingte, chronische Entzündungen im Darm, die zusätzlich wichtige Regenerationssignale schwächen.
Hoffnung aus dem Labor
In experimentellen Modellsystemen konnten die Forschenden zeigen, dass sich dieser epigenetische Drift zumindest teilweise bremsen lässt. Wird die Eisenverfügbarkeit wiederhergestellt oder werden zentrale Signalwege der Stammzellen gezielt aktiviert, normalisiert sich das epigenetische Profil teilweise.
Das bedeutet nicht, dass sich Darmalterung beim Menschen kurzfristig rückgängig machen lässt. Die Ergebnisse zeigen aber, dass Altern auf zellulärer Ebene kein völlig unumkehrbarer Prozess ist, sondern biologisch beeinflussbar sein könnte.
Einordnung
Die Studie liefert eine wichtige Erklärung dafür, warum Darmkrebs stark altersabhängig ist, selbst bei Menschen ohne auffällige genetische Risikofaktoren. Altern erscheint hier nicht nur als passiver Hintergrundfaktor, sondern als aktiver biologischer Prozess, der Krebs begünstigen kann.
Gleichzeitig bleibt offen, inwieweit sich diese Erkenntnisse in Prävention oder Therapie übertragen lassen. Die Ergebnisse stammen überwiegend aus Gewebeanalysen und Labor-Modellen. Klinische Anwendungen sind daraus noch nicht abzuleiten, eröffnen aber neue Forschungsrichtungen.
Weitere aktuelle Meldungen findest du hier:
- 2Seite 1







































































































