Wissenschaftliche Meldungen
Mobbing in der Schule erhöht Suizidrisiko bei Mädchen deutlich
25.1.26, 14:23
Psychologie, Gesellschaft, Bildung

Wenn soziale Gewalt zur Gesundheitsgefahr wird
Mobbing im schulischen Umfeld ist kein Randphänomen – aber seine gesundheitlichen Folgen werden oft unterschätzt. Eine aktuelle Auswertung von US-amerikanischen Bevölkerungsdaten zeigt nun mit neuer Klarheit: Schülerinnen, die in der Highschool gemobbt werden, haben ein signifikant erhöhtes Risiko für Suizidversuche. Die Analyse stammt von einem Forschungsteam der CUNY Graduate School of Public Health and Health Policy und basiert auf landesweit erhobenen Gesundheits- und Verhaltensdaten von Jugendlichen.
Im Zentrum steht nicht nur die Frage, ob Mobbing schadet – das gilt als gut belegt –, sondern wie stark und für wen das Risiko besonders hoch ist. Die Ergebnisse legen nahe, dass vor allem Mädchen eine vulnerable Gruppe darstellen, wenn sie wiederholt Ziel sozialer Ausgrenzung, verbaler Angriffe oder digitaler Übergriffe werden.
Die Datengrundlage: groß, repräsentativ, aber nicht perfekt
Die Forschenden nutzten Daten aus einer nationalen US-Schülerbefragung, in der Jugendliche anonym zu psychischer Gesundheit, Suizidgedanken, Suizidversuchen und schulischen Erfahrungen befragt wurden. Erfasst wurden verschiedene Formen von Mobbing, darunter klassisches Mobbing in der Schule sowie Cybermobbing. In der statistischen Auswertung wurden bekannte Einflussfaktoren wie depressive Symptome, familiäre Belastungen und andere Risikoverhalten so weit wie möglich berücksichtigt.
Das Ergebnis ist eindeutig: Mädchen, die Mobbing erleben, berichten deutlich häufiger von Suizidversuchen als Mädchen ohne solche Erfahrungen. Der Zusammenhang bleibt auch dann bestehen, wenn andere psychische Belastungen statistisch herausgerechnet werden. Bei Jungen zeigte sich dieser Effekt zwar ebenfalls, aber weniger stark und weniger konsistent.
Wichtig ist die Einordnung: Es handelt sich um Beobachtungsdaten, nicht um ein Experiment. Die Studie kann daher keinen strengen Ursache-Wirkungs-Beweis liefern. Sie zeigt jedoch robuste statistische Zusammenhänge, die in der öffentlichen Gesundheitsforschung als ernstzunehmende Warnsignale gelten.
Warum gerade Mädchen besonders betroffen sind
Die Studie selbst liefert keine einfache Erklärung, aber sie fügt sich in einen größeren Forschungsstand ein. Sozialwissenschaftliche und psychologische Arbeiten zeigen seit Jahren, dass Mädchen häufiger unter relationellem Mobbing leiden – also unter sozialem Ausschluss, Gerüchten oder gezielten Demütigungen im sozialen Netzwerk. Solche Formen von Gewalt sind weniger sichtbar als körperliche Übergriffe, können aber besonders tief in das Selbstwertgefühl eingreifen.
Hinzu kommt, dass Mädchen im Jugendalter statistisch häufiger über depressive Symptome berichten und stärker dazu neigen, belastende soziale Erfahrungen zu internalisieren. Suizidversuche sind bei Mädchen insgesamt häufiger als bei Jungen, auch wenn Jungen eine höhere Rate vollendeter Suizide aufweisen. Mobbing wirkt hier offenbar als zusätzlicher Verstärker eines ohnehin bestehenden Risikos.
Prävention braucht mehr als Appelle
Aus Sicht der Autorinnen und Autoren unterstreichen die Ergebnisse die Notwendigkeit, Mobbing nicht nur als pädagogisches Problem, sondern als Thema der öffentlichen Gesundheit zu behandeln. Programme zur Suizidprävention, so die Schlussfolgerung, sollten systematisch auch schulische Gewalt und Cybermobbing adressieren – und dabei geschlechtsspezifische Unterschiede berücksichtigen.
Gleichzeitig mahnen die Forschenden zur Vorsicht vor vereinfachten Schuldzuweisungen. Nicht jedes gemobbte Kind entwickelt Suizidgedanken, und nicht jeder Suizidversuch lässt sich auf eine einzelne Ursache zurückführen. Entscheidend sei vielmehr das Zusammenspiel aus individueller Verwundbarkeit, sozialem Umfeld und institutionellen Schutzmechanismen – oder deren Fehlen.
Ein klarer Befund mit politischer Relevanz
Trotz aller methodischen Grenzen liefert die Studie ein starkes Signal: Mobbing ist kein „normales“ Jugendproblem, sondern ein ernstzunehmender Risikofaktor für schwere psychische Krisen. Für Schulen, Schulpsychologie und Bildungspolitik bedeutet das, Prävention und Intervention nicht als Zusatzaufgabe, sondern als zentralen Bestandteil von Gesundheits- und Bildungsgerechtigkeit zu begreifen.
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