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Homeoffice zu zweit: Wie „Always-on“-Technik Beziehungen belastet – und was dagegen hilft
30.1.26, 16:18
Gesellschaft, Digitalisierung, Psychologie

Wenn Arbeit in den Feierabend hineinfunkt
Homeoffice klingt nach Freiheit: kein Pendeln, flexiblere Zeiten, konzentrierteres Arbeiten. Aber diese Freiheit hat einen Haken, der in vielen Wohnungen inzwischen so alltäglich ist, dass man ihn kaum noch bemerkt: das ständige „Ping“. E-Mails, Chats, Kalender-Reminder, Videocalls – Informations- und Kommunikationstechnologien machen Arbeit überall möglich, und genau dadurch auch überall präsent.
Eine neue Studie aus dem Umfeld der UNSW Business School (Australien), veröffentlicht im Journal of the Association for Information Systems, nimmt sich genau dieses Problems an – und zwar in einer Konstellation, die in der Pandemie zur Normalität wurde: Wenn beide Partnerinnen oder Partner gleichzeitig Vollzeit von zu Hause arbeiten.
Was die Forschenden unter „ICT-Permeabilität“ verstehen
Im Zentrum steht ein Fachbegriff, der sperrig klingt, aber ein sehr konkretes Phänomen beschreibt: „ICT permeability“ – also die Durchlässigkeit der Grenze zwischen Arbeit und Privatleben durch digitale Technik. Früher war die Trennlinie oft räumlich: Büro ist Büro, Zuhause ist Zuhause. Im Homeoffice wird daraus eine Verhandlung in Echtzeit: Wer ist gerade wirklich „da“? Wer ist verfügbar – für Kolleginnen und Kollegen, für Kinder, für Partner, für Haushalt, für sich selbst?
Die Studie argumentiert, dass diese ständige Durchlässigkeit kognitive und emotionale Ressourcen anzapft. Und wenn Ressourcen knapp werden, steigt die Wahrscheinlichkeit für Frust – nicht nur innerlich, sondern auch in der Beziehung.
Wie die Studie das gemessen hat – und warum das wichtig ist
Methodisch setzt das Team um Manju Ahuja auf ein Tagebuch-Design über zehn Arbeitstage. 117 Personen, die mit ihren Partnern zusammenlebten und in dieser Phase beide Vollzeit von zuhause arbeiteten, beantworteten an drei Zeitpunkten pro Tag Online-Befragungen. Der Vorteil solcher „in-the-moment“-Daten: Man fragt näher am tatsächlichen Erleben und nicht erst Wochen später, wenn Erinnerung und Selbstbild die Details weichzeichnen.
Ganz wichtig: Das bleibt trotzdem Selbstbericht. Die Studie misst also nicht direkt, wie oft das Smartphone vibrierte, sondern wie stark Menschen die Arbeitsunterbrechungen in der Freizeit wahrnahmen und wie sie darauf emotional reagierten.
Mehr Frust nach der Arbeit – und mehr Konflikte zu Hause
Das zentrale Ergebnis ist ziemlich intuitiv und trotzdem relevant, weil es hier systematisch gezeigt wird: Wenn Arbeit per Technik in die private Zeit hineinragt, steigt die „after-work frustration“ – negative Emotionen nach Feierabend, weil Familienaktivitäten oder persönliche Aufgaben immer wieder von Arbeit unterbrochen werden.
Und dieser Frust bleibt nicht im eigenen Kopf. Er hängt in der Studie auch mit mehr Beziehungskonflikten zusammen. Das passt zu einem simplen psychologischen Mechanismus: Wer versucht, Familienaufgaben zu erledigen, während parallel Arbeitsanforderungen reinrauschen, erlebt häufiger das Gefühl, weder dem einen noch dem anderen gerecht zu werden. Diese Art Zerrissenheit ist ein guter Nährboden für Streit – und für das Gefühl, dass die gemeinsame Zeit eigentlich nie wirklich „gemeinsam“ ist.
Der überraschende Twist: Frust kann kurzfristig die Produktivität steigern
Eine der kontraintuitiven Beobachtungen der Studie: Mehr Frust nach der Arbeit ging kurzfristig mit höherer Arbeitsproduktivität einher. Das ist kein „Frust ist gut“-Narrativ, sondern eher ein Warnsignal dafür, wie Menschen in Stresslagen priorisieren. Wenn Ressourcen knapp sind, kann es sein, dass man sich auf Aufgaben stürzt, bei denen Anerkennung und Erfolg wahrscheinlicher wirken – oft sind das die sichtbaren Job-To-dos. Der Preis ist dann nicht unbedingt sofort im Job messbar, sondern eher im Privatleben.
Das ist die Art Ergebnis, die in Debatten gern missverstanden wird. Es bedeutet nicht, dass man Beziehungen „opfern sollte“, um effizienter zu sein. Es zeigt eher, dass kurzfristige Kennzahlen Produktivität manchmal gerade dann gut aussehen, wenn an anderer Stelle schon etwas erodiert.
Warum Frauen stärker belastet sind
Die Studie findet außerdem eine klare Geschlechterdifferenz: Frauen erlebten stärkere negative Effekte durch technologiebedingte Arbeitseinbrüche in der Familienzeit als Männer. Die Erklärung, die die Forschenden diskutieren, liegt weniger in Biologie als in Rollenrealität: Trotz veränderter Erwerbsarbeit tragen Frauen im Durchschnitt weiterhin mehr Verantwortung für Hausarbeit, Kinderbetreuung und die oft unsichtbare „Beziehungs- und Organisationsarbeit“ – also Mental Load.
Wenn dann Arbeit in genau diese Zeitfenster hineinfunkt, bedeutet das für Frauen statistisch häufiger: Nicht nur „ich werde unterbrochen“, sondern „ich kann das, wofür ich mich verantwortlich fühle, gerade nicht erfüllen“. Das erzeugt psychischen Druck, der sich als Frust und Belastung niederschlagen kann.
Wichtig als Einordnung: Die Studie zeigt Zusammenhänge und stützt ein theoretisches Modell, aber sie kann nicht beweisen, dass digitale Unterbrechungen allein die Ursache sind. Rollenverteilung, Jobanforderungen, Wohnsituation und Kinder im Haushalt spielen vermutlich hinein – und werden in solchen Designs nur teilweise greifbar.
Was wirklich hilft: Planung – am besten gemeinsam
Die ermutigende Nachricht: Die Studie identifiziert Planung als Schutzfaktor. Gemeint ist nicht „noch mehr Selbstoptimierung“, sondern ein sehr konkretes Boundary-Management: Ziele setzen, Prioritäten klären, Zeiten abstecken – und bei Paaren idealerweise synchronisieren.
Wenn beide Partner gemeinsam planen, wann wer welche Meetings hat, wann Konzentrationsphasen nötig sind und wann Haushalt oder Kinderbetreuung anstehen, wird die Grenze zwischen Arbeit und Privatleben nicht automatisch wieder „hart“ – aber sie wird verlässlicher. In den Daten zeigt sich: Bei Menschen mit stärkerem Planungsverhalten war der Zusammenhang zwischen ICT-Durchlässigkeit und Frust schwächer.
Das klingt banal, ist aber in der Praxis oft der Unterschied zwischen „Wir stolpern durch den Tag“ und „Wir haben wenigstens ein gemeinsames Drehbuch“.
Was Unternehmen daraus lernen sollten
Die Studie bleibt nicht beim Individual-Tipp stehen. Sie leitet auch ab, dass Organisationen Verantwortung tragen: durch realistische Erwartungshaltungen an Erreichbarkeit, durch Führungskräftetraining für Remote-Teams und durch Regeln, die Beschäftigten helfen, Grenzen zu setzen, ohne sich dafür rechtfertigen zu müssen.
Ein Beispiel, das im Beitrag diskutiert wird: Nicht dringliche Meetings nach Feierabend oder am Wochenende zu vermeiden und Beschäftigten zu erlauben, private Zeiten sichtbar in Kalendern zu blocken. Solche Maßnahmen sind nicht nur „nett“, sondern können Konflikte zu Hause und damit langfristig auch Fluktuation und Erschöpfung reduzieren.
Grenzen der Aussagekraft – und warum die Ergebnisse trotzdem zählen
Die Daten stammen aus einer Phase, in der viele Menschen unter Pandemiebedingungen arbeiteten: eingeschränkte Ausweichmöglichkeiten, oft zusätzliche Belastung durch Betreuung, teils erhöhte Unsicherheit. Das kann Effekte verstärken. Gleichzeitig ist es genau diese „Extreme Situation“, in der sichtbar wird, was im Normalbetrieb schleichend passieren kann.
Außerdem basiert vieles auf subjektiven Einschätzungen. Das ist in der Arbeits- und Organisationsforschung üblich, aber es bedeutet: Die Studie misst erlebte Durchlässigkeit und erlebten Frust – und gerade diese Wahrnehmung ist für Beziehungen zwar hochrelevant, aber nicht identisch mit objektiver Unterbrechungshäufigkeit.
Unterm Strich liefert die Arbeit dennoch einen wichtigen Punkt für die Remote-Work-Debatte: Homeoffice ist nicht nur eine Frage von Produktivität und Büromiete. Es ist auch Beziehungspolitik im Kleinen – verhandelt über Kalender, Benachrichtigungen und die unsichtbare Frage, wer „zuständig“ ist, wenn Arbeit und Leben gleichzeitig klingeln.
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