Wissenschaftliche Meldungen
Wenn nicht die Besten gewinnen, sondern die Gruppe klüger wird
2.2.26, 17:29
Soziologie, Psychologie

Kollektive Intelligenz ist mehr als die Summe kluger Köpfe
Ob in Unternehmen, politischen Gremien oder wissenschaftlichen Teams: Oft gilt die unausgesprochene Annahme, dass Gruppen dann besonders gute Entscheidungen treffen, wenn sich die kompetentesten Mitglieder durchsetzen. Expertise wird belohnt, individuelle Höchstleistung hervorgehoben. Doch genau dieses Prinzip kann kollektive Problemlösung schwächen. Das zeigt eine neue sozialwissenschaftlich-mathematische Studie, die untersucht hat, wie Anreizsysteme das Verhalten von Gruppen beeinflussen – und damit deren Fähigkeit, gemeinsam komplexe Probleme zu lösen.
Die Forschenden analysierten Situationen, in denen kein einzelnes Gruppenmitglied das gesamte Problem überblicken kann. Solche Konstellationen sind typisch für reale Entscheidungsprozesse: etwa bei wirtschaftlichen Prognosen, politischen Entscheidungen oder der Einschätzung gesellschaftlicher Risiken. Die zentrale Frage lautete, wie individuelle Beiträge so organisiert und belohnt werden können, dass am Ende eine möglichst präzise Gruppenlösung entsteht.
Warum klassische Expertenmodelle scheitern können
Im Kern der Untersuchung steht ein theoretisches Modell kollektiver Vorhersagen. Jedes Gruppenmitglied liefert dabei eine Einschätzung zu einem Teilaspekt eines komplexen Problems. Diese Einzelbeiträge werden anschließend zu einer Gesamtprognose zusammengeführt. Entscheidend ist jedoch nicht nur, was die Einzelnen beitragen, sondern warum sie es tun – also welche Anreize ihr Verhalten steuern.
Ein gängiges Belohnungssystem besteht darin, jene Personen zu honorieren, deren individuelle Vorhersagen am genauesten sind. Intuitiv erscheint das sinnvoll: Wer recht hat, bekommt Anerkennung. Im Modell zeigte sich jedoch ein gegenteiliger Effekt. Wenn individuelle Genauigkeit im Vordergrund steht, neigen Gruppenmitglieder dazu, sich an den vermeintlich besten Expertinnen und Experten zu orientieren. Die Folge ist eine Angleichung der Perspektiven. Unterschiedliche Informationen, alternative Einschätzungen und kreative Abweichungen gehen verloren.
Gerade diese Vielfalt ist jedoch ein zentraler Baustein kollektiver Intelligenz. Ohne sie wird die Gruppe anfällig für Fehlannahmen, insbesondere dann, wenn sich Rahmenbedingungen ändern oder neue Informationen hinzukommen. Die Gruppe wirkt dann geschlossen, ist aber weniger lernfähig.
Belohnung für Vielfalt – mit begrenzter Stabilität
Ein zweiter Ansatz versuchte, dieses Problem zu umgehen, indem gezielt solche Personen belohnt wurden, die besonders genaue Vorhersagen zu selten beachteten Teilaspekten lieferten. Dieses Modell stärkte zunächst die Vielfalt innerhalb der Gruppe. Allerdings erwies sich das System als instabil. Sobald sich das zugrunde liegende Problem veränderte oder einzelne Faktoren wichtiger wurden, brach der Vorteil schnell wieder zusammen. Die Gruppe reagierte empfindlich auf Dynamik und Unsicherheit.
Der entscheidende Unterschied: Belohnung für Gruppenverbesserung
Am überzeugendsten schnitt ein dritter Ansatz ab. Hier wurden nicht individuelle Trefferquoten belohnt, sondern Beiträge, die die Gesamtleistung der Gruppe verbesserten. Entscheidend war also nicht, ob eine einzelne Person besonders genau lag, sondern ob ihr Beitrag dazu beitrug, dass die gemeinsame Vorhersage präziser wurde.
Dieses Anreizsystem förderte genau jene Eigenschaften, die kollektive Intelligenz ausmachen: unterschiedliche Perspektiven, komplementäres Wissen und die Bereitschaft, auch unpopuläre oder ungewöhnliche Einschätzungen einzubringen. Die Gruppe blieb vielfältig, anpassungsfähig und insgesamt robuster gegenüber Veränderungen.
Bedeutung für Organisationen, Politik und Wissenschaft
Die Ergebnisse haben weitreichende Konsequenzen für reale Entscheidungsprozesse. In Unternehmen könnten Anreizsysteme, die ausschließlich individuelle Leistung messen, ungewollt kollektives Lernen behindern. In politischen Gremien kann eine Fixierung auf einzelne „starke Stimmen“ dazu führen, dass relevante Minderheitenpositionen untergehen. Und auch in der Wissenschaft stellt sich die Frage, wie Beiträge gewürdigt werden, die weniger durch spektakuläre Einzelergebnisse auffallen, aber entscheidend zum gemeinsamen Erkenntnisgewinn beitragen.
Die Studie macht deutlich: Gute Gruppenentscheidungen entstehen nicht automatisch aus hoher individueller Kompetenz. Sie hängen entscheidend davon ab, wie Beiträge bewertet und belohnt werden. Kollektive Intelligenz ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis sozialer Strukturen.
Einordnung: Weniger Ego, mehr Systemdenken
Die Arbeit reiht sich in eine wachsende Forschung ein, die zeigt, dass soziale und institutionelle Rahmenbedingungen maßgeblich bestimmen, wie gut Gruppen funktionieren. Sie widerspricht der verbreiteten Vorstellung, dass kollektive Intelligenz vor allem eine Frage der richtigen Personen sei. Stattdessen rückt sie das System in den Mittelpunkt: Regeln, Anreize und Bewertungskriterien.
Die zentrale Botschaft lautet daher nicht, dass Expertise unwichtig wäre. Sondern dass sie allein nicht genügt. Gruppen werden dann besonders klug, wenn ihre Strukturen Vielfalt ermöglichen, Abweichungen zulassen und Beiträge danach bewerten, wie sehr sie dem gemeinsamen Ziel dienen – nicht dem individuellen Ruhm.
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