Wissenschaftliche Meldungen
Gedächtnisverlust bei Alzheimer: Das Gehirn spielt Erinnerungen ab – aber chaotisch
4.2.26, 14:31
Medizin, Neurowissenschaft

Alzheimer: Wenn das Gehirn Erinnerungen „nachspielt“ – aber in falscher Reihenfolge
Wenn wir etwas erleben, speichert das Gehirn diese Erfahrung nicht sofort dauerhaft ab. Ein wichtiger Schritt passiert oft erst danach: In Ruhephasen spielt der Hippocampus – ein zentrales Gedächtnisareal – kürzlich Erlebtes in schnellen Aktivitätsfolgen noch einmal durch. Genau dieses „Replay“ gilt als ein Mechanismus, mit dem Erinnerungen stabilisiert werden. Eine neue Studie zeigt nun in einem Mausmodell mit Alzheimer-typischer Amyloid-Pathologie: Das Gehirn hört offenbar nicht auf, diesen Prozess zu starten – aber die Signale sind durcheinander. Und genau dieses Durcheinander könnte erklären, warum Gedächtnis und Orientierung so früh kippen.
Was im gesunden Gehirn passiert: Ortszellen als inneres Navigationsprotokoll
Im Hippocampus gibt es sogenannte Ortszellen (Place Cells). Sie feuern, wenn sich ein Tier an einem bestimmten Ort befindet. Bewegt sich die Maus durch eine Umgebung, entsteht dadurch eine Art neuronale „Route“: Ortszellen aktivieren sich in einer charakteristischen Reihenfolge. In Ruhephasen tauchen diese Sequenzen normalerweise erneut auf – komprimiert und beschleunigt. Diese Wiederholungen gelten als Teil der Gedächtniskonsolidierung: Das Erlebte wird im Nervennetz „festgezurrt“, damit es später abrufbar bleibt.
Das Experiment: Mäuse im Labyrinth, während einzelne Nervenzellen live mitlaufen
Das Team ließ Mäuse eine einfache Labyrinth-Aufgabe absolvieren und zeichnete parallel die Aktivität von rund 100 einzelnen Ortszellen gleichzeitig auf. So konnten die Forschenden direkt vergleichen, wie die Sequenzen beim Erkunden aussehen – und wie sie in anschließenden Ruhephasen wieder auftauchen. Entscheidend: Untersucht wurden neben gesunden Tieren auch Mäuse, die Amyloid-Plaques entwickeln, also ein verbreitetes Modell für frühe Alzheimer-ähnliche Veränderungen.
Das Ergebnis: Replay findet statt – aber „verhaspelt“ sich
In den Alzheimer-ähnlichen Mäusen traten Replay-Ereignisse ungefähr genauso häufig auf wie in gesunden Tieren. Der Unterschied lag in der Struktur: Statt sauberer, geordneter Sequenzen zeigte sich ein unkoordiniertes Muster. Das klingt abstrakt, hat aber eine klare Bedeutung: Wenn die zeitliche Choreografie nicht stimmt, kann das Replay seinen Job – nämlich Stabilisierung – womöglich nicht mehr leisten.
Parallel dazu beobachtete das Team, dass Ortszellen in den betroffenen Mäusen instabiler wurden. Zellen, die zuvor zuverlässig für bestimmte Orte standen, verloren nach Ruhephasen eher diese Zuordnung. Aus Sicht des Gehirns wäre das, als würde ein innerer Stadtplan nach dem „Speichern“ plötzlich seine Legende wechseln.
Was das im Verhalten bedeutet: Schlechtere Orientierung, mehr „Schon-dagewesen“-Fehler
Die neuronale Unordnung blieb nicht im Messgerät stecken: In den Aufgaben schnitten die Alzheimer-ähnlichen Mäuse schlechter ab. Sie liefen häufiger Wege erneut ab, als könnten sie sich nicht gut merken, wo sie bereits waren. Das passt zu einem klassischen frühen Symptom bei Alzheimer: Orientierung wird schwieriger, selbst in vertrauter Umgebung.
Einordnung: Vielversprechender Mechanismus – aber noch kein direkter Beweis für den Menschen
Die Studie liefert einen plausiblen Kandidatenmechanismus: Gedächtnisverlust könnte nicht nur daher kommen, dass das Gehirn weniger „Replay“ macht, sondern dass es beim Nachspielen die Ordnung verliert. Wichtig ist aber die Einschränkung: Es handelt sich um ein Mausmodell, das nur einen Teil der Alzheimer-Biologie abbildet. Beim Menschen spielen zusätzlich Tau-Pathologie, Entzündung, Gefäßfaktoren und viele weitere Prozesse zusammen. Die Arbeit zeigt also keinen fertigen Therapiehebel – aber sie markiert eine konkrete Störung auf Ebene einzelner Nervenzellen, die sich experimentell weiterverfolgen lässt.
Ausblick: Kann man das Replay wieder „sortieren“?
Die Forschenden verweisen darauf, dass sie als nächsten Schritt prüfen wollen, ob sich dieser Prozess über den Neurotransmitter Acetylcholin beeinflussen lässt – ein Botenstoffsystem, das bereits bei heutigen Alzheimer-Symptomtherapien eine Rolle spielt. Die Hoffnung wäre: Wenn man die Koordination des Replays verbessert, könnten Erinnerungen besser stabilisiert werden – oder man könnte die Störung als sehr frühes Warnsignal nutzen, bevor im Gehirn irreversible Schäden dominieren.
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