Wissenschaftliche Meldungen
512 Mio. Jahre alte Ur-Ozeane: Fossilien enthüllen Leben nach dem ersten großen Artensterben
29.1.26, 14:46
Archäologie, Paläontologie

Neue fossile Fundstätte in China beleuchtet frühes Massensterben und Erholung des Lebens
Im Südosten Chinas haben Forschende eine außergewöhnliche Fossilienfundstätte entdeckt, die einen bislang kaum dokumentierten Abschnitt der frühen Erdgeschichte sichtbar macht. Die Funde erlauben einen seltenen Blick auf marine Ökosysteme kurz nach dem vermutlich ersten großen Massenaussterben der Tierwelt. Die Entdeckung beruht auf einer kürzlich veröffentlichten wissenschaftlichen Studie und gilt schon jetzt als Meilenstein der Paläontologie.
Ein Fenster in eine verlorene Welt
Die Fundstelle liegt in der heutigen Provinz Hunan und wurde zufällig bei Bauarbeiten entdeckt. In Sedimenten aus dem frühen Kambrium, rund 512 Millionen Jahre alt, fanden Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eine enorme Menge hervorragend erhaltener Fossilien. Insgesamt wurden mehr als 50 000 Exemplare geborgen, von denen bislang mehrere Tausend detailliert untersucht wurden.
Die sogenannte Huayuan-Biota umfasst 153 Tierarten aus 16 großen Tiergruppen. Besonders bemerkenswert ist, dass rund 60 Prozent dieser Arten der Wissenschaft bislang unbekannt waren. Neben Schwämmen und einfachen wurmähnlichen Organismen finden sich frühe Vertreter komplexerer Tiergruppen, darunter frühe Verwandte der Arthropoden, zu denen heute Insekten, Spinnen und Krebstiere zählen.
Leben nach dem ersten großen Einschnitt
Zeitlich fällt die Huayuan-Biota unmittelbar in die Phase nach dem sogenannten Sinsk-Event, einem frühen Massenaussterben vor etwa 513 Millionen Jahren. Dieses Ereignis wird mit starkem Vulkanismus, raschen Klimaveränderungen und Sauerstoffmangel in den Ozeanen in Verbindung gebracht. Schätzungen zufolge verschwanden damals bis zu die Hälfte aller marinen Tierarten.
Bislang war kaum bekannt, wie sich das Leben unmittelbar nach dieser Krise entwickelte. Viele Fossilienlagerstätten zeigen entweder die Zeit vor dem Ereignis oder deutlich spätere Phasen. Der neue Fund schließt diese Lücke und dokumentiert, dass sich komplexe Lebensgemeinschaften offenbar schneller erholten, als lange angenommen wurde.
Außergewöhnliche Erhaltung mit wissenschaftlichem Mehrwert
Besonders wertvoll ist die Art der Fossilerhaltung. Nicht nur harte Strukturen wie Schalen oder Panzer sind überliefert, sondern auch Weichgewebe: innere Organe, Kiemen, Muskelstrukturen und teilweise sogar Nervenbahnen. Solche Details sind extrem selten und ermöglichen Rückschlüsse auf Lebensweise, Ernährung und ökologische Beziehungen der Tiere.
Die Fundstelle gehört damit zu den sogenannten Burgess-Shale-artigen Lagerstätten, die weltweit nur sehr selten vorkommen, aber ein nahezu vollständiges Bild früher Ökosysteme liefern.
Tiefe Meere als Zufluchtsorte des Lebens
Ein zentrales Ergebnis der Studie ist die Erkenntnis, dass das Massenaussterben offenbar regional sehr unterschiedlich wirkte. Während flache Meeresbereiche stark betroffen waren, scheinen tiefere Zonen deutlich weniger Schaden genommen zu haben. Die Huayuan-Biota repräsentiert ein solches tieferes Ökosystem, das vermutlich als Refugium fungierte, in dem sich biologische Vielfalt erhalten und anschließend wieder ausbreiten konnte.
Interessant ist zudem, dass einige Arten auffällige Ähnlichkeiten mit Fossilien aus anderen Teilen der Welt zeigen. Das deutet darauf hin, dass sich bereits vor über 500 Millionen Jahren Tierlarven über große Distanzen durch Meeresströmungen verbreiten konnten – ein Hinweis auf frühe globale Vernetzung mariner Lebensräume.
Warum dieser Fund heute relevant ist
Die Huayuan-Biota liefert nicht nur neue Arten für Stammbäume der Evolution, sondern auch grundlegende Einsichten in die Resilienz des Lebens. Sie zeigt, dass selbst nach massiven Umweltkrisen komplexe Ökosysteme entstehen können – allerdings unter spezifischen Bedingungen und nicht gleichmäßig verteilt.
Für die moderne Wissenschaft ist das mehr als historische Neugier: Das Verständnis, wie Leben in der Vergangenheit auf extreme Umweltveränderungen reagierte, liefert wichtige Vergleichsmaßstäbe für heutige Biodiversitätskrisen. Gleichzeitig mahnen die Forschenden zur Vorsicht bei direkten Analogien – die damaligen Ozeane unterschieden sich stark von den heutigen, und viele Details der Prozesse bleiben noch unsicher.
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