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Nankai-Senke: Warum Japans neues Erdbeben-Szenario so drastisch ausfällt
22.1.26, 10:22
Klima & Umwelt, Geowissenschaften

Wenn die Nankai-Senke bricht: Japans Regierung rechnet im Worst Case mit fast 300.000 Toten
Japan hat seine Katastrophenszenarien für ein sogenanntes „Megabeben“ entlang der Nankai-Senke aktualisiert – einer rund 900 Kilometer langen Subduktionszone vor der Pazifikküste. Dort verhaken sich tektonische Platten über lange Zeiträume, bis sich die aufgestaute Spannung schlagartig entlädt. Die neue Abschätzung der japanischen Regierung fällt drastisch aus: In einem ungünstigen Worst-Case-Szenario könnten bis zu rund 298.000 Menschen sterben. Die Hauptursachen wären Tsunamis, einstürzende Gebäude und großflächige Brände. Gleichzeitig rechnen die Behörden mit enormen wirtschaftlichen Schäden, die sich – je nach Annahme – auf umgerechnet mehrere Hundert Billionen Yen belaufen könnten, also einen erheblichen Teil der jährlichen Wirtschaftsleistung Japans.
Warum ausgerechnet diese Region als besonders gefährlich gilt
Die Nankai-Senke ist eine klassische Subduktionszone, an der eine ozeanische Platte unter eine andere abtaucht. Solche Zonen sind weltweit für die stärksten bekannten Erdbeben verantwortlich. In Japan ist diese Region besonders gut erforscht, weil dort über Jahrhunderte hinweg immer wieder sehr große Beben dokumentiert wurden. Typisch sind sogenannte Megathrust-Erdbeben mit Magnituden von 8 oder mehr. Sie verursachen nicht nur extremes Bodenschütteln, sondern können auch große Tsunamis auslösen, wenn sich der Meeresboden ruckartig hebt oder senkt.
Wichtig ist dabei: Die Szenarien stellen keine konkrete Vorhersage dar. Die Seismologie kann bis heute nicht sagen, wann genau ein solches Beben auftreten wird. Stattdessen arbeiten Forschende mit Wahrscheinlichkeiten über lange Zeiträume. Für die Nankai-Zone gelten diese Wahrscheinlichkeiten seit Jahren als erhöht, was sie zu einem zentralen Fokus der japanischen Katastrophenvorsorge macht.
Tsunamis als größte Gefahr für Menschenleben
Auffällig an den neuen Modellrechnungen ist der hohe Anteil der Tsunami-Opfer an der Gesamtzahl der Todesfälle. In vielen Szenarien entsteht der größte Schaden nicht durch das Erdbeben selbst, sondern durch die Flutwellen, die wenige Minuten später auf die Küsten treffen können. Die Modelle zeigen außerdem, wie stark menschliches Verhalten die Folgen beeinflusst: Wenn ein großer Teil der Bevölkerung nach dem Beben sofort in höher gelegenes Gelände oder in speziell ausgewiesene Schutzgebäude flieht, sinkt die Zahl der Todesopfer deutlich. Zögern, Unklarheit oder fehlende Fluchtmöglichkeiten treiben die Zahlen dagegen drastisch nach oben.
Weniger Tote, aber höhere Kosten – ein scheinbarer Widerspruch
Im Vergleich zu älteren Regierungsabschätzungen sind die maximal angenommenen Opferzahlen in manchen Punkten gesunken. Das führen die Verantwortlichen auf bessere Bauvorschriften, erdbebensichere Gebäude, verbesserte Frühwarnsysteme und umfangreiche Schutzmaßnahmen entlang der Küsten zurück. Gleichzeitig sind die prognostizierten wirtschaftlichen Schäden gestiegen. Dieser scheinbare Widerspruch erklärt sich dadurch, dass heutige Berechnungen deutlich detaillierter sind und die Wertdichte moderner Infrastruktur höher liegt. Zudem spielen Inflation und die zunehmende Konzentration von Industrie, Verkehr und Energieversorgung in gefährdeten Regionen eine Rolle.
Worst Case heißt nicht „das wahrscheinlichste Szenario“
Die von der Regierung veröffentlichten Zahlen beschreiben bewusst ein ungünstiges Extrem. Sie kombinieren starke Erdstöße mit ungünstigen Rahmenbedingungen wie Tageszeit, Jahreszeit oder Wetterlage. Ein Beben an einem Winterabend etwa würde Evakuierungen erschweren, die Brandgefahr erhöhen und Rettungsarbeiten verzögern. Solche Annahmen dienen nicht dazu, Panik zu erzeugen, sondern um sichtbar zu machen, wo Schutzmaßnahmen an ihre Grenzen stoßen könnten.
Vorbereitung als entscheidender Faktor
Aus Sicht der Katastrophenforschung ist die zentrale Botschaft dieser Szenarien klar: Die Schwere der Folgen hängt nicht allein von der Naturgewalt ab. Mindestens ebenso entscheidend sind Vorbereitung, Infrastruktur und eingeübtes Verhalten. Klare Evakuierungswege, verständliche Warnsysteme, regelmäßig trainierte Abläufe und gut erreichbare Schutzräume können in den ersten Minuten und Stunden nach einem Beben über Leben und Tod entscheiden. Die drastischen Zahlen sollen deshalb vor allem politischen und gesellschaftlichen Druck erzeugen, Vorsorge nicht als optionalen Luxus zu behandeln, sondern als dauerhafte Notwendigkeit in einem der erdbebengefährdetsten Länder der Welt.
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