Wissenschaftliche Meldungen
Wie misst man Freude bei Tieren? Ein Blick in den neuen Ansatz der Tieremotionsforschung
23.1.26, 16:51
Biologie

Warum die Wissenschaft sich lange vor tierischer Freude scheute
Dass Tiere Angst, Stress oder Schmerz empfinden können, gilt in der Forschung seit Langem als gut belegt. Entsprechend existieren zahlreiche etablierte Messverfahren, um negative Zustände zu erfassen: Stresshormone, Fluchtreaktionen oder Vermeidungsverhalten lassen sich vergleichsweise zuverlässig quantifizieren. Ganz anders sieht es bei positiven Emotionen aus. Freude, Begeisterung oder Spieltrieb galten lange als zu subjektiv, zu flüchtig und zu stark vom menschlichen Erleben geprägt, um sie wissenschaftlich sauber zu untersuchen.
Diese Zurückhaltung hatte auch methodische Gründe. Die Angst vor Anthropomorphismus – also der unzulässigen Übertragung menschlicher Gefühle auf Tiere – führte dazu, dass positive Emotionen im Vergleich zu negativen systematisch untererforscht blieben. Doch genau diese Lücke rückt nun zunehmend in den Fokus der Verhaltensforschung.
Ein neuer Versuch, Freude wissenschaftlich zu fassen
Ein interdisziplinäres Forschungsteam um die kognitive Wissenschaftlerin Erica Cartmill von der Indiana University Bloomington will das ändern. Ihr Ziel ist es, positive Emotionen bei Tieren nicht nur zu vermuten, sondern mithilfe klar definierter Kriterien messbar zu machen. Der umgangssprachlich geprägte Begriff eines „Joy-O-Meters“ steht dabei weniger für ein einzelnes Messgerät als für einen ganzen Werkzeugkasten aus Beobachtungs-, Verhaltens- und Physiologieparametern.
Entscheidend ist zunächst die Definition. In dem Forschungsansatz wird Freude als ein kurzzeitiger, intensiver, positiver emotionaler Zustand verstanden, der durch ein konkretes Ereignis ausgelöst wird. Dazu zählen etwa das Wiedersehen mit vertrauten Artgenossen, spielerische Interaktionen oder der Zugang zu besonders begehrter Nahrung. Diese Eingrenzung ist bewusst gewählt: Je klarer der Auslöser, desto besser lassen sich Ursache und Reaktion voneinander trennen.
Verhalten statt Gefühl – ein bewusster Perspektivwechsel
Da Tiere ihre Emotionen nicht sprachlich mitteilen können, konzentriert sich die Forschung auf indirekte Indikatoren. Beobachtet werden zum Beispiel spezifische Lautäußerungen, veränderte Körperhaltungen, Spielverhalten oder physiologische Reaktionen wie Herzfrequenz und Hormonspiegel. Wichtig ist dabei, dass nicht einzelne Signale isoliert betrachtet werden, sondern Muster, die in wiederkehrenden Situationen auftreten.
Ein oft zitiertes Beispiel stammt aus der Nagetierforschung: Ratten geben beim spielerischen Raufen ultraschallartige Laute von sich, die für das menschliche Ohr nicht hörbar sind. In Kombination mit ihrem Verhalten deuten diese Laute auf einen positiven emotionalen Zustand hin. Die Forschung vermeidet es jedoch bewusst, dies vorschnell als „Lachen“ zu bezeichnen. Stattdessen spricht sie von verhaltensbiologischen Korrelaten positiver Affekte – ein sprachlich nüchterner, aber wissenschaftlich präziser Ansatz.
Artunterschiede als zentrales Problem
Eine der größten Herausforderungen liegt in der Vergleichbarkeit. Freude äußert sich bei Delfinen, Vögeln oder Menschenaffen auf sehr unterschiedliche Weise. Während bei einigen Arten Spiel und soziale Nähe im Vordergrund stehen, reagieren andere stärker auf sensorische Reize oder Nahrung. Ein universeller Indikator für Freude ist daher kaum realistisch.
Die Forschenden gehen deshalb davon aus, dass es zwar übergreifende Prinzipien geben könnte, die konkrete Ausgestaltung jedoch artspezifisch bleiben muss. Das macht die Entwicklung standardisierter Messverfahren aufwendig – erhöht aber zugleich ihre Aussagekraft, wenn sie sorgfältig umgesetzt werden.
Warum positive Emotionen mehr sind als ein Luxusproblem
Die Bedeutung dieser Forschung reicht weit über akademische Neugier hinaus. Wenn Tierwohl ausschließlich über die Abwesenheit von Leid definiert wird, bleibt ein zentraler Aspekt unbeachtet: die Frage, ob Tiere auch die Möglichkeit haben, positive Zustände zu erleben. Messbare Kriterien für Freude könnten künftig helfen, Haltungsbedingungen, Zoogestaltung oder Schutzprogramme nicht nur weniger schädlich, sondern aktiv förderlich zu gestalten.
Darüber hinaus berührt das Thema grundlegende Fragen zur Evolution von Emotionen und Bewusstsein. Wenn Freude bei unterschiedlichen Tierarten nachweisbare, funktionale Rollen spielt – etwa für Lernen, soziale Bindung oder Motivation –, spricht das dafür, dass positive Emotionen kein menschliches Alleinstellungsmerkmal sind, sondern tief in der biologischen Entwicklung verankert liegen.
Einordnung: Fortschritt mit Vorsicht
Trotz aller Ambitionen bleibt die Forschung vorsichtig. Niemand behauptet, dass sich subjektives Erleben direkt messen ließe. Was erfasst wird, sind beobachtbare Reaktionen, die mit positiven Zuständen zusammenhängen könnten. Ob und wie stark diese Reaktionen dem inneren Erleben entsprechen, bleibt eine offene Frage.
Gerade diese Transparenz im Umgang mit Unsicherheiten macht den Ansatz wissenschaftlich solide. Statt schnelle Antworten zu liefern, schafft die Forschung eine Grundlage, auf der künftige Studien aufbauen können. Freude bei Tieren wird damit nicht romantisiert, sondern Schritt für Schritt aus dem Bereich der Vermutung in den der überprüfbaren Wissenschaft überführt.
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