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Klimaforschung: Erwärmungsrate der Erde könnte sich im letzten Jahrzehnt fast verdoppelt haben
13.3.26, 10:35
Klima & Umwelt, Geowissenschaften

Die Kernaussage der Studie
Eine neue Arbeit in Geophysical Research Letters kommt zu dem Ergebnis, dass sich die globale Erwärmung seit etwa 2013 bis 2015 statistisch signifikant beschleunigt hat. Nach Bereinigung der globalen Temperaturreihen um kurzfristige natürliche Schwankungen wie El Niño, Vulkanausbrüche und Änderungen der Sonnenaktivität schätzen die Autoren die jüngste Erwärmungsrate auf rund 0,34 bis 0,42 Grad Celsius pro Dekade, je nach Datensatz. Zum Vergleich: Für die Jahrzehnte seit den 1970er Jahren lag die langfristige Rate zuvor grob bei knapp 0,2 Grad pro Dekade.
Die Studie stützt sich dabei nicht auf nur eine Messreihe, sondern auf fünf etablierte globale Temperaturdatensätze: NASA, NOAA, HadCRU, Berkeley Earth und ERA5. Dass alle fünf Datensätze nach der statistischen Bereinigung ein ähnliches Muster zeigen, ist ein zentrales Argument der Autoren. In den Rohdaten allein erreicht der Beschleunigungstest laut Studie hingegen nicht die 95-Prozent-Schwelle; erst in den um natürliche Variabilität bereinigten Reihen wird die Beschleunigung mit hoher statistischer Sicherheit sichtbar.
Was an der Methode neu oder wichtig ist
Die Autoren aktualisieren einen älteren Ansatz aus ihrer früheren Forschung und verwenden diesmal ein allgemeineres additives Modell statt einer einfachen linearen Trendannahme. Vereinfacht gesagt versuchen sie, den langfristigen Erwärmungstrend von kurzfristigem „Wetterrauschen“ zu trennen. Dafür modellieren sie den Einfluss von ENSO, also El Niño und La Niña, von Vulkanismus und von solarer Variabilität und ziehen diese Effekte statistisch aus den Temperaturdaten heraus. Anschließend testen sie mit mehreren Verfahren, ob der verbleibende Trend seit 1970 besser durch eine konstante Erwärmung oder durch eine Erwärmung mit Knick beziehungsweise Beschleunigung beschrieben wird.
Ein wichtiger Fachbegriff ist hier die Changepoint-Analyse. Dabei wird geprüft, ob es einen Zeitpunkt gibt, ab dem sich die Steigung einer Zeitreihe messbar ändert. In dieser Studie liegt dieser Zeitpunkt je nach Datensatz meist im Jahr 2013 oder 2014. Das ist deshalb relevant, weil damit nicht nur gesagt wird, dass die Erde wärmer wird, sondern dass die Geschwindigkeit des Anstiegs selbst höher geworden sein könnte.
Wie robust das Ergebnis ist
Nach Angaben der Autoren bestätigen zwei unterschiedliche Testansätze die Beschleunigung: ein quadratisches Trendmodell und ein stückweise lineares Modell mit einem Steigungswechsel. Für die bereinigten Daten erreicht der Nachweis laut Studie für alle fünf Datensätze mehr als 98 Prozent Konfidenz; beim Modell mit Changepoint sogar über 99 Prozent. Die geschätzten aktuellen Raten liegen beim Changepoint-Modell für NASA und NOAA bei 0,36 Grad pro Dekade, für HadCRU bei 0,34, für Berkeley Earth bei 0,36 und für ERA5 bei 0,42 Grad pro Dekade.
Die Abbildungen der Arbeit zeigen außerdem, dass die Temperaturspitzen starker El-Niño-Jahre nach der Bereinigung deutlich kleiner ausfallen. Genau das soll belegen, dass kurzfristige natürliche Ausschläge den Blick auf den anthropogenen Langfristtrend teilweise verdecken. Zugleich betonen die Autoren selbst, dass diese Bereinigung nur eine empirische Annäherung ist und nicht perfekt sein muss.
Was das für das 1,5-Grad-Ziel bedeutet
Aus dem stückweise linearen Modell leiten die Autoren ab, dass die globale Temperatur, falls die jüngste Rate anhalten sollte, sehr bald die Schwelle von 1,5 Grad im Sinne ihres verwendeten Maßstabs überschreiten würde. In ihrer Tabelle ergeben sich dafür je nach Datensatz Zeitpunkte zwischen 2026 und 2029. Die AGU-Mitteilung formuliert daraus die Zuspitzung, dass ein langfristiges Überschreiten der 1,5-Grad-Marke noch vor 2030 möglich wäre.
Diese Aussage braucht allerdings Einordnung. Das Pariser 1,5-Grad-Ziel bezieht sich nicht auf ein einzelnes außergewöhnlich warmes Jahr, sondern auf einen längerfristigen Klimamittelwert. Die Autoren verwenden hierfür eine Näherung, bei der der Zeitpunkt des Modellüberschreitens als Mittelpunkt eines 20-Jahres-Fensters interpretiert wird. Damit handelt es sich nicht um eine direkte Messung eines bereits dauerhaft überschrittenen Grenzwerts, sondern um eine modellbasierte Projektion unter der Annahme, dass die jüngste Erwärmungsrate bestehen bleibt.
Einordnung in den bisherigen Forschungsstand
Die Frage, ob sich die Erwärmung beschleunigt, wird seit Jahren diskutiert. Schon frühere Arbeiten zeigten, dass der Nachweis in den Rohdaten schwierig ist, weil interne Klimaschwankungen die Trends über kürzere Zeiträume stark überlagern können. Die neue Studie unterscheidet sich vor allem dadurch, dass sie diese natürlichen Schwankungen explizit herausrechnet und danach einen signifikanten Beschleunigungseffekt findet. Damit verschiebt sich die Aussage von „in den Rohdaten schwer erkennbar“ zu „im bereinigten anthropogenen Signal statistisch nachweisbar“.
Gleichzeitig liegt die Studie nicht völlig quer zum breiteren Forschungsstand. Carbon Brief verweist darauf, dass mehrere Forschende die beobachtete Entwicklung grundsätzlich mit Modellerwartungen vereinbar finden, insbesondere in Szenarien, in denen Treibhausgasemissionen weiter hoch bleiben und kühlende Schwefelaerosole zurückgehen. Auch andere Kenngrößen des Erdsystems wie Ozeanwärmeinhalt und Energieungleichgewicht der Erde deuten auf eine fortgesetzte Aufheizung hin.
Wo die Unsicherheiten liegen
Der wichtigste Unsicherheitsfaktor liegt in der statistischen Bereinigung selbst. Die Autoren schreiben ausdrücklich, dass die Entfernung von El Niño-, Vulkan- und Solarsignalen empirisch basiert und nur näherungsweise gelingt. Als konkretes Beispiel nennen sie, dass der Einfluss von El Niño auf die außergewöhnlich warmen Jahre 2023 und 2024 möglicherweise nicht vollständig entfernt wurde. Genau daran knüpft auch externe Kritik an: Fachleute weisen darauf hin, dass das Herausrechnen von El-Niño-Effekten methodisch heikel ist und unterschiedliche Ansätze zu unterschiedlichen Ergebnissen führen können.
Hinzu kommt ein begriffliches Problem. Einige Forschende halten den Ausdruck „Beschleunigung“ für mathematisch und kommunikativ heikel, weil er leicht so verstanden werden kann, als müsse sich die Erwärmung nun immer weiter steigern. Piers Forster sprach deshalb lieber von „beispiellosen Erwärmungsraten“, was inhaltlich ähnlich, aber vorsichtiger formuliert sei.
Michael Mann äußerte sogar, es gebe keine belastbare Evidenz für eine Beschleunigung der Erwärmungsrate in den vergangenen zehn Jahren, während Zeke Hausfather skeptisch ist, ob man aus den Daten bereits sicher auf 0,35 Grad pro Dekade als „forced response“ schließen kann.
Korrelation, Kausalität und mögliche Ursachen
Die Studie selbst ist eine statistische Datenanalyse und untersucht nicht direkt die physikalischen Ursachen des möglichen Beschleunigungssignals. Die Autoren schreiben ausdrücklich, dass sie sich auf die Frage konzentrieren, ob die Beschleunigung in den Beobachtungsdaten nachweisbar ist, nicht darauf, wodurch sie verursacht wird. Kausal lässt sich aus dieser Arbeit daher nur begrenzt ableiten, warum der Trend steiler geworden sein könnte.
Als plausible Erklärung wird in der begleitenden Debatte unter anderem der Rückgang kühlender Aerosole genannt, insbesondere von Schwefeldioxid, das einen Teil der Erwärmung bislang maskiert hat. Das ist konsistent mit Modellrechnungen, bleibt in dieser konkreten Studie aber eher Einordnung als direkt getestete Hauptthese. Gesichert zeigt die Arbeit also vor allem ein statistisches Muster in bereinigten Temperaturreihen; die physikalische Ursachenzuschreibung muss auf breitere Evidenz gestützt werden.
Studiendesign, Datenbasis und Limitationen
Beim Studiendesign handelt es sich um eine Beobachtungs- und Statistikarbeit, nicht um ein Experiment. Verwendet wurden globale Temperaturdatensätze seit 1880, wobei das Anpassungsmodell auf Daten von 1950 bis 2024 kalibriert wurde; für ERA5 reicht die Reihe nur bis 1940 zurück. Die Autoren korrigieren Standardfehler für Autokorrelation und verwenden für zentrale Tests ein ARMA(1,1)-Rauschmodell, weil einfachere AR(1)-Annahmen laut ihrer Argumentation unzureichend wären.
Die wichtigsten Limitationen sind die Modellabhängigkeit der Bereinigung, die Sensitivität gegenüber kurzer jüngerer Zeitfenster und die Tatsache, dass selbst signifikante Ergebnisse in bereinigten Reihen keine automatische Garantie dafür sind, dass sich derselbe Trend unverändert fortsetzt. Das macht die Studie dennoch nicht schwach, aber sie sollte eher als quantitativ begründetes Warnsignal verstanden werden als als endgültiger Beweis dafür, dass die Erwärmung nun dauerhaft immer schneller werden muss.
Interessenkonflikte und Transparenz
Die Arbeit ist in Geophysical Research Letters erschienen und kein Preprint. In den ausgelesenen Textstellen der Studie finden sich Danksagungen und Angaben zur Open-Access-Finanzierung über Projekt DEAL. Zu spezifischen Interessenkonflikten liegen in den herangezogenen Quellen keine Angaben vor.
Fazit
Die neue Analyse liefert ein starkes Argument dafür, dass sich die menschengemachte Erwärmung im statistisch bereinigten globalen Temperatursignal seit Mitte der 2010er Jahre beschleunigt hat. Besonders relevant ist, dass dieses Ergebnis in fünf großen Datensätzen auftaucht und mit formalen Signifikanztests untermauert wird. Zugleich bleibt die Aussage von der Methode abhängig, mit der natürliche Schwankungen herausgerechnet werden, und genau dort setzen die wichtigsten fachlichen Einwände an.
Für die Wissenschaftskommunikation ist deshalb eine präzise Formulierung entscheidend: Die Erde erwärmt sich zweifellos weiter, und die jüngsten Jahre markieren außergewöhnlich hohe Erwärmungsraten. Ob man bereits von einer eindeutig robusten „Beschleunigung“ sprechen sollte, ist unter Fachleuten noch nicht vollständig ausdiskutiert. Als Warnung, dass das Zeitfenster für das 1,5-Grad-Ziel weiter schrumpft, ist die Studie aber in jedem Fall ernst zu nehmen.
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