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Wie nachhaltig ist die Psychologie? Neue Analyse zeigt blinde Flecken der Disziplin
15.3.26, 11:51
Psychologie, Gesellschaft

Psychologie erforscht soziale Probleme seit mehr als hundert Jahren – aber sehr ungleich verteilt
Die Psychologie beschäftigt sich mit vielen Themen, die heute unter den Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen, den Sustainable Development Goals oder kurz SDGs, verhandelt werden, schon sehr viel länger als seit deren offizieller Einführung im Jahr 2015. Zu diesem Ergebnis kommt eine neue, noch nicht peer-reviewte Preprint-Studie auf arXiv, die 233.061 psychologische Publikationen aus den Jahren 1894 bis 2022 auswertet. Die Autoren ordnen diese Veröffentlichungen automatisiert den 17 SDGs zu und zeichnen damit nach, welche gesellschaftlichen Probleme die Psychologie über mehr als ein Jahrhundert hinweg besonders stark bearbeitet hat – und welche kaum.
Im Zentrum stehen dabei vor allem Gesundheit, Bildung, Arbeit, Ungleichheit und Geschlechterfragen. Die Studie beschreibt eine historische Verschiebung: Früh dominierte in der Psychologie das Thema Arbeit, später gewannen Bildung und Ungleichheit an Gewicht, und seit den 1960er-Jahren nimmt Gesundheit eine besonders zentrale Rolle ein. Das spricht dafür, dass sich die Disziplin stark an gesellschaftlichen Prioritäten orientiert hat. Zugleich zeigt die Analyse, dass Umweltziele in der psychologischen Forschung bislang nur eine sehr geringe Rolle spielen.
Was die Studie genau untersucht hat
Methodisch handelt es sich nicht um eine klassische Einzelstudie mit Probandinnen und Probanden, sondern um eine bibliometrische Analyse. Bibliometrie untersucht wissenschaftliche Veröffentlichungen selbst: also etwa, welche Themen in der Forschung auftauchen, wie häufig sie publiziert werden, aus welchen Ländern sie stammen und wie stark sie zitiert werden. Für die vorliegende Arbeit nutzte das Team Metadaten des vollständigen Zeitschriftenbestands der American Psychological Association, kurz APA. Erfasst wurden Autorennamen, Titel, Abstracts und Journalinformationen von 233.061 Artikeln.
Um die Texte den SDGs zuzuordnen, verwendeten die Autoren das R-Paket „text2sdg“. Dieses System arbeitet mit einem Ensemble aus abfragebasierten Klassifikationsregeln und sucht in Titeln und Abstracts nach sprachlichen Mustern, die auf bestimmte Nachhaltigkeitsziele hinweisen. Der Vorteil dieses Ansatzes liegt darin, dass nicht nur Artikel erkannt werden, die die SDGs ausdrücklich nennen. So lassen sich auch ältere Publikationen einbeziehen, die inhaltlich klar zu Themen wie Gesundheit, Armut oder Bildung gehören, aber lange vor 2015 erschienen sind.
Ein Fach mit klaren Schwerpunkten – und deutlichen Leerstellen
Die Ergebnisse legen nahe, dass die Psychologie über Jahrzehnte hinweg vor allem dort stark war, wo individuelles Verhalten, Lernen, Gesundheit und soziale Ungleichheit im Vordergrund stehen. Das ist wenig überraschend, aber in dieser Breite bislang kaum systematisch belegt worden. Auffällig ist, dass ausgerechnet Umwelt- und Ökosystemthemen, die für die SDG-Agenda zentral sind, in der psychologischen Forschung fast nicht vorkommen. Die Autoren sprechen hier ausdrücklich von „blinden Flecken“ des Fachs.
Inhaltlich ist das relevant, weil nachhaltige Entwicklung nicht nur technische oder ökonomische Lösungen braucht, sondern auch Wissen über menschliches Verhalten: etwa darüber, wie Menschen Risiken wahrnehmen, warum sie ihr Verhalten ändern oder eben nicht ändern, wie soziale Normen entstehen und wie Institutionen Vertrauen gewinnen oder verlieren. Gerade deshalb wirkt die geringe Präsenz ökologischer SDGs in der Psychologie bemerkenswert. Sie deutet darauf hin, dass ein Teil des potenziellen Beitrags der Disziplin zur Nachhaltigkeitsdebatte bislang ungenutzt bleibt. Diese Schlussfolgerung ist eine inhaltliche Einordnung auf Basis der vorgelegten Muster, nicht der Nachweis einer Ursache.
Dominanz des Globalen Nordens
Ein zweites zentrales Ergebnis betrifft die geografische Verteilung der Forschung. Für die Zeit ab 1988, weil frühere Datensätze unvollständige Länderinformationen enthalten, berechneten die Autoren nationale Beiträge zu SDG-bezogener Psychologieforschung. Dabei dominiert die USA sehr deutlich: 72,6 Prozent der SDG-relevanten Publikationen enthalten mindestens eine US-Affiliation. Dahinter folgen mit großem Abstand Kanada mit 6,0 Prozent, das Vereinigte Königreich mit 3,8 Prozent sowie Australien und Deutschland mit jeweils 2,4 Prozent. China taucht zwar unter den zehn wichtigsten Ländern auf, bleibt im Datensatz aber bei 0,6 Prozent.
Diese Zahlen bedeuten nicht, dass ausschließlich US-Forschende die Agenda bestimmen. Sie zeigen aber eine starke Konzentration wissenschaftlicher Sichtbarkeit in wenigen, überwiegend wohlhabenden Ländern. Die Autoren ordnen das selbst als Konzentration in „WEIRD“-Kontexte ein, also westliche, gebildete, industrialisierte, reiche und demokratische Gesellschaften. Für geistes- und sozialwissenschaftliche Forschung ist das besonders wichtig, weil Fragestellungen, Methoden und Prioritäten immer auch von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geprägt sind. Wenn bestimmte Regionen unterrepräsentiert sind, kann auch die wissenschaftliche Problemwahrnehmung verzerrt sein.
Geschlechterverteilung: etwa ein Drittel Frauen, aber nicht in allen Themenfeldern gleich stark
Auch die Autorenschaft wurde untersucht. Frauen stellen den Angaben zufolge ungefähr ein Drittel der Autorinnen und Autoren in SDG-bezogener Psychologieforschung. Sie sind besonders stark in sozialen und gesundheitsbezogenen Themen vertreten, während sie in stärker technisch oder STEM-nah geprägten SDG-Bereichen unterrepräsentiert bleiben. STEM steht für Science, Technology, Engineering and Mathematics, also naturwissenschaftlich-technische Felder.
Das ist keine Aussage über individuelle Fähigkeiten oder Interessen, sondern über Muster in der wissenschaftlichen Beteiligung. Die Studie selbst verweist darauf, dass solche Unterschiede mit Spezialisierungen, institutionellen Strukturen, Förderbedingungen und Karriereverläufen zusammenhängen könnten. Belegt wird hier allerdings vor allem die Verteilung, nicht deren Ursache. Genau an dieser Stelle ist die Trennung von Beschreibung und Erklärung wichtig: Die Arbeit zeigt, wo Unterschiede auftreten, kann aber nicht kausal bestimmen, warum sie entstehen.
2015 als Wendepunkt für Sichtbarkeit und Zitationen
Besonders interessant ist der Befund zur wissenschaftlichen Resonanz. Laut Analyse erhielten SDG-bezogene psychologische Veröffentlichungen nach 2015 mehr Zitationen als vergleichbare nicht-SDG-bezogene Arbeiten. Vor 2015 lag SDG-nahe Forschung demnach eher leicht unter dem Niveau anderer Publikationen, danach kehrte sich dieses Muster um. Die Autoren interpretieren das als Hinweis darauf, dass die offizielle Einführung der SDGs als koordinierendes Signal wirkte: Forschung zu diesen Themen wurde leichter auffindbar, sichtbarer und womöglich auch attraktiver für Förderer und wissenschaftliche Anschlussarbeiten.
Methodisch nutzte das Team dafür ein Difference-in-Differences-Modell, also ein statistisches Verfahren, das Veränderungen vor und nach einem definierten Zeitpunkt zwischen Gruppen vergleicht. Verglichen wurden normalisierte Zitationswerte, also Zitationen, die nach Fachgebiet und Erscheinungsjahr angepasst wurden. Das reduziert Verzerrungen, weil ältere oder in besonders zitierfreudigen Teilfeldern erschienene Arbeiten sonst systematisch im Vorteil wären. Auch hier gilt jedoch: Das Modell stützt die Interpretation eines Einschnitts im Jahr 2015, beweist aber nicht endgültig, dass die SDG-Einführung allein die Ursache der höheren Sichtbarkeit war.
Was die Studie nicht leisten kann
So aufschlussreich die Analyse ist, sie hat klare Grenzen. Erstens basiert sie auf APA-Daten und bildet damit nicht die gesamte globale Psychologie vollständig ab. Forschung aus anderen Datenbanken, Regionen, Sprachen oder Publikationskulturen kann unterrepräsentiert sein. Zweitens arbeitet die SDG-Zuordnung mit einem textbasierten Klassifikationssystem. Solche Systeme sind transparent und nachvollziehbar, aber nicht fehlerfrei; sie hängen von Schlüsselbegriffen und sprachlichen Konventionen ab und können Bedeutungsverschiebungen über lange Zeiträume nur begrenzt abbilden.
Drittens ist die Arbeit ein Preprint auf arXiv und damit noch nicht peer-reviewt. Das bedeutet nicht, dass die Ergebnisse unzuverlässig sind, wohl aber, dass sie noch kein formales Begutachtungsverfahren durchlaufen haben. Für eine starke wissenschaftsjournalistische Einordnung ist dieser Punkt zentral, weil es sich um eine methodisch anspruchsvolle, aber eben vorläufige Veröffentlichung handelt.
Warum die Ergebnisse über die Psychologie hinaus wichtig sind
Die Studie liest sich auch als Diagnose moderner Wissensproduktion. Sie zeigt, wie stark wissenschaftliche Aufmerksamkeit an politische Leitbegriffe, institutionelle Rahmen und globale Machtverhältnisse gekoppelt ist. Dass die Psychologie soziale Ungleichheit, Bildung und Gesundheit seit langem intensiv bearbeitet, ist ein starkes Signal für ihre gesellschaftliche Relevanz. Gleichzeitig offenbaren die Daten, dass zentrale Zukunftsfragen wie Klima, Biodiversität oder nachhaltige Ressourcennutzung im Fach noch nicht annähernd denselben Stellenwert haben.
Für die Geistes- und Sozialwissenschaften insgesamt ist das ein interessanter Befund, weil er zwei Dinge zugleich sichtbar macht: Erstens folgen Forschungsagenden keineswegs nur der inneren Logik eines Fachs, sondern auch gesellschaftlichen Problemdeutungen. Zweitens bedeutet öffentliche Relevanz nicht automatisch thematische Ausgewogenheit. Wo geforscht wird, hängt auch davon ab, wer Ressourcen, institutionelle Reichweite und Deutungsmacht besitzt. Genau deshalb ist die Frage, welche Themen unterbelichtet bleiben, fast ebenso wichtig wie die Frage, welche dominieren. Diese Schlussfolgerung ergibt sich aus der Kombination der Befunde, ist also eine journalistische Einordnung auf Grundlage der Studie.
Einordnung
Unterm Strich liefert die Arbeit keine neue psychologische Theorie, sondern eine groß angelegte Selbstvermessung des Fachs. Gerade das macht sie interessant. Sie zeigt, dass Psychologie gesellschaftliche Prioritäten oft früh aufgreift, aber zugleich bestimmte Problemfelder und Perspektiven systematisch vernachlässigt. Wenn die Disziplin ihren Beitrag zur Nachhaltigkeitsagenda bis 2030 ausbauen will, dürfte sie nicht nur mehr Forschung zu Klima- und Ökosystemfragen brauchen, sondern auch eine breitere internationale Beteiligung und vielfältigere wissenschaftliche Karrieren. Genau darin liegt der eigentliche Nachrichtenwert dieser Studie: weniger in einer einzelnen spektakulären Zahl als in der Frage, welche gesellschaftlichen Probleme die Psychologie sichtbar macht – und welche bislang am Rand bleiben.
Interessenkonflikte
Laut Preprint erklären die Autoren, dass keine konkurrierenden Interessen vorliegen. Als Förderung genannt wird eine Unterstützung für Dirk U. Wulff durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft. Die Daten selbst sind nicht öffentlich teilbar, weil ihre Nutzung an eine Datenvereinbarung mit der APA gebunden ist.
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