Wissenschaftliche Meldungen
Babys sehen die Welt komplexer, als wir dachten — schon mit zwei Monaten
2.2.26, 17:19
Bildung, Neurowissenschaft

Frühkindliche Gehirnentwicklung neu gedacht
Eine aktuelle Studie aus der kognitiven Neurowissenschaft zeigt: Bereits zwei Monate alte Babys können Objekte im Gehirn unterscheiden – und zwar auf einer tieferen Ebene, als lange angenommen wurde. Die Forschenden konnten nachweisen, dass Säuglinge in diesem sehr frühen Alter visuelle Kategorien bilden, etwa zwischen lebenden und unbelebten Dingen. Damit rücken grundlegende Fähigkeiten der Wahrnehmung deutlich weiter nach vorn im Entwicklungsverlauf, als es viele Lehrbücher bislang nahegelegt haben.
Die Ergebnisse stellen eine verbreitete Annahme in Frage, wonach solche Kategorien erst ab etwa drei bis vier Monaten entstehen. Stattdessen legt die neue Arbeit nahe, dass zentrale Strukturen des Denkens bereits vorhanden sind, bevor sie sich im beobachtbaren Verhalten klar zeigen.
Ein Blick ins wache Babygehirn
Möglich wurde diese Erkenntnis durch einen außergewöhnlichen methodischen Ansatz. Die Forschenden nutzten funktionelle Magnetresonanztomographie, um die Gehirnaktivität von Säuglingen direkt zu messen – und zwar im wachen Zustand. Insgesamt nahmen 130 Babys im Alter von rund zwei Monaten an den Untersuchungen teil. Während sie im Scanner lagen, betrachteten sie großformatige Bilder aus verschiedenen Kategorien, etwa Tiere, Pflanzen oder Alltagsgegenstände.
Im Gehirn der Babys zeigten sich dabei unterschiedliche Aktivitätsmuster je nach Objektkategorie. Das deutet darauf hin, dass ihr visuelles System diese Kategorien bereits unterscheidet. Der technische und organisatorische Aufwand war erheblich, da Säuglinge weder stillliegen noch Anweisungen befolgen können. Um dennoch verwertbare Daten zu erhalten, wurden die Kinder möglichst bequem gelagert und die Bildpräsentation speziell an ihre Wahrnehmung angepasst.
Mehr als nur Hinsehen: Warum das Ergebnis überrascht
Frühere Studien zur Säuglingswahrnehmung stützten sich meist auf indirekte Methoden, etwa darauf, wie lange Babys auf neue oder bekannte Reize schauen. Solche Blickzeit-Experimente liefern Hinweise darauf, dass Babys Unterschiede wahrnehmen, sagen aber wenig darüber aus, wie das Gehirn diese Informationen verarbeitet.
Die neue Studie geht einen Schritt weiter, indem sie direkt zeigt, dass das Gehirn bereits in den ersten Lebenswochen Kategorien bildet. Damit wird deutlich: Manche kognitiven Fähigkeiten sind vermutlich früher vorhanden, als sie sich im Verhalten eindeutig zeigen. Das Gehirn scheint also schon vorbereitet, während die sichtbaren Reaktionen erst später folgen.
Kategorien werden mit der Zeit schärfer
Ein Teil der Kinder wurde im Alter von neun Monaten erneut untersucht. Bei diesen Folgemessungen zeigte sich, dass die neuronale Unterscheidung zwischen lebenden und unbelebten Objekten deutlich ausgeprägter war als noch mit zwei Monaten. Das spricht für einen kontinuierlichen Reifungsprozess: Die grundlegende Struktur ist früh vorhanden, wird aber im Laufe des ersten Lebensjahres immer differenzierter.
Diese Entwicklung passt zu dem Bild eines Gehirns, das von Beginn an aktiv strukturiert, seine Kategorien aber durch Erfahrung und Wachstum weiter verfeinert.
Bedeutung und offene Fragen
Die Studie liefert einen wichtigen Beitrag zur Frage, wie früh menschliches Denken beginnt. Sie legt nahe, dass zentrale kognitive Grundlagen nicht erst langsam aufgebaut werden, sondern bereits sehr früh angelegt sind. Gleichzeitig mahnen die Forschenden zur Vorsicht: Aus den Ergebnissen lässt sich nicht direkt ableiten, was Babys „verstehen“ oder „wissen“. Die gemessenen Aktivitätsmuster zeigen neuronale Unterscheidungen, keine bewussten Konzepte im erwachsenen Sinn.
Langfristig könnten solche Methoden jedoch helfen, frühe Entwicklungsverläufe besser zu verstehen. Denkbar ist etwa, neuronale Muster im Säuglingsalter mit späteren kognitiven Fähigkeiten in Beziehung zu setzen. Noch ist das Zukunftsmusik – aber die Studie öffnet ein neues Fenster in eine Phase des Lebens, die bislang weitgehend im Verborgenen lag.
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