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WTF-Fragen
 

Gab es Tempel, bevor es Städte gab?

 

Kategorie:

Archäologie

Der kurze TEASER:

Die Entdeckung von Göbekli Tepe in der Türkei hat die Geschichtsbücher neu geschrieben. Diese über 11.000 Jahre alte Stätte beweist, dass komplexe rituelle Zentren existierten, lange bevor Menschen sesshaft wurden und Ackerbau betrieben. Es stellt unsere Annahme auf den Kopf, dass Zivilisation mit Landwirtschaft begann.

Die ausführliche Antwort:

Stell dir vor, du gehst durch eine karge Landschaft in der heutigen Türkei, fernab von allem, was du über die Wiege der Zivilisation gelernt hast. Keine Städte, keine Schrift, keine Landwirtschaft, nur Jäger und Sammler, die in einer Welt lebten, die wir uns als archaisch und unstrukturiert vorstellen. Und dann stolperst du über etwas, das all deine Vorstellungen auf den Kopf stellt: riesige, kunstvoll behauene Steinsäulen, angeordnet in monumentalen Kreisen, die älter sind als die Pyramiden, älter als Stonehenge, älter als der Beginn des Ackerbaus. Das ist Göbekli Tepe. Als Klaus Schmidt, der deutsche Archäologe, diese Stätte in den 1990er Jahren zu erforschen begann, ahnte er nicht, dass er auf eine Entdeckung stieß, die unser Verständnis der menschlichen Geschichte grundlegend verändern würde. Was er fand, waren nicht nur Steine, sondern Zeugnisse einer Kultur, die wir uns in dieser Zeit schlichtweg nicht vorstellen konnten. Die T-förmigen Pfeiler, bis zu sechs Meter hoch und tonnenschwer, sind mit detaillierten Reliefs von Tieren – Schlangen, Skorpione, Raubvögel, Löwen – verziert, die eine unglaubliche künstlerische und handwerkliche Meisterschaft offenbaren. Du stehst davor und fragst dich: Wer hat das gebaut? Und vor allem: Warum? Die herkömmliche Lehrmeinung besagt: Menschen werden sesshaft, erfinden den Ackerbau, produzieren Überschüsse, bilden größere Gemeinschaften, die dann wiederum komplexe soziale Strukturen und monumentale Bauwerke wie Tempel oder Städte ermöglichen. Kurz gesagt: Erst die Revolution durch die Landwirtschaft führte zur Zivilisation. Göbekli Tepe dreht dieses Narrativ um. Es wurde vor etwa 11.600 Jahren errichtet, in einer Zeit, die wir als prä-neolithisch bezeichnen, als die Menschen noch Jäger und Sammler waren. Sie lebten von dem, was die Natur bot, zogen umher und hatten angeblich weder die Kapazitäten noch die Notwendigkeit für solch gigantische Bauprojekte. Doch Göbekli Tepe beweist das Gegenteil. Die Archäologen vermuten, dass diese Stätte ein spirituelles Zentrum war, ein Ort der Zusammenkunft für verschiedene Jäger-und-Sammler-Gruppen aus einem weiten Umkreis. Vielleicht pilgerten sie hierher, um Rituale abzuhalten, gemeinsame Feste zu feiern oder ihre Vorfahren zu ehren. Das Erstaunliche daran ist die schiere Koordination, die ein solches Projekt erforderte. Du musst Hunderte von Menschen mobilisieren, um diese massiven Steine aus dem Steinbruch zu brechen, sie zu transportieren und dann mit solcher Präzision zu bearbeiten und aufzustellen. Dies impliziert eine komplexe soziale Organisation, eine Hierarchie und eine gemeinsame Vision, die wir zuvor erst mit dem Aufkommen von Landwirtschaft und festen Siedlungen in Verbindung gebracht haben. Was, wenn der Glaube, die Spiritualität oder das Bedürfnis nach Gemeinschaft der Motor für die Zivilisation war und nicht der volle Magen? Göbekli Tepe legt nahe, dass der Wunsch, sich zu versammeln und etwas Monumentales zu schaffen – vielleicht im Angesicht einer sich verändernden Welt nach der letzten Eiszeit – der Anstoß für die Sesshaftwerdung war. Die Menschen blieben vielleicht länger an einem Ort, um an diesem Heiligtum zu arbeiten oder es zu nutzen, und erst aus dieser Notwendigkeit heraus entstand die Idee, selbst Nahrung anzubauen, um die wachsende Bevölkerung zu versorgen. Ein weiteres Rätsel ist, warum die Stätte nach etwa tausend Jahren sorgfältig und absichtlich unter Tonnen von Erde und Schutt begraben wurde. War es, um sie zu schützen? Eine Art rituelles Ende? Oder musste Platz für etwas Neues geschaffen werden, als sich die Gesellschaften der Erbauer wandelten? Die Fragen sind zahlreich, die Antworten spärlich, aber jede neue Ausgrabung enthüllt weitere Details dieser unglaublichen prähistorischen Leistungen. Göbekli Tepe ist mehr als nur eine Ansammlung alter Steine. Es ist ein lebendiges Beispiel dafür, wie flexibel und anpassungsfähig die menschliche Gesellschaft schon immer war, und wie tief unser Bedürfnis nach Sinnstiftung und Gemeinschaft in uns verwurzelt ist. Es zeigt uns, dass unsere Vergangenheit vielleicht viel reicher und überraschender ist, als wir es uns je vorstellen konnten, und dass wir immer bereit sein sollten, unsere Annahmen neu zu überdenken. Das ist die wahre Schönheit der Archäologie: Sie erzählt uns nicht nur, wo wir herkommen, sondern auch, wie viel wir noch entdecken können – über die Welt und über uns selbst.
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