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WTF-Fragen
 

Haben die alten Griechen ihre strahlend weißen Marmorstatuen wirklich bunt angemalt?

 

Kategorie:

Kunst

Der kurze TEASER:

Ja, absolut! Die Vorstellung von der edlen, weißen Antike ist ein riesiges Missverständnis. Die Tempel und Statuen der Griechen waren knallbunt – wie eine überdimensionale Geisterbahn auf dem Jahrmarkt.

Die ausführliche Antwort:

Man schlendert durch die ehrwürdigen Hallen des Louvre, der Vatikanischen Museen oder des British Museum, die Augen gleiten über die makellosen, weißen Körper von Göttern und Helden. Der Laokoon kämpft in strahlendem Marmor mit den Schlangen, die Venus von Milo blickt uns aus der Reinheit des Steins an. Diese Ästhetik hat unsere Vorstellung von Schönheit, von Klassik und von der Antike selbst geprägt. Winckelmann, der Begründer der modernen Archäologie und Kunstgeschichte, schwärmte im 18. Jahrhundert von „edler Einfalt und stiller Größe“ und meinte damit genau dieses reine Weiß. Er und Generationen von Künstlern und Gelehrten nach ihm sahen darin den Gipfel der Zivilisation. Das Problem ist nur: Es ist falsch. Komplett falsch. Diese Vorstellung ist das Ergebnis einer Mischung aus selektiver Wahrnehmung, jahrhundertelanger Verwitterung und einem hartnäckigen Festhalten an einem liebgewonnenen Irrtum. Die Wahrheit ist viel schriller, lauter und, man könnte fast sagen, geschmackloser für unser modernes Empfinden. Stellt man sich eine griechische Tempelanlage oder eine römische Villa vor, muss man das Bild einer minimalistischen, weißen Architektur komplett über Bord werfen. Stattdessen sollte man an Las Vegas denken, an einen indischen Holi-Farben-Festival oder an die grell bemalten Figuren auf einem Volksfest-Karussell. Die antiken Statuen waren von Kopf bis Fuß bemalt, oft in den kräftigsten Farben, die man damals herstellen konnte. Rote Lippen, schwarze Haare, blaue Augen, goldene Rüstungen und Gewänder in leuchtendem Purpur, Grün oder Gelb. Sogar die Haut hatte einen lebensechten Farbton. Die Archäologen nennen dieses Forschungsfeld „Polychromie“, die Lehre von der antiken Vielfarbigkeit. Aber woher wissen wir das so genau? Die Spuren sind winzig, aber unübersehbar für das geschulte Auge und die moderne Technik. Über Jahrhunderte wurden die Farbreste von Wind, Wetter und saurem Regen abgetragen. Was übrig blieb, waren mikroskopisch kleine Pigmentpartikel, die in den Poren und winzigen Vertiefungen des Marmors überdauerten. Lange Zeit wurden diese Spuren übersehen oder sogar bei der Reinigung der Statuen im 19. Jahrhundert aggressiv weggeschrubbt, um dem Ideal des reinen Weißes zu entsprechen. Doch seit den 1980er-Jahren hat sich das Blatt gewendet. Der deutsche Archäologe Vinzenz Brinkmann hat die Forschung revolutioniert. Mit hochintensiven Lichtquellen, UV-Fotografie, Röntgenfluoreszenzanalyse und anderen nicht-invasiven Methoden kann sein Team die chemische Zusammensetzung dieser Pigmentreste sichtbar machen. Unter UV-Licht leuchten die Überreste organischer Bindemittel und mineralischer Pigmente auf und verraten ihre ursprüngliche Position. So entstehen detaillierte „Farb-Landkarten“ auf den Statuen. Man fand Spuren von Ocker für Gelb- und Brauntöne, Zinnober für leuchtendes Rot, Azurit oder ägyptisch Blau für Blautöne, Malachit für Grün und Arsen-Schwefel-Verbindungen für ein intensives Gelb. Die berühmte „Peploskore“, eine Mädchenstatue von der Athener Akropolis (ca. 530 v. Chr.), zeigt unter der Analyse ein Kleid, das mit komplexen Mustern von Tieren und Ornamenten in Rot, Grün und Blau verziert war. Selbst die Augen waren nicht leer, sondern oft aus farbigem Glas oder Edelsteinen eingelegt, um einen lebensechten Blick zu erzeugen. Die berühmte Statue des Kaisers Augustus von Primaporta war ebenfalls ein Farbspektakel. Seine Rüstung war detailliert bemalt und erzählte in leuchtenden Farben von seinen militärischen Siegen. Warum aber diese Farbenpracht, die uns heute fast kitschig erscheint? Für die Griechen hatte Farbe eine immense symbolische und narrative Kraft. Sie machte die Statuen lebendig. Eine Statue war nicht nur ein Abbild, sie war eine Art Stellvertreter, eine Manifestation des dargestellten Gottes oder Helden. Farbe war ein Mittel, um Realismus und Göttlichkeit zugleich auszudrücken. Gold an einer Rüstung symbolisierte nicht nur Reichtum, sondern auch die übermenschliche Natur des Trägers. Bestimmte Farben waren mit bestimmten Göttern assoziiert. Zudem spielten die Statuen eine Rolle im öffentlichen und religiösen Leben. Sie standen in Tempeln, die ebenfalls bunt bemalt waren, und auf öffentlichen Plätzen. Sie mussten aus der Ferne erkennbar und eindrucksvoll sein, ihre Geschichten und Attribute mussten für jeden, auch für Analphabeten, sofort lesbar sein. Das reine Weiß des Marmors, das wir so bewundern, war für die Griechen vermutlich nur die Leinwand, die Grundierung für das eigentliche Kunstwerk. Eine unbemalte Statue wäre für sie unfertig, seelenlos und nackt gewesen. Das Festhalten am "weißen Mythos" sagt daher mehr über uns und unsere eigenen ästhetischen Ideale aus, die durch die Renaissance und den Klassizismus geformt wurden, als über die Antike selbst. Es ist ein faszinierendes Beispiel dafür, wie unsere kulturelle Brille die Vergangenheit filtert und manchmal ein völlig verzerrtes Bild erzeugt.
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